Während des Fuorisalone 2026 richtet sich in Mailand der Blick einmal mehr auf das, was Design heute leisten kann. Nicht das Objekt steht im Zentrum, sondern der Raum dahinter, die Idee, die ihn formt, und die Frage, wie sich Alltag in Architektur übersetzen lässt. Im Palazzo Crespi wird genau diese Perspektive greifbar. Das Gebäude von Piero Portaluppi, lange ein stiller Protagonist der Mailänder Moderne, öffnet sich erstmals als Ausstellungsort und wird zur Bühne für ein Thema, das überraschend viel über Gegenwart erzählt: das Badezimmer. Was einst als funktionaler Nebenraum gedacht war, erscheint hier als kultureller Raum, als Spiegel gesellschaftlicher Entwicklungen und als Ort, an dem sich Intimität, Material und Gestaltung auf bemerkenswerte Weise verdichten.


Initiiert von Kaldewei, gemeinsam mit dem Mailänder Studio Parasite 2.0 und der Architekturhistorikerin Bianca Felicori, entfaltet „Bubbles of Time“ eine Inszenierung, die weniger Ausstellung als räumliche Erzählung ist. Im Mittelpunkt stehen Beziehungen: zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Material und Wahrnehmung, zwischen Funktion und Atmosphäre. Portaluppis Architektur bildet dabei mehr als nur den Rahmen. Seine Fassaden, die sich von dunklen Marmortönen am Sockel zu helleren Nuancen nach oben hin aufhellen, folgen einer präzisen Dramaturgie der Leichtigkeit. Innen setzt sich dieses Denken fort – in einer Sensibilität für Oberflächen, Proportionen und Übergänge, die bis heute erstaunlich gegenwärtig wirkt.
Genau hier setzt die Ausstellung an. Stahl-Emaille trifft auf historische Marmorsorten, nicht als Kontrast, sondern als bewusst gesetzte Gegenüberstellung. Material wird zum verbindenden Element, das Zeit überbrückt, ohne nostalgisch zu werden. Ein eigens entwickelter Farbton, ein gedämpftes Dusty Pink, greift die Nuancen von Portaluppis Steinoberflächen auf und überführt sie in eine Gegenwart, die leiser, aber präziser erscheint. Farbe funktioniert dabei nicht dekorativ, sondern atmosphärisch – als feiner Übergang zwischen Epochen.


Im Untergeschoss verdichtet sich diese Idee weiter. Ein von Parasite 2.0 entwickeltes Setting bringt ausgewählte Objekte in Beziehung zu ikonischen Innenräumen der Moderne. Die Badezimmer der Villa Necchi in Mailand oder der Villa Panza in Varese tauchen als Referenzen auf, nicht museal, sondern als Teil einer Entwicklungslinie, die bis in heutige Wohnkonzepte reicht. Fotografien, Monografien und räumliche Interventionen schaffen ein Geflecht aus Bildern und Gedanken, das sich eher erschließt als erklärt.
Im Zentrum steht die freistehende Badewanne als archetypische Form – reduziert auf das Wesentliche und zugleich aufgeladen mit Geschichte. Ihre Silhouette wirkt vertraut, beinahe selbstverständlich, und genau darin liegt ihre Wirkung. Sie erzählt von einem Moment, in dem das Bad begann, mehr zu sein als ein Ort der Hygiene. Ergänzt wird diese Perspektive durch neuere Entwürfe, die das Badezimmer als Raum der Konzentration lesen, als Rückzugsort innerhalb einer zunehmend offenen Wohnarchitektur. Duschflächen und Waschtische erscheinen in diesem Zusammenhang nicht als Einzelstücke, sondern als Bestandteile eines größeren Ganzen, präzise eingebettet und klar gedacht.


Die Grundlage für diese Erzählung liefert die Recherche von Felicori, deren Projekt Forgotten Architecture den Blick auf übersehene Kapitel der Architekturgeschichte lenkt. In diesem Kontext wird das Badezimmer als ritueller Raum sichtbar – als Ort, an dem sich technischer Fortschritt, materielle Kultur und individuelle Erfahrung begegnen. Es geht um Routinen, um Gesten, um Momente der Ruhe in einer Welt, die selten stillsteht.
„Bubbles of Time“ zeigt, wie viel Potenzial in genau diesen Zwischenräumen liegt. Vergangenheit wird hier nicht zitiert, sondern weitergeführt. Gegenwart erscheint nicht als Bruch, sondern als Fortsetzung. Und das Badezimmer, lange unterschätzt, rückt in den Fokus als ein Raum, der mehr über Lebensentwürfe erzählt als viele der sichtbaren Bereiche einer Wohnung. Vielleicht ist es genau diese leise Verschiebung im Denken, die den Reiz dieser Inszenierung ausmacht: Sie erklärt nichts, sie zeigt – und lässt Raum für eigene Bilder. WeitereInformationen unter KALDEWEI

