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Weniger Messe, mehr Gefühl

Kopenhagen zeigt während 3daysofdesign nicht einfach Design, sondern setzt einen Zustand frei, der sich über die gesamte Stadt legt und Alltagsräume temporär neu codiert. Das Festival verzichtet bewusst auf ein zentrales Messegelände und verteilt sich stattdessen über Straßen, Höfe, Plätze, Ateliers und Wohnhäuser, wodurch Bewegung, Zufall und Wiederbegegnung zu festen Bestandteilen des Erlebnisses werden. Gestaltung wird nicht isoliert wahrgenommen, sondern entfaltet sich im Gehen, im Stehenbleiben, im Wiederkommen. In dieser Offenheit liegt die eigentliche Kraft des Events, das sich weniger über Programmpunkte als über Atmosphäre definiert. Kopenhagen wird zur Projektionsfläche für ein Verständnis von Design, das Präsenz erzeugt, ohne sich aufzudrängen, und das den Stadtraum als aktiven Mitspieler begreift.

Die Ausgabe 2025 steht unter dem Leitmotiv KEEP IT REAL und übersetzt diesen Anspruch nicht in Parolen, sondern in räumliche und inhaltliche Setzungen, die Authentizität, Handwerk, Gemeinschaft und Materialität sichtbar machen. Die Einführung von acht Design Districts verstärkt diese Lesart und gibt dem Festival eine neue innere Struktur, ohne seine Offenheit zu verlieren. Jeder District ist thematisch fokussiert, zugleich aber durchlässig gedacht, sodass Übergänge wichtiger sind als Grenzen. Orientierung entsteht nicht über starre Wege, sondern über neue i-Points, die als physische Ankerpunkte dienen, Informationen bündeln, Begegnungen ermöglichen und das Festival erstmals auch personell verorten, mit District Managern und Design Ambassadors als sichtbare Gastgeber im Stadtraum.

In diesem Geflecht aus Orten und Themen entfaltet sich 3daysofdesign als demokratisches Ereignis, das nicht auf Prestige zielt, sondern auf Teilhabe. Das Publikum bewegt sich zwischen etablierten Namen und jungen Positionen, zwischen ruhigen Installationen und dichten Gesprächssituationen, zwischen historischen Räumen und zeitgenössischen Interventionen. In Districts wie Christianshavn rücken Handwerk, Material und Prozesse in den Vordergrund, während in Amerikakaj Atmosphäre und Licht den Ton angeben und in Nordhavn Fragen von Gemeinschaft und urbanem Zusammenleben verhandelt werden. Frederiksstaden wiederum setzt auf Authentizität und die Kraft historischer Substanz, während Kultur- und Perspektivfragen im Herzen der Stadt neue Lesarten von Designgeschichte eröffnen. Diese inhaltliche Vielfalt wird nicht kuratiert im Sinne einer linearen Erzählung, sondern entfaltet sich parallel, überlagert sich, widerspricht sich gelegentlich und gewinnt gerade daraus Spannung.
Auffällig ist, wie selbstverständlich Marken und Studios diese Offenheit annehmen.

Bei FOGIA, Vipp oder Kvadrat steht weniger das einzelne Objekt im Fokus als ein Denken in Systemen, Materialien und Zeiträumen. Präsentationen wirken ruhig, fast zurückhaltend, und setzen auf Konsequenz statt Effekt. Nachhaltigkeit erscheint hier nicht als Botschaft, sondern als implizite Haltung, die sich aus Langlebigkeit, Materialwahl und Produktionslogik ergibt. Erst im nächsten Schritt tritt Licht stärker in den Vordergrund, nicht als Spotlight, sondern als raumbildendes Element. Mitten im Hinterhof des Vipp Headquarters entstand während der 3daysofdesign in Kopenhagen ein Ort, der eher an eine filmische Rauminstallation erinnert als an ein klassisches Guesthouse. Gemeinsam mit Studio KO verwandelte Vipp eine ehemalige Garage in eine atmosphärische Mischung aus Architektur, Design und kulturellen Referenzen – geprägt von Yakisugi-Holz, kupferfarbenen Oberflächen und warmen Berberstoffen. Das Ergebnis wirkt roh, sinnlich und überraschend emotional.

Occhio und Louis Poulsen nutzen den urbanen Kontext, um Beleuchtung als Mittel der Atmosphäre zu zeigen, das Wege markiert, Übergänge betont und architektonische Strukturen neu lesbar macht. Licht wird Teil des Erlebnisses, verändert sich mit Tageszeit und Bewegung und macht deutlich, wie stark Wahrnehmung von Raum durch subtile Eingriffe geprägt wird.

Das Event lebt von dieser Vielschichtigkeit. Akustik, textile Elemente, Oberflächen und Gerüche formen temporäre Situationen, die sich nicht sofort erschließen, sondern Zeit verlangen. Viele Installationen wirken bewusst unvollständig oder prozesshaft, fast wie Momentaufnahmen eines fortlaufenden Dialogs. Diese kalkulierte Offenheit ist Teil der DNA von 3daysofdesign und setzt sich bewusst von klassischen Messeformaten ab, in denen Perfektion und Kontrolle dominieren. Stattdessen wird Raum gelassen für Irritation, für Zweifel, für das Nachdenken über die Rolle von Design jenseits von Produkt und Markt. Geschichte spielt dabei eine zentrale Rolle, allerdings ohne nostalgische Geste. Archive und Re-Editionen tauchen auf, werden überprüft, neu interpretiert und in die Gegenwart übersetzt. Vergangenes dient nicht als Dekor, sondern als Material, das aktualisiert und befragt wird.

