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Wenn Stoff zu Licht wird

Kopenhagen zeigte sich während der diesjährigen 3daysofdesign einmal mehr als Bühne für die unterschiedlichsten Strömungen der internationalen Designwelt. Zwischen Möbelneuheiten, Materialexperimenten und großen Markeninszenierungen gehörten oft jene Projekte zu den interessantesten, die sich einer eindeutigen Kategorie entzogen. Zu ihnen zählte die Präsentation von A-POC ABLE ISSEY MIYAKE in der Gallery 2112. Die japanische Marke war erstmals Teil des Festivals und brachte eine Arbeit nach Dänemark, die ihren Ursprung zwar in der Mode hat, sich inzwischen jedoch weit darüber hinausbewegt hat.

Wer den Ausstellungsraum betrat, begegnete einer Reihe leuchtender Objekte, die irgendwo zwischen Lampe, Textil und Skulptur angesiedelt waren. Auf den ersten Blick wirkten sie überraschend leicht. Ovale Drahtstrukturen trugen plissierte Schirme, deren Oberflächen an verwittertes Holz, geschichteten Stein oder natürliche Formationen erinnerten. Je nach Perspektive veränderten sich die Konturen, Schatten wanderten über die Faltenlandschaften und das Licht ließ immer neue Strukturen sichtbar werden. Die Objekte besaßen eine stille Präsenz. Sie drängten sich nicht in den Vordergrund, zogen die Aufmerksamkeit jedoch fast automatisch auf sich.

Entstanden sind die Leuchten im Rahmen des „TYPE-XIII Atelier Oï Project“, einer Zusammenarbeit zwischen A-POC ABLE ISSEY MIYAKE und dem Schweizer Designstudio atelier oï. Beide Partner verbinden ein Interesse an Konstruktion, Handwerk und der Frage, wie aus einfachen Bestandteilen etwas Unerwartetes entstehen kann. Die Schweizer Designer Aurel Aebi, Armand Louis und Patrick Reymond haben sich mit ihrem Studio seit den frühen 1990er-Jahren einen Namen gemacht, weil sie Architektur, Produktdesign und Szenografie nie getrennt voneinander betrachteten. Ähnliche Denkweisen prägen seit Jahrzehnten auch die Welt von Issey Miyake.

Dabei lohnt ein Blick zurück. Als Issey Miyake Ende der 1990er-Jahre das Konzept A-POC – A Piece Of Cloth – vorstellte, galt die Idee als revolutionär. Kleidung entstand nicht mehr aus zahlreichen Einzelteilen, sondern wurde direkt aus einem zusammenhängenden Gewebe entwickelt. Konstruktion, Material und Funktion verschmelzen zu einem einzigen Prozess. Was damals als Experiment begann, entwickelte sich zu einer der einflussreichsten Innovationen der zeitgenössischen Mode.

Unter der Leitung von Yoshiyuki Miyamae wurde diese Denkweise in den vergangenen Jahren konsequent weiterentwickelt. A-POC ABLE versteht sich weniger als klassische Modelinie als vielmehr als kreatives Labor, das neue Anwendungen für textile Technologien untersucht. Architektur, Produktgestaltung und Forschung gehören heute ebenso selbstverständlich dazu wie Bekleidung. Die Leuchtenserie „O Series“ ist Ausdruck dieser Entwicklung. Besonders faszinierend ist das Material, aus dem die Schirme gefertigt wurden. Verwendet wird eine von A-POC ABLE entwickelte Steam-Stretch-Technologie. Bereits während des Webprozesses werden bestimmte Bereiche des Textils so angelegt, dass sie sich durch Hitze verändern. Erst im nächsten Schritt entstehen jene charakteristischen Reliefs und Faltungen, die den Stoff dreidimensional wirken lassen. Die Oberfläche erinnert an geologische Schichten, an Maserungen oder an vom Wind geformte Landschaften. Nichts wirkt dekorativ oder aufgesetzt. Vielmehr entsteht der Eindruck, als hätte das Material seine endgültige Form selbst gefunden.

Für die in Kopenhagen gezeigte zweite Edition der O Series griffen die Designer Naturphänomene auf. Holz und Stein dienten als Inspirationsquelle für neue Farbwelten und Texturen. Statt diese Vorbilder wörtlich zu übersetzen, wurden ihre Eigenschaften abstrahiert. Die Schirme erinnerten an natürliche Materialien, ohne sie zu imitieren. Dadurch entstand eine subtile Spannung zwischen Bekanntem und Neuem, zwischen Handwerk und Technologie. Technisch wurden die Leuchten gemeinsam mit dem japanischen Spezialisten Ambientec entwickelt. Die tragbaren Lichtobjekte lassen sich flexibel im Raum platzieren, die Helligkeit kann in mehreren Stufen angepasst werden. Doch die technischen Eigenschaften rückten in der Ausstellung erstaunlich weit in den Hintergrund. Viel interessanter war die Wirkung der Objekte im Raum. Selbst ausgeschaltet wirkten sie wie eigenständige Skulpturen. Sobald Licht durch die textilen Strukturen fiel, veränderte sich ihre Erscheinung erneut.

Vielleicht lag gerade darin die Stärke der Präsentation. Während viele Neuheiten der Designwelt heute vor allem über Funktionen, Daten oder Nachhaltigkeitsversprechen kommuniziert werden, erzählte diese Arbeit von Atmosphäre. Von Licht, das durch Stoff wandert. Von Oberflächen, die ihre Wirkung erst bei genauer Betrachtung entfalten. Von Materialien, die vertraut erscheinen und dennoch etwas vollkommen Neues erzeugen. Die Ausstellung machte zugleich deutlich, wie fließend die Grenzen zwischen Mode, Produktdesign und Kunst geworden sind. Was ursprünglich aus der Beschäftigung mit Bekleidung hervorging, entwickelte sich zu einem Objekt für den Wohnraum. Dennoch blieb der Ursprung stets erkennbar. Die Falten, die Leichtigkeit und die Beweglichkeit der Textilien erinnerten daran, dass hier dieselben gestalterischen Prinzipien am Werk waren, die einst für Kleidungsstücke entwickelt wurden.

Zwischen den zahlreichen Premieren der 3daysofdesign gehörte die Präsentation von A-POC ABLE ISSEY MIYAKE zu den stilleren Entdeckungen. Gerade deshalb blieb sie in Erinnerung. Statt auf spektakuläre Effekte zu setzen, vertraute sie auf Material, Form und Licht. Mehr brauchte es nicht. Denn manchmal reicht ein Stück Stoff, um einen Raum völlig neu wahrzunehmen. Weitere Informationen unter ISSEY MIYAKE

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