Mit URUSHI BODY überführt ISSEY MIYAKE eine Idee aus den Achtzigerjahren in die Gegenwart. Washi-Papier, japanischer Lack und 3D-Druck verbinden sich zu Kleidungsobjekten, die den Körper nicht einfach umhüllen, sondern neu vermessen. Mode hat Stoff über Jahrhunderte beigebracht, dem Körper zu gehorchen. Er soll fallen, fließen, sich dehnen, kaschieren oder Konturen möglichst vorteilhaft nachzeichnen. Bei ISSEY MIYAKE beginnt die interessantere Frage dort, wo das Material diese Gefälligkeit verweigert. URUSHI BODY, eine zentrale Serie der Herbst-Winter-Kollektion 2026/27, besteht aus starren, lackierten Formen, die eher an eine Schale als an ein gewöhnliches Kleidungsstück erinnern. Sie liegen nicht weich auf der Haut, sondern setzen ihr eine eigene Geometrie entgegen. Plötzlich ist der Körper nicht länger nur Träger der Mode. Er wird zum Gegenüber eines Objekts, dessen Volumen, Abstand und Bewegung mitbestimmt werden. Gerade diese kleine Machtverschiebung macht die Entwürfe so eindringlich: Was getragen wird, ordnet sich nicht unter, sondern tritt in einen stillen Austausch mit der Person darin.

Die Idee ist bei ISSEY MIYAKE nicht neu, aber sie kehrt unter veränderten Bedingungen zurück. Bereits in den Achtzigerjahren entwickelte Issey Miyake jene Arbeiten, die später unter dem Begriff BODYWORKS zusammengefasst wurden. Kunststoff, Papier und Draht formte er um den Torso und behandelte Kleidung damit weniger als dekorative Oberfläche denn als räumliche Untersuchung. Der menschliche Körper wurde nicht abgebildet, sondern durch Material sichtbar gemacht. Je deutlicher sich eine fremde Form um ihn legte, desto stärker trat seine eigene Präsenz hervor. Das war auch eine Absage an die Vorstellung, Mode müsse stets schmeicheln. Sie durfte sperrig sein, Abstand schaffen und den Blick irritieren. URUSHI BODY führt diesen Gedanken fort, ohne das Archiv bloß zu zitieren. Die Serie verknüpft die experimentelle Neugier der frühen Arbeiten mit Fertigungstechniken, die erst Jahrzehnte später verfügbar wurden, und mit einem Handwerk, dessen Geschichte noch viel weiter zurückreicht.


Ausgangspunkt sind zwei Kleidungsformen, die den Körper seit Langem definieren: der japanische Obi und das europäische Bustier. Beide strukturieren die Mitte, beide verändern die Silhouette, beide können zugleich schmücken und begrenzen. In URUSHI BODY begegnen sie sich jedoch nicht als folkloristische Referenzen. Ihre gemeinsame Idee – den Torso mit einer festen Form zu rahmen – wird auf das Wesentliche reduziert. Produziert werden die Stücke von Kunsthandwerkern in Echizen in der Präfektur Fukui, einem der traditionsreichsten Zentren für handgeschöpftes Washi-Papier. Große Papierbögen werden von Hand gerissen, mit Klebstoff Schicht für Schicht auf eine Form gelegt und zu einem dreidimensionalen Körper aufgebaut. Diese Form stammt aus dem 3D-Drucker. Präzision und Unregelmäßigkeit, digitale Berechnung und die Spuren der Handarbeit existieren dabei nicht nacheinander, sondern im selben Objekt.

Anschließend reisen die Rohlinge nach Kyoto. Dort erhalten sie mehrere von Hand aufgetragene Schichten Urushi-Lack. Das Verfahren nimmt dem Papier seine erwartete Zerbrechlichkeit und verleiht ihm Festigkeit, Tiefe und einen zurückhaltenden Glanz. Washi bleibt als warme, faserige Substanz spürbar, wirkt aber beinahe wie ein anderes Material. Genau in dieser Verwandlung liegt die Spannung der Serie. Ein Werkstoff, der mit Leichtigkeit, Falten und Vergänglichkeit verbunden wird, erscheint plötzlich geschlossen und widerständig. Die Oberfläche glänzt, ohne metallisch zu werden; die Form wirkt kostbar, ohne sich in Ornamenten zu verlieren. Auch die kleinen Abweichungen, die beim Reißen, Schichten und Lackieren entstehen, sind keine Fehler, die eine industrielle Produktion beseitigen müsste. Sie zeigen, dass hier Präzision nicht mit identischer Wiederholung verwechselt wird.


Die Kollektion trägt den Titel Creating, Allowing – Schaffen und Zulassen. Darin steckt ein produktiver Widerspruch, denn Mode entsteht gewöhnlich durch Entscheidungen: schneiden, formen, korrigieren, kontrollieren. ISSEY MIYAKE setzt diesem Gestaltungswillen die Fähigkeit entgegen, einem Material Raum zu lassen. Das klingt zunächst fast passiv, verlangt aber große Genauigkeit. Nur wer Eigenschaften, Grenzen und Reaktionen eines Werkstoffs versteht, kann entscheiden, an welcher Stelle ein Eingriff nötig ist und wann er die Wirkung eher schwächt. Bei URUSHI BODY wird die Form deshalb nicht mit Details überladen. Sie rahmt die Qualitäten von Washi und Lack, ohne deren Eigenleben vollständig zu glätten. Der Körper wiederum bringt Wärme und Bewegung in das starre Objekt. Mit jedem Atemzug verändert sich die Wahrnehmung der Schale, obwohl sie selbst kaum nachgibt.


So entstehen Stücke, die sich den vertrauten Kategorien entziehen. Sie sind Kleidungsstücke, aber ebenso skulpturale Körper; sie beruhen auf jahrhundertealten Techniken und wären ohne digitale Herstellung kaum in dieser Form denkbar. Vor allem stellen sie eine Frage, die in einer von Komfort, Elastizität und sofortiger Tragbarkeit bestimmten Mode selten geworden ist: Muss Kleidung dem Körper stets möglichst wenig Widerstand leisten? URUSHI BODY antwortet mit kontrollierter Unbequemlichkeit. Der starre Rahmen schränkt nicht nur ein, er lenkt die Aufmerksamkeit. Er verändert Bewegungsradius, Rhythmus und Selbstwahrnehmung – und macht damit spürbar, was Kleidung ohnehin immer tut, meist jedoch unbemerkt.
Ab September 2026 sind Bustier und Taillencorsett in Dunkelrot, Schwarz und Dunkelblau im Pariser Geschäft von ISSEY MIYAKE in der Rue François Ier erhältlich. Das Bustier kostet 7.800 Euro, das Taillenstück 5.500 Euro. Damit bewegen sich die Arbeiten im Bereich des Sammlerstücks. Wichtiger als ihre Alltagstauglichkeit ist jedoch die Konsequenz des Experiments. Parallel eröffnet am 1. September in Japan die Ausstellung „URUSHI BODY: Between Body and Matter“ an den Standorten ISSEY MIYAKE GINZA / 445, ISSEY MIYAKE SEMBA und ISSEY MIYAKE KYOTO. Abseits der Distanz des Laufstegs rückt dort ein Detail in den Mittelpunkt, das auf Bildern leicht verloren geht: die handgearbeitete Oberfläche, auf der keine Schicht vollkommen unsichtbar wird. Der Titel beschreibt präzise, was diese Entwürfe leisten: Sie besetzen den Zwischenraum, in dem der menschliche Körper und das Material einander nicht beherrschen, sondern gegenseitig definieren.

