Ein Motiv zweimal zu malen, kann Zufall sein. Beim dritten Mal wird es verdächtig. Und spätestens wenn Palmen, Wälder, Zeichen und vertraute Formen über Jahre hinweg wieder auftauchen, stellt sich eine interessantere Frage als die nach ihrem Inhalt: Wie lange kann ein Bild dasselbe bleiben, bevor es etwas anderes wird? Genau diese Verschiebung lässt sich derzeit im Kulturforum Weißenburg beobachten. Unter dem Titel FIVE YEARS OF PAINTING sind dort fünfzehn Arbeiten von Björn Weltbrandt Wallbaum aus den Jahren 2021 bis 2025 zu sehen. Keine Retrospektive, dafür ist es ohnehin zu früh. Eher eine ziemlich präzise Untersuchung dessen, was passiert, wenn ein Künstler seinen eigenen Bildern über längere Zeit hinweg nicht ausweicht.
Wallbaum, der unter dem Künstlernamen Weltbrandt arbeitet, lebt und arbeitet heute in Palma de Mallorca. Davor lagen Italien, Barcelona, Berlin und München auf seiner Route – Orte, die zunächst wie die erwartbare Biografie eines europäischen Künstlers klingen. Interessanter ist, dass sein Weg zur Malerei keineswegs geradlinig verlief. Er studierte Innenarchitektur an der Karl-Blocherer-Schule in München, anschließend Bühnenbild bei Ezio Toffolutti an der Akademie der Bildenden Künste München, verbrachte mit einem Erasmus-Stipendium Zeit an der Facultat de Belles Arts in Barcelona und wechselte später in die Klasse von Magdalena Jetelová für Installation und Bildhauerei. 2011 machte er sein Diplom, anschließend wurde er Meisterschüler von Gerhard Merz. Dazu kamen Arbeiten im Theater- und Opernbereich sowie als Art Director für Design- und Architekturbüros in München und Berlin. Bevor Weltbrandt also Bilder malte, hatte er längst gelernt, Räume zu lesen, Oberflächen zu organisieren und Inszenierungen zu konstruieren.
Das merkt man seinen Arbeiten an, ohne dass sie wie angewandtes Design aussehen. Gerade darin liegt ihre Spannung. Weltbrandt verwendet ein Vokabular, das zunächst erstaunlich zugänglich erscheint: kräftige Farben, klare Konturen, Pflanzen, Landschaften und beinahe kindlich wirkende Zeichen. Nichts davon verlangt ein kunsthistorisches Handbuch am Eingang. Doch die vermeintliche Einfachheit ist eine Falle. Je länger der Blick bleibt, desto unsicherer werden die Verhältnisse. Formen kippen in Flächen, die räumliche Tiefe wird aufgehoben, Symbole entziehen sich einer eindeutigen Lesart. Was eben noch vertraut erschien, funktioniert plötzlich nach eigenen Regeln.






Ein wichtiger Ausgangspunkt dafür liegt im Jahr 2020. Während der COVID-19-Pandemie entstanden die Paradise Paintings. Lockdown und Isolation bildeten den Hintergrund einer Werkgruppe, deren Bildwelt zunächst demonstrativ nach dem Gegenteil aussah: nach Wärme, Leichtigkeit und einer Welt jenseits geschlossener Türen. Doch die exotische Vegetation funktionierte nicht als gemalter Reiseprospekt. Das Paradies wurde zur Projektionsfläche und damit zu einem Ort, der möglicherweise nur im Kopf existiert. Besonders die Palme eignete sich dafür perfekt. Kaum ein anderes Gewächs wurde kulturell derart zuverlässig mit Urlaub, Wohlstand, Sonne und Eskapismus aufgeladen. Weltbrandt interessierte weniger die Botanik als dieses bereits vorhandene Reservoir an Bildern.
Von dort führt FIVE YEARS OF PAINTING weiter. Kuratorin Martina Tauber präsentiert die verschiedenen Werkgruppen nicht als sauber voneinander getrennte Kapitel. Stattdessen lässt sie Verbindungen, Brüche und Nebenwege sichtbar werden. Tauber kennt Wallbaums künstlerische Entwicklung seit mehr als zwanzig Jahren. Die studierte Museologin und Kunsthistorikerin ist seit über 25 Jahren im internationalen Markt für zeitgenössische Kunst tätig und berät private Sammlerinnen und Sammler, Unternehmen und Institutionen. Heute arbeitet sie zwischen München, Weißenburg und Palma de Mallorca. Ihre Beschäftigung mit Architektur und Raum ist für diese Ausstellung besonders relevant, denn hier geht es nicht allein darum, welche Arbeiten nebeneinander hängen, sondern darum, was zwischen ihnen passiert. So entsteht keine simple Chronologie von 2021 bis 2025. Frühere Arbeiten erhalten durch spätere plötzlich eine andere Gewichtung; vermeintliche Seitenwege erweisen sich rückblickend als wichtige Verbindungslinien. Ein Material, das zunächst beiläufig erscheint, bekommt einige Bilder später eine zentrale Funktion. Größenverhältnisse verändern die Wirkung vertrauter Formen. Papier verlangt andere Entscheidungen als Leinwand, ein Relief wiederum behauptet sich anders im Raum als eine bemalte Fläche. Entwicklung wird dadurch nicht als gerade Linie präsentiert, sondern als Geflecht aus Entscheidungen, Versuchen und Konsequenzen.
Zu den gezeigten Arbeiten gehört das monumentale Gemälde Betty von 2021 ebenso wie Tropical Brutalism VI aus demselben Jahr. Auch die gemeinsam mit der bayerischen Modemarke ODEEH entstandene Spring/Summer Collection 2022 ist Teil der Präsentation. Spätere großformatige Leinwände wie Guten Abend, Gute Nacht von 2023 sowie Everything is Everything und Schöne neue Welt von 2025 markieren weitere Stationen. Aktuelle Arbeiten auf Papier ergänzen die Auswahl. Gerade diese Mischung verhindert, dass sich das Werk bequem auf ein einzelnes Medium oder eine dekorative Signatur reduzieren lässt.





Denn Weltbrandt hat ein durchaus kompliziertes Verhältnis zur Schönheit. Seine Bilder dürfen attraktiv sein, manchmal sogar ausgesprochen verführerisch. Farbe wird nicht vorsichtshalber intellektualisiert, nur damit niemand auf die Idee kommt, etwas schön zu finden. Gleichzeitig verweigern die Arbeiten jene gefällige Form zeitgenössischer Abstraktion, die inzwischen zuverlässig über Sofas, in Hotellobbys und zwischen Designklassikern funktioniert. Bei Weltbrandt kann eine harmonische Fläche von einem fast trotzig gesetzten Zeichen gestört werden; ein scheinbar dekoratives Motiv erhält plötzlich etwas Grobes, ein vertrauter Rhythmus wird unterbrochen. Schönheit bekommt einen kleinen Störsender eingebaut. Vielleicht kommt genau das aus seiner Vorgeschichte. Theater, Oper, Innenarchitektur, Installation, Bildhauerei, Art Direction – all diese Disziplinen beschäftigen sich auf unterschiedliche Weise mit Wirkung. Sie wissen, dass ein Objekt nie unabhängig von seiner Umgebung existiert und dass Größe, Abstand, Material oder Licht darüber entscheiden können, wie etwas wahrgenommen wird. Weltbrandts Malerei scheint dieses Wissen gespeichert zu haben. Seine Leinwand ist nicht bloß Oberfläche für eine Darstellung. Sie besitzt Maßstab, Körper und Präsenz.
Besonders deutlich wird das bei den großformatigen Waldlandschaften. Der Wald ist kunsthistorisch kein unschuldiges Motiv. Romantik, Märchen, Mythos, nationale Projektionen, Bedrohung und Rückzug haben ihn über Jahrhunderte mit Bedeutung überfrachtet. Weltbrandt liefert dazu keinen weiteren Kommentar in Öl. Seine Wälder interessieren vielmehr als visuelle Situationen. Vegetation verdichtet den Raum, Farbflächen bestimmen Tempo und Tiefe, der Blick findet Wege und verliert sie wieder. Das Bild verlangt keine Identifikation eines konkreten Ortes. Es genügt, dass der Betrachter glaubt, einen zu kennen. Das Spielerische bleibt dabei wichtig. Manche Zeichen könnten aus einem Skizzenbuch stammen, andere erinnern entfernt an Comics, Piktogramme oder beiläufige Kritzeleien. Ihre scheinbare Naivität kollidiert mit der Kontrolle, die an anderer Stelle im Bild sichtbar wird. Gerade dieser Gegensatz bewahrt die Arbeiten vor allzu großer Feierlichkeit. Weltbrandt scheint wenig Interesse daran zu haben, Malerei mit künstlichem Ernst auszustatten. Ein Bild darf intelligent sein, ohne streng auszusehen. Und es darf Witz besitzen, ohne zur Pointe zu werden.


Dass die Ausstellung im Kulturforum Weißenburg stattfindet, bekommt zusätzlich Gewicht, weil Wallbaum parallel einen sechswöchigen Artist-in-Residence-Aufenthalt in der Stadt absolviert. Ausstellung und Produktion fallen damit zusammen. Während Besucher Arbeiten aus fünf Jahren betrachten, befindet sich der Künstler nicht am Endpunkt dieser Auswahl, sondern bereits wieder im Atelier. Der Blick zurück findet mitten in der laufenden Arbeit statt.
Auch der Titel FIVE YEARS OF PAINTING passt zu dieser Nüchternheit. Kein Manifest, keine große Behauptung, kein Versuch, den Werken nachträglich eine spektakuläre Klammer zu verpassen. Fünf Jahre Malerei sind zunächst genau das: fünf Jahre Malerei. Der Titel überlässt es den Bildern, aus dieser Zeitspanne eine Geschichte zu machen. Begleitend zur Ausstellung erscheint die Monografie Five Years of Painting, die Weltbrandts Werk erstmals umfassender kunsthistorisch einordnet. Kuratorische Essays verfolgen darin die Entwicklung der einzelnen Werkserien und erweitern den Blick über die Ausstellung hinaus. Für einen Künstler, dessen Arbeiten aus unterschiedlichen Disziplinen, Orten und visuellen Erfahrungen gespeist werden, ist eine solche Einordnung mehr als Dokumentation. Sie hält einen Zwischenstand fest, bevor daraus irgendwann Kunstgeschichte werden könnte. Der Termin für den Book Launch mit Signing wird noch bekannt gegeben.
Und vielleicht ist genau das die angenehmste Eigenschaft von FIVE YEARS OF PAINTING: Die Ausstellung muss nichts abschließen. Sie zeigt einen Künstler bei der Arbeit an einem visuellen Vokabular, dessen Regeln zwar inzwischen erkennbar sind, dessen Möglichkeiten aber längst nicht ausgeschöpft wirken. Fünfzehn Arbeiten reichen aus, um Zusammenhänge zu erkennen – und sind gleichzeitig wenige genug, um Fragen offenzulassen. Am Ende ist eine Palme eben manchmal nur eine Palme. Bis jemand sie oft genug malt.
Björn Weltbrandt Wallbaum – FIVE YEARS OF PAINTING, kuratiert von Martina Tauber, vom 06.08. bis 06.09.2026 im Kulturforum Weißenburg