Besonders konzentriert verdichtet sich diese Haltung bei Project MATERIA, realisiert von TABLEAU in Zusammenarbeit mit Édition Solenne. In einem Innenhof im Zentrum der Stadt entsteht ein Setting, das weniger Ausstellung als Situation ist. Marmor, Bronze und Glas treten hier nicht als Oberflächen auf, sondern als aktive Akteure mit Gewicht, Widerstand, Patina und einer eigenen Zeitlichkeit. Skulptur, Design und funktionale Objekte stehen gleichberechtigt nebeneinander und entfalten ihre Wirkung über Präsenz statt Erklärung. Licht, Umgebung und Bewegung verändern die Wahrnehmung der Arbeiten im Laufe des Tages, Gespräche entstehen beiläufig und werden Teil des Settings. Die beteiligten Positionen – Andres Reisinger, Cathrine Raben Davidsen, Forever Studio, Helle Mardahl, Jacob Egeberg, Laurids Gallee, Louise Roe, Onno Adriaanse und Willem Van Hooff – nutzen das Eventformat, um Prozesse sichtbar zu machen und Material als Partner zu begreifen, nicht als Werkzeug. Funktion erscheint hier nicht als Ziel, sondern als offenes Feld zwischen Gebrauch, Irritation und poetischer Andeutung. Dass sich Project MATERIA mit der Materia Lounge und der Roe Bar räumlich öffnet, verstärkt den Charakter eines sozialen Ereignisses, bei dem Essen, Trinken, Beobachten und Wiederkommen selbstverständlich ineinandergreifen.

Parallel dazu zeigen andere Setzungen des Festivals, wie unterschiedlich Inszenierung gelesen werden kann. Lee Broom arbeitet gezielt mit Theatralik und Dramaturgie, um Licht und Objekt in szenische Zusammenhänge zu stellen, während andere Präsentationen auf maximale Reduktion setzen und dem Raum selbst die Hauptrolle überlassen. Diese Gleichzeitigkeit widersprüchlicher Ansätze prägt das Bild von 3daysofdesign nachhaltig und macht deutlich, dass es hier nicht um einen einheitlichen Stil geht, sondern um Koexistenz. Architektur fungiert dabei meist als Resonanzraum, nicht als Bühne. Ateliers, Studios und temporäre Räume öffnen sich, machen Arbeitsweisen sichtbar und lassen Prozesse erkennbar werden, ohne sie didaktisch zu erklären.
Mit Hunderten kuratierten Ausstellungen und Zehntausenden Besucherinnen und Besuchern aus aller Welt wird das Festival zu einem globalen Treffpunkt, der dennoch lokal verankert bleibt. Die Offenheit des Formats, der freie Zugang und die enge Verzahnung mit dem städtischen Alltag machen 3daysofdesign zu einem Ereignis, das nicht über Zahlen oder Superlative definiert wird, sondern über Stimmung, Begegnung und gemeinsame Aufmerksamkeit. Gestaltung wird hier als soziale Praxis verstanden, als Mittel, Beziehungen zu stiften und Perspektiven zu öffnen. Kopenhagen bietet dafür den idealen Rahmen, nicht als Kulisse, sondern als aktiver Mitspieler, dessen Geschichte, Architektur und Lebensrhythmus Teil des Erlebnisses sind. Was bleibt, ist kein abgeschlossenes Narrativ, sondern ein verdichteter Moment, der nachwirkt, weil er sich nicht festlegt, sondern offen bleibt für Interpretation, Erinnerung und erneute Annäherung. Dabei wird spürbar, dass sich 3daysofdesign bewusst vom reinen Ausstellungsformat löst und stattdessen auf Beziehung setzt. Begegnungen entstehen nicht als Programmpunkt, sondern beiläufig, an i-Points, in Höfen, an langen Tafeln oder im Übergang zwischen zwei Räumen, wenn Gespräche über Material, Licht oder Prozesse plötzlich persönlicher werden. Diese soziale Dimension ist kein Nebenprodukt, sondern Teil der kuratorischen Idee.

Design wird hier nicht als fertige Antwort präsentiert, sondern als Einladung zur Teilhabe, zum Nachdenken, zum gemeinsamen Erleben. Gerade die neue Struktur der Design Districts verstärkt diesen Eindruck, weil sie Orientierung bietet, ohne den individuellen Weg vorzugeben. Jeder District entwickelt seine eigene Frequenz, seinen eigenen Rhythmus, und doch bleibt das Festival als Ganzes durchlässig. Die Stadt wirkt nicht fragmentiert, sondern vernetzt, verbunden durch Wege, Symbole und wiederkehrende Orte, die sich im Laufe der Tage vertraut anfühlen.

So entsteht ein Spannungsfeld zwischen Konzentration und Offenheit, zwischen kuratorischer Setzung und persönlicher Entdeckung. 3daysofdesign zeigt in dieser Form, dass Design dann am stärksten wirkt, wenn es nicht dominiert, sondern begleitet, wenn es Räume öffnet statt sie zu definieren und wenn es Menschen erlaubt, sich selbst darin zu verorten. Genau diese Zurückhaltung verleiht dem Event seine Nachhaltigkeit im eigentlichen Sinn, jenseits von Materialien oder Produktionsketten, als kulturelle Praxis, die Aufmerksamkeit schärft, Begegnungen ermöglicht und langfristig nachhallt. Weitere Informationen unter 3daysofdesign Fotos © Matteo Bellomo © Tobias Hoffmann © Tuala Hjarnø © Michael Falgren, Leica Camera © Stefania Zanetti © Sam Harrons

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