Während überall größer, lauter, schneller inszeniert wird, entscheidet sich Loro Piana im Rahmen der Milan Design Week für das Gegenteil. Kein Effekt, kein Spektakel, sondern ein Objekt, das man beinahe übersehen könnte: das Plaid. Im Cortile della Seta wird daraus jedoch kein Nebenschauplatz, sondern der eigentliche Fokus – ein präziser Blick auf Material, Prozesse und die Frage, wie viel Gestaltung in etwas steckt, das so selbstverständlich wirkt.
Der Ausgangspunkt wirkt bewusst unspektakulär. Ein Plaid ist vertraut, fast beiläufig, verbunden mit Wärme, Rückzug und einem sehr privaten Moment. Und doch ist genau dieses scheinbar einfache Stück Textil bei Loro Piana seit den 1980er Jahren ein zentrales Experimentierfeld. Hier wurde getestet, verworfen, neu gedacht – lange bevor Interior im Luxuskontext eine eigene Selbstverständlichkeit entwickelte. In dieser Lesart ist das Plaid kein Accessoire, sondern ein kondensiertes Stück Wissen. Ein Träger von Technik, Materialverständnis und gestalterischer Präzision.





„Studies“ übersetzt diesen Ansatz in ein Format, das sich bewusst klassischen Präsentationslogiken entzieht. Keine lineare Dramaturgie, kein klar definierter Anfang, kein Ende, das alles zusammenführt. Stattdessen eine Serie von Fallstudien, die sich jeweils einem Objekt, einer Funktion oder einer Idee widmen. Kapitel I konzentriert sich vollständig auf das Plaid und öffnet daraus ein unerwartet komplexes Feld. Vierundzwanzig Stücke bilden den Kern der Inszenierung – jedes für sich eine eigenständige Untersuchung, mit eigener Struktur, eigener Logik und eigener gestalterischer Sprache.
Die Szenografie entwickelt sich als Bewegung durch den Raum. Holzelemente in unterschiedlichen Eichentönen strukturieren den Parcours, ohne ihn zu dominieren. Konstruktionen bleiben sichtbar, Verbindungen werden nicht kaschiert, sondern als Teil der Gestaltung verstanden. Es entsteht eine direkte, fast nüchterne Auseinandersetzung mit Material und Aufbau, die eher an Architektur erinnert als an klassische Ausstellungsgestaltung. Die Plaids hängen frei, leicht erhöht, ohne Inszenierung im klassischen Sinn. Stoff wird nicht drapiert, sondern gezeigt – in seiner Tiefe, mit all seinen Schichten, Spannungen und Übergängen.
Entscheidend ist die Gleichzeitigkeit von Ergebnis und Ursprung. Neben den fertigen Arbeiten stehen ihre Ausgangspunkte: Fasern, Garne, Prozesse. Elemente, die üblicherweise unsichtbar bleiben, rücken hier bewusst in den Vordergrund. Es geht nicht darum, etwas zu erklären, sondern darum, Komplexität sichtbar zu machen. Materialien wie Vicuña, Baby Cashmere, Cashmere, The Gift of Kings® oder Royal Lightness® erscheinen nicht als Statuscodes, sondern als Grundlage einer präzisen Auseinandersetzung mit Textil.
Dazu kommt ein Spektrum an Techniken, das fast wie ein eigenes Vokabular funktioniert. Handweberei, Jacquard, Stickerei, Applikation, Needle Punching, Siebdruck – jede Methode bringt ihren eigenen Rhythmus, ihre eigene Struktur, ihre eigene Form von Ausdruck mit. Einige Arbeiten wirken grafisch, andere beinahe skulptural, wieder andere bewegen sich in einem Zwischenbereich. Genau diese Verschiebungen lösen das Plaid aus seiner gewohnten Funktion und führen es in einen neuen Kontext. Es geht nicht mehr um Anwendung, sondern um Untersuchung.
Inhaltlich gliedert sich die Ausstellung in mehrere thematische Ebenen, die sich eher assoziativ als linear entfalten. Landschaften bilden einen ersten Ankerpunkt. Valsesia, die Region, in der Loro Piana gegründet wurde, steht dabei am Anfang. Daraus entwickeln sich Szenen, die eng mit dem Selbstverständnis der Maison verbunden sind: Berglandschaften, Schnee, Bewegung, Reisen. Es entsteht eine visuelle Erinnerung, die sich über Materialien, Farben und Strukturen vermittelt.
Auch die Codes des Hauses treten deutlich hervor. Motive wie das Belt-Detail oder der Suitcase Stripe erscheinen zunächst funktional, fast beiläufig. Und doch tragen sie eine Geschichte in sich, die weit über ihren ursprünglichen Zweck hinausgeht. In den Plaids werden diese Elemente neu interpretiert, verschoben und transformiert. Sie verlieren ihre ursprüngliche Funktion und gewinnen eine eigenständige visuelle Qualität.












Ein weiterer Strang führt in botanische Bildwelten. Die Distel, seit den 1950er Jahren Teil des Wappens, wird dabei zum zentralen Motiv. Ihre ursprüngliche Rolle – das Aufrauen von Stoffen – wird hier zur Referenz, zur Übersetzung in Struktur und Oberfläche. Pflanzen erscheinen nicht als Illustration, sondern als Ausgangspunkt für textile Kompositionen. Natur wird nicht reproduziert, sondern in Material überführt.
Schließlich gibt es Arbeiten, die sich vollständig von erkennbaren Motiven lösen. Textur, Volumen und Materialität treten in den Vordergrund, während klassische Muster in den Hintergrund rücken. Hier zeigt sich die experimentelle Dimension des Projekts am deutlichsten. Stoff wird zur Fläche, zur Struktur, fast zum Raum. Ein Feld, in dem sich Technik und Intuition begegnen.
Was bleibt, ist weniger eine Ausstellung im klassischen Sinn als ein präzise komponiertes Gesamtbild. Ein Ort, an dem sich Handwerk, Material und Gestaltung nicht erklären, sondern sichtbar werden. Loro Piana gelingt es, das Plaid aus seinem vertrauten Kontext zu lösen und als eigenständiges Designobjekt zu positionieren – ruhig, konzentriert und mit einer Klarheit, die sich nicht aufdrängt. Gerade im Kontext einer Woche, die oft von visueller Überladung lebt, wirkt dieser Ansatz überraschend konsequent. Kein Lärm, keine Effekte, sondern eine reduzierte, präzise Auseinandersetzung mit dem, was übrig bleibt, wenn alles Überflüssige verschwindet. Weitere Informationen unter Loro Piana

