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Bücher statt Bildschirme

Kopenhagen hat ein neues Hotel. Und eines, das so gar nicht versucht, ein weiteres Instagram-Märchen mit Rooftop-Pool, Signature-Duft und austauschbarer Luxusästhetik zu sein. Hotel Frihavnen liegt in Nordhavn, jenem ehemaligen Industriehafen, der sich in den vergangenen Jahren zum vielleicht spannendsten Viertel der dänischen Hauptstadt entwickelt hat. Zwischen Backsteinfassaden, Architekturstudien in Beton und Glas, Hafenbecken und kleinen Cafés entstand hier ein Haus, das weniger Hotel als Haltung zur Gastfreundschaft ist – ohne je belehrend zu wirken.

Schon beim Betreten fällt auf, dass hier vieles anders läuft. Keine überladene Lobby. Keine Designgags um ihrer selbst willen. Stattdessen eine Atmosphäre, die sich eher wie die Wohnung eines stilbewussten Freundes anfühlt, der zufällig ein Faible für dänische Architekturgeschichte hat. Warme Farben, Naturstein, Messingdetails, handwerklich gefertigte Einbauten und Möbel, die nicht schreien müssen, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Verantwortlich für die Innenarchitektur ist Designer Leif Thingved, umgesetzt gemeinsam mit Hyld København und dem renommierten Architekturbüro Entasis. Das Ergebnis wirkt bemerkenswert entspannt. Nichts scheint inszeniert, obwohl jedes Detail offensichtlich durchdacht wurde. Genau darin liegt der Reiz. Hotel Frihavnen möchte nicht beeindrucken. Es möchte, dass man bleibt.

Diese Haltung zieht sich durch das gesamte Haus. Die 24 Zimmer und vier Suiten verzichten auf viele der üblichen Hotelstandards und setzen stattdessen auf intelligente Lösungen. Besonders charmant ist dabei ein Detail, das beinahe spielerisch daherkommt: Einige Zimmer verfügen über ein zusätzliches Bett, das tagsüber komplett unter dem eigentlichen Bett verschwindet. Erst bei Bedarf wird es hervorgezogen. Kein sperriges Zustellbett, keine improvisierte Notlösung, sondern eine überraschend elegante Antwort auf die Frage, wie modernes Reisen mit Freunden, Kindern oder spontanen Gästen aussehen kann. Ein kleines architektonisches Kunststück, das den Pragmatismus des Hauses perfekt beschreibt. Überhaupt scheint hier alles einem Gedanken zu folgen: Wie lebt man eigentlich gerne? Nicht für ein Wochenende. Sondern wirklich. Dazu gehören auch die Materialien. Marmorbäder treffen auf maßgefertigte Tischlerelemente. Messinggriffe, Natursteinoberflächen und textile Akzente schaffen Räume, die gleichzeitig robust und wohnlich wirken. Die Betten sind mit hochwertigen Geismar-Daunen ausgestattet, die eher an ein privates Zuhause als an ein Hotelzimmer erinnern. Wer morgens aufwacht, blickt nicht auf austauschbare Stadthotellerie, sondern auf einen Ort mit Charakter.

Selbst die Shampoo-Flaschen erzählen hier eine Geschichte. Statt anonymen Hotelprodukten stehen Pflegeprodukte von RAW Alchemy in eleganten Glasflaschen auf den Waschtischen. Sie sehen eher nach Concept Store in Kopenhagen als nach Hotellerie aus – und genau das macht den Unterschied. Hotel Frihavnen versteht es, selbst die kleinsten Dinge so auszuwählen, dass sie Teil des Gesamterlebnisses werden. Jedes Detail erzählt eine Geschichte. Bettwäsche von Geismars, Leuchten von Le Klint, Sofas von Eilersen und Bücher von Thiemers Magasin machen Hotel Frihavnen zu einer Art begehbarem Designführer durch zeitgenössisches Dänemark.

Und dann sind da die Bücher.

