Kopenhagen im Juni. Die Stadt bewegt sich im Rhythmus der 3daysofdesign. Zwischen historischen Innenhöfen, ehemaligen Industriehallen und versteckten Ateliers öffnen Hunderte Aussteller ihre Türen. Neue Möbel, neue Leuchten, neue Materialien – überall wird über die Zukunft des Wohnens und Gestaltens diskutiert. Doch während viele Präsentationen auf visuelle Reize und spektakuläre Inszenierungen setzen, fällt an einem Ort vor allem eines auf: die Ruhe.
Im Showroom von Dinesen am Søtