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Ganz normal angezogen

Mode war in den vergangenen Jahren ein bisschen zu sehr damit beschäftigt, interessant auszusehen. Hosen wurden absurd weit, Sneaker erstaunlich groß, Logos unübersehbar und selbst ein Pullover brauchte plötzlich eine Geschichte, einen Drop und möglichst noch eine Warteliste. Inzwischen zeichnet sich eine Gegenbewegung ab: Kleidung darf wieder einfach gut aussehen, funktionieren und morgens keine Grundsatzentscheidung erfordern. Das klingt weniger spektakulär als der nächste Mikrotrend auf TikTok, könnte aber wesentlich länger halten. Genau in diesem Moment erscheint die Herbst-/Winter-Kollektion 2026/27 von Walbusch als bemerkenswert passend. Eine Marke, die jahrzehntelang eher für Verlässlichkeit als für modische Aufregung stand, entdeckt plötzlich einen Zeitgeist, der ihr entgegenkommt. Oder vielleicht hat sich auch nur der Zeitgeist in ihre Richtung bewegt.

Walbusch wurde 1934 von Walter Busch in Solingen gegründet und wird heute in dritter Generation von Christian Busch geführt. Zur Unternehmensgruppe mit mehr als 1.000 Mitarbeitenden gehören außerdem Mey & Edlich und Avena. Wer Walbusch lange vor allem mit Katalogen und komfortabler Freizeitkleidung verbunden hat, dürfte beim aktuellen Auftritt allerdings genauer hinsehen. Die Herbst/Winter-Kollektion 2026/27 präsentiert sich deutlich reduzierter, urbaner und ruhiger. Statt über modische Effekte funktioniert sie über Silhouetten, Materialien und Kombinationen, die nicht nach einer Saison wieder aus dem Kleiderschrank vertrieben werden müssen. Die Farbwelt bleibt entsprechend kontrolliert, Details werden sparsam eingesetzt, Damen- und Herrenlooks bewegen sich zwischen entspannter Freizeitkleidung und Smart Casual. Der von Walbusch verwendete Begriff „A Sense of Real“ klingt zunächst nach Marketing, trifft aber einen interessanten Nerv: Nach Jahren maximaler Selbstinszenierung könnte das Normale tatsächlich wieder eine gewisse Attraktivität besitzen.

Dazu passt, dass Komfort inzwischen seine modische Unschuld verloren hat. Lange war Bequemlichkeit etwas, über das Kleidung besser nicht zu laut sprach. Wer besonders gut aussehen wollte, musste offenbar bereit sein, ein wenig zu leiden: Schuhe drückten, Kragen scheuerten, Hosen saßen dort eng, wo ein menschlicher Körper gelegentlich Bewegungsfreiheit benötigt. Spätestens seit Homeoffice, Sneakerisierung und einer neuen Generation entspannterer Dresscodes hat sich diese Logik verändert. Komfort muss nicht mehr nach Funktionskleidung aussehen und Eleganz nicht zwangsläufig mit Steifheit bezahlt werden. Genau in diesem Zwischenraum positioniert Walbusch seine neue Kollektion. Hochwertige Qualitäten treffen auf praktische Details, klare Schnitte auf Beweglichkeit, klassische Kleidungsstücke werden so kombiniert, dass sie weder nach Businessuniform noch nach Wochenende im Funktionsparka aussehen. Das klingt zunächst unspektakulär – und ist gerade deshalb interessant. Denn die eigentliche Herausforderung alltagstauglicher Mode besteht nicht darin, auf einem Laufsteg für drei Minuten Aufmerksamkeit zu erzeugen. Sie muss an einem Dienstagmorgen funktionieren, nachmittags immer noch richtig sitzen und am Abend nicht aussehen, als hätte der Tag gegen sie gewonnen.

Auch die Bildsprache der Herbst/Winter-Saison 2026/27 folgt dieser Idee. Statt die Kleidung mit aufwendigen Kulissen und einer möglichst lauten Kampagnenästhetik zu überdecken, stehen Produkt, Material und Atmosphäre im Mittelpunkt. Die Inszenierung bleibt klar und modern, was zugleich eine Veränderung des Markenbildes erkennen lässt. Denn Traditionsunternehmen stehen irgendwann vor einem ziemlich unangenehmen Problem: Wie wird man zeitgemäßer, ohne verzweifelt jünger wirken zu wollen? Ein Hoodie, ein neues Logo und ein 22-jähriges Model lösen dieses Problem bekanntlich nicht automatisch. Glaubwürdiger ist es, vorhandene Stärken neu zu übersetzen. Bei Walbusch sind das Qualität, Alltagstauglichkeit und Komfort – Begriffe, die vor zehn oder fünfzehn Jahren kaum jemanden auf einer Fashion Week nervös gemacht hätten, inzwischen aber erstaunlich aktuell klingen. Langlebigkeit bekommt angesichts überfüllter Kleiderschränke eine neue Bedeutung, klassische Formen profitieren vom Ende mancher kurzlebiger Trendexzesse und ein Kleidungsstück, das sich vielseitig kombinieren lässt, besitzt plötzlich mehr Reiz als eines, das hauptsächlich auf einem Instagram-Foto funktioniert. Dass Walbusch diese Entwicklung nicht mit modischer Lautstärke beantwortet, ist vermutlich die klügere Entscheidung.

Interessant wird die Kollektion deshalb weniger durch ein einzelnes spektakuläres Kleidungsstück als durch das Gesamtbild. Walbusch versucht nicht, aus seinen Kundinnen und Kunden jemand anderen zu machen. Das ist im Modegeschäft fast schon ungewöhnlich. Schließlich lebt ein beträchtlicher Teil der Branche von der charmanten Behauptung, das nächste Kleid, die nächste Jacke oder zumindest die richtige Hose könne ein komplett neues Leben einleiten. Die Herbst/Winter-Kollektion 2026/27 verspricht deutlich weniger Drama: gute Materialien, ruhige Farben, durchdachte Details, tragbare Silhouetten und Kleidung für Männer und Frauen, die morgens möglicherweise Wichtigeres vorhaben, als ihren Look algorithmisch optimieren zu müssen. „A Sense of Real“ bekommt dadurch eine angenehm pragmatische Bedeutung. Vielleicht besteht moderner Luxus inzwischen gelegentlich darin, einen Mantel anzuziehen, der einfach ein guter Mantel ist. Keine Revolution. Aber die meisten Menschen müssen am nächsten Morgen schließlich auch ganz normal wieder vor die Tür. Weitere Informationen unter Walbusch

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