Während viele Hotels inzwischen damit beschäftigt sind, immer größere Fernseher an immer dünnere Wände zu hängen, hat Hotel Frihavnen einen anderen Weg gewählt. Hier gibt es in den Zimmern schlicht keine Fernseher. Stattdessen stehen Bücherregale. Bücher liegen auf Nachttischen, in Lounges und Gemeinschaftsbereichen. Sie gehören zum Konzept und sind kein dekoratives Accessoire. Gemeinsam mit dem traditionsreichen Thiemers Magasin wurde eine literarische Welt geschaffen, die Gäste dazu einlädt, langsamer zu werden. Eine fast radikale Idee in einer Zeit permanenter Ablenkung. Statt Netflix wartet ein Roman. Statt algorithmischer Vorschläge eine persönliche Entdeckung. Ab 2027 sollen daraus sogar Literatur-Retreats entstehen, bei denen Autorinnen, Autoren und Leserinnen und Leser für einige Tage zusammenkommen. Dass ein Hotel ausgerechnet auf Bücher setzt, wirkt überraschend zeitgemäß.

Auch die Auswahl der Möbel erzählt Geschichten. Le-Klint-Leuchten werfen ihr charakteristisches Licht auf Eilersen-Sofas. Entwürfe von GUBI, Kay Bojesen, Geismars und Junckers begegnen sich ganz selbstverständlich. Viele dieser Objekte gehören seit Jahrzehnten zur dänischen Wohnkultur und verleihen dem Haus eine Authentizität, die sich nicht kaufen lässt. Dabei geht es nie um Design als Statussymbol. Vielmehr entsteht das Gefühl, in einem sehr gut kuratierten Zuhause zu wohnen. Eines, in dem jemand lange darüber nachgedacht hat, welcher Stuhl an welchen Tisch gehört und warum eine bestimmte Leuchte genau dort stehen sollte.

Auch die Lage könnte passender kaum sein. Nordhavn ist jener Teil Kopenhagens, in dem die Stadt derzeit ihre Zukunft ausprobiert. Wo früher Kräne und Container das Bild bestimmten, entstanden neue Wohnquartiere, Galerien, Restaurants und kleine Läden. Morgens springen Nachbarn ins Hafenbecken. Mittags sitzen Kreative mit Laptops in Cafés. Abends füllen sich die Uferpromenaden mit Menschen, die den Sonnenuntergang über dem Wasser beobachten. Von Hotel Frihavnen aus lässt sich dieses neue Kopenhagen unmittelbar erleben. Nicht als Tourist, sondern fast wie ein Bewohner auf Zeit.

Wer mag, beginnt den Tag beim gemeinschaftlichen Frühstück an der langen Tafel, bevor es hinaus in die Stadt geht. Wer lieber bleibt, findet auf der Dachterrasse einen überraschend ruhigen Rückzugsort über den Dächern Nordhavns. Platz für bis zu 150 Gäste macht sie gleichzeitig zu einer der spannendsten Eventlocations des Viertels. Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Stärke dieses Hauses. Hotel Frihavnen versucht nicht, größer, lauter oder luxuriöser zu sein als andere Hotels. Es setzt stattdessen auf etwas, das selten geworden ist: Persönlichkeit. Die Zimmer fühlen sich bewohnt an, die Gestaltung wirkt ehrlich, und die Idee, Bücher über Bildschirme zu stellen, erzählt mehr über das Selbstverständnis des Hauses als jede Marketingkampagne.

In einer Zeit, in der viele Hotels austauschbar geworden sind, gelingt Hotel Frihavnen etwas Erstaunliches. Es schafft Erinnerungen nicht durch Spektakel, sondern durch die Summe kleiner, kluger Entscheidungen. Durch ein Bett, das verschwindet. Durch ein Buch, das plötzlich wichtiger wird als das Smartphone. Durch Pflegeprodukte, die aussehen, als kämen sie direkt aus einer Designgalerie. Und durch das Gefühl, für ein paar Tage Teil eines Kopenhagens zu sein, das die meisten Besucher nie kennenlernen. Weitere Informationen unter Hotel Frihavnen

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