regular

← Zur Übersicht

Die neue Höhenluft

5.500 Quadratmeter sind ziemlich viel Platz, um nichts zu tun. In Interlaken kann dieses Nichtstun allerdings erstaunlich anspruchsvoll werden: schwimmen, Hydrotherapie, Treatments, Champagner, Michelin-Küche – und zwischendurch die Jungfrau betrachten. Das Victoria-Jungfrau Grand Hotel & Spa macht aus Erholung inzwischen eine Disziplin, für die man beinahe einen Stundenplan braucht. Nur Stress sollte dabei besser keiner entstehen. Das traditionsreiche Grandhotel zwischen Thuner- und Brienzersee verbindet dafür zwei Welten, die vor einigen Jahren noch wenig miteinander zu tun hatten: klassische Schweizer Grandhotellerie und die neue Lust an Longevity, Regeneration und präzise kuratiertem Wohlbefinden. Im Zentrum steht das 5.500 Quadratmeter große Spa Nescens, ergänzt durch neue Retreats und eine Gastronomie, die von Scones bis zum Michelin-Stern reicht. Die Jungfrau steht derweil vor dem Fenster und erledigt zuverlässig den Teil mit der großen Kulisse.

Herzstück des Hauses ist das Spa Nescens. Ein 20-Meter-Pool gehört ebenso dazu wie Dampfbäder, Ruheräume, ein moderner Fitnessbereich und großzügige Behandlungsräume. Draußen kommen ein Solebad und der neue Pool Garden hinzu. 2026 erhielt das Spa im Falstaff Spa Guide 99 Punkte und wurde als bestes Classic Spa-Hotel der Schweiz ausgezeichnet. Eine Zahl, die zunächst nach Pokalvitrine klingt, aber auch zeigt, welchen Stellenwert Wellness inzwischen in der internationalen Hotellerie besitzt. Denn ein bisschen Sauna nach dem Skifahren reicht längst nicht mehr. Aus dem Spa ist eine eigene Destination geworden. Gäste buchen Hotels gezielt nach Behandlungen, Fitnessangeboten, Schlafprogrammen oder medizinischer Expertise. Erholung soll nicht nur angenehm sein, sondern möglichst messbare Resultate liefern. Das Vokabular hat sich entsprechend verändert: Aus Wellness wurde Wellbeing, aus Anti-Aging Longevity und aus dem Wochenende im Bademantel ein Programm für ein hoffentlich längeres, zumindest aber besseres Leben.

Kaum ein Begriff hat die Luxusindustrie zuletzt zuverlässiger elektrisiert als Longevity. Kliniken, Resorts, Beauty-Unternehmen und Nahrungsergänzungsmittelhersteller beschäftigen sich inzwischen mit der Frage, wie sich gesundes Altern beeinflussen lässt. Zwischen wissenschaftlich fundierter Prävention und ziemlich optimistischen Versprechen liegt dabei ein weites Feld. Im Victoria-Jungfrau kommt das Thema über Nescens ins Haus. Die Marke ist mit der Nescens Klinik in Genolier verbunden; für das Hotel wird daraus eine Kombination aus Bewegung, Hydrotherapie und gezielten Spa-Behandlungen.

Das Longevity Boost Program dauert zwei Tage. Wer tiefer einsteigen möchte, kann mehrtägige Retreats individuell buchen. Zwei Tage werden vermutlich niemanden unsterblich machen, aber genau darin liegt eine sympathische Dimension des Angebots: Es geht zunächst um Regeneration und darum, dem Körper für eine überschaubare Zeit mehr Aufmerksamkeit zu schenken als dem Posteingang.

Wer weniger ambitioniert entspannen möchte, bekommt zwei neue Signature-Erlebnisse. „Spa & Dinner“ verbindet den ganztägigen Zugang zum Spa mit einer 30-minütigen Behandlung, einem Glas Champagner und einem Drei-Gänge-Abendessen in der La Terrasse Brasserie. Das Arrangement ist von Donnerstag bis Montag ab 219 Schweizer Franken buchbar. „Glow & Gather“ richtet sich an mindestens zwei Personen: 90 Minuten Behandlung, Champagner und eine Spa-Apéro-Platte kosten 340 Schweizer Franken pro Person.

Interessant daran ist weniger der Champagner – den hat die Luxushotellerie schließlich schon an wesentlich ungewöhnlicheren Orten platziert – als die soziale Komponente. Wellness war lange eine bemerkenswert stille Angelegenheit. Bademantel an, Stimme runter, Telefon weg. Angebote wie „Glow & Gather“ machen daraus wieder etwas Gemeinschaftliches. Freunde treffen sich nicht nur an der Bar oder zum Dinner, sondern verbringen den Nachmittag gemeinsam im Spa. Selfcare bekommt Gesellschaft. Die Kulinarik übernimmt anschließend, und sie tut das im Victoria-Jungfrau auf zwei sehr unterschiedlichen Ebenen. Die La Terrasse Brasserie ist der unkompliziertere Teil. Schweizer Klassiker, internationale Gerichte und regionale Zutaten bestimmen die Karte, am Nachmittag wird klassischer Afternoon Tea mit hausgemachten Scones und ausgewählten Tees serviert. Dazu der Blick auf das Jungfraumassiv. Eine Aussicht, die glücklicherweise keine weitere Inszenierung benötigt.

Deutlich strenger zieht Radius by Stefan Beer seine Kreise. Executive Küchenchef Stefan Beer arbeitet dort nach einem selbst auferlegten geografischen Prinzip: Für das „Menü vo hie“ stammen sämtliche sichtbaren Zutaten aus einem Umkreis von maximal 50 Kilometern. Auch die Weinbegleitung bleibt im Kanton Bern.

Das Wort „sichtbar“ ist dabei eine kleine, aber wichtige Präzisierung. Eine Küche, die wirklich jede einzelne Zutat ausschließlich innerhalb von 50 Kilometern beschaffen wollte, würde spätestens bei bestimmten Gewürzen vor interessanten logistischen Problemen stehen. Die Regel funktioniert deshalb weniger als Dogma denn als kreativer Rahmen. Das Berner Oberland bestimmt, was auf den Teller kommt – nicht irgendeine internationale Wunschliste, die anschließend eingeflogen werden muss.

Dass daraus mehr als gut gemeinte Regionalromantik entsteht, zeigen die Auszeichnungen: Radius trägt einen Michelin-Stern, zusätzlich den Grünen Michelin-Stern und 17 GaultMillau-Punkte. Regionalität wird hier nicht als Dekoration eingesetzt, sondern als produktive Einschränkung. Wer den Radius verkleinert, muss genauer hinsehen. Plötzlich werden Produzenten, Jahreszeiten und Produkte interessant, die in einer globalisierten Spitzenküche leicht übersehen werden könnten.

Unter einem Dach existieren damit ziemlich unterschiedliche Vorstellungen von Genuss. Nachmittags können Scones auf der Terrasse stehen, abends wird im Radius über die kulinarischen Möglichkeiten eines 50-Kilometer-Kreises nachgedacht, dazwischen wartet die Hydrotherapie. Das könnte wie ein Sammelsurium zeitgenössischer Luxusbegriffe wirken. Tatsächlich erzählt es ziemlich genau, was sich in der Grandhotellerie gerade verändert.

Ein großes Zimmer, tadelloser Service und ein beeindruckendes Frühstücksbuffet reichen als Argument nicht mehr automatisch aus. Luxus wird zunehmend über Zeit, Raum, Gesundheit, Natur und besondere Erfahrungen definiert. Das verändert auch traditionsreiche Häuser. Sie müssen ihre Geschichte nicht abschütteln, aber etwas mit ihr anfangen. Der Kronleuchter darf bleiben. Er muss nur nicht mehr die interessanteste Sache im Gebäude sein.

Das Victoria-Jungfrau besitzt dabei einen Vorteil, der sich weder renovieren noch dazukaufen lässt: seine Lage. Interlaken liegt zwischen zwei Seen, dahinter erhebt sich das Jungfraumassiv. Vieles von dem, was moderne Resorts heute mit enormem Aufwand herstellen – Ruhe, Weite, Nähe zur Natur –, ist hier längst vorhanden. Die Kunst besteht eher darin, diese Umgebung nicht mit zu vielen Ideen zu überfrachten.

Vielleicht passen Spa, Longevity und radikal regionale Küche gerade deshalb so gut zusammen. Alle drei beschäftigen sich auf unterschiedliche Weise mit dem, was in unmittelbarer Nähe liegt: dem eigenen Körper, der Landschaft, den Produkten der Region. Daraus muss kein großes Selbstoptimierungsprojekt werden. Morgens ein paar Bahnen schwimmen, mittags nichts vorhaben, nachmittags eine Behandlung und abends ein Menü aus dem Berner Oberland können vollkommen genügen. Der moderne Bergurlaub braucht schließlich nicht für alles einen Gipfelsieg. Manchmal ist es schon ziemlich weit oben, vom Pool aus auf die Jungfrau zu schauen. Weitere Informationen unter Victoria-Jungfrau

Kommentar schreiben

Gefällt Ihnen was Sie sehen? Dann abonnieren Sie unseren Newsletter!