Es sind nicht die großen Gesten, die gerade etwas verändern, sondern die Entscheidungen im Detail. Welche Materialien werden verwendet, woher sie kommen, wie sie altern, was sie hinterlassen. Rund um den World Earth Day rückt Ingolstadt Village genau diese Fragen in den Fokus – und stellt zwei Gründerinnen vor, die zeigen, wie konkret sich Innovation heute anfühlen kann. Ausgezeichnet mit dem „Unlock Her Future Prize“ der The Bicester Collection stehen Nuhayr Zein und Thamires Pontes für eine neue Generation von Materialdenken.


Was beide verbindet, ist weniger eine gemeinsame Ästhetik als ein gemeinsamer Ausgangspunkt: die Idee, dass Mode nicht am fertigen Produkt beginnt, sondern beim Rohstoff. Dass Innovation nicht nur im Design liegt, sondern in der Substanz. Und dass sich Luxus heute anders definieren muss – über Herkunft, Verantwortung und Prozesse.
Nuhayr Zein setzt genau dort an, wo eines der ältesten Materialien der Modegeschichte bislang kaum hinterfragt wurde. Mit ihrem Label Leukeather entwickelt sie eine Alternative zu klassischem Leder, die weder tierisch noch synthetisch ist. Ausgangspunkt sind die Schoten des Leucaena-Baums, die zu einer Oberfläche verarbeitet werden, die in ihrer Haptik und Optik vertraut wirkt – und gleichzeitig eine völlig neue Geschichte erzählt. Dabei geht es nicht nur um ein Ersatzmaterial, sondern um ein System. Leukeather bindet lokale Landwirtschaft ein, schafft neue Wertschöpfungsketten und verschiebt die Perspektive auf Luxus. Statt Exklusivität über Seltenheit zu definieren, entsteht sie hier über Wissen, Prozess und Herkunft. Ein Ansatz, der gerade in einer Branche, die lange auf Konventionen gebaut hat, fast leise radikal wirkt.
Auch Thamires Pontes denkt Material von Grund auf neu – allerdings mit einem anderen Ausgangspunkt. Ihr Unternehmen Phycolabs entwickelt textile Fasern aus Meeresalgen. Ein Rohstoff, der schnell wächst, kaum Ressourcen benötigt und vollständig biologisch abbaubar ist. Was nach Forschung klingt, ist längst auf dem Weg in die Anwendung. Der Übergang von der Laborphase in die Produktion markiert den nächsten Schritt, mit dem Ziel, eine echte Alternative zu synthetischen Fasern zu etablieren, die bislang einen großen Teil der Modeindustrie prägen.


Pontes’ Arbeit zeigt, wie sehr sich die Branche gerade verschiebt. Weg von der reinen Oberfläche, hin zu einem Verständnis von Material als Prozess. Technologien wie Wet Spinning ermöglichen es, organische Rohstoffe in industriell nutzbare Fasern zu überführen – ohne die bekannten ökologischen Kosten. Es entsteht ein neues Verhältnis zwischen Technologie und Natur, das nicht auf Gegensätzen basiert, sondern auf Verbindung.
In Ingolstadt Village treffen diese beiden Ansätze auf einen Kontext, der genau solche Perspektiven sichtbar macht. Die Initiative hinter dem „Unlock Her Future Prize“ geht dabei bewusst über klassische Förderung hinaus. Es geht nicht nur um Finanzierung oder Mentorship, sondern um Plattformen, Reichweite und Austausch. Um die Frage, wie Ideen in die Realität übersetzt werden können – und wie sie Teil eines größeren Diskurses werden. Gerade rund um den World Earth Day wird deutlich, wie sehr sich der Blick auf Nachhaltigkeit verändert hat. Es geht nicht mehr nur um Verzicht oder Optimierung, sondern um Neudenken. Um Materialien, die anders entstehen, anders funktionieren und andere Geschichten erzählen. Leukeather und Phycolabs stehen exemplarisch für diesen Wandel – nicht als ferne Zukunft, sondern als konkrete Entwicklung.
Was bleibt, ist eine neue Form von Klarheit. Innovation zeigt sich nicht mehr nur in spektakulären Entwürfen, sondern in den unsichtbaren Schichten darunter. In Fasern, Oberflächen, Prozessen. In Entscheidungen, die langfristig wirken. Oder anders gesagt: Die Zukunft der Mode beginnt nicht auf dem Laufsteg. Sondern genau hier. Weitere Informationen unter Unlock Her Future Prize
Fotos © Sam Simpson/Dave Benett, ©2024 Samuel Chaves/S4 PHOTOPRESS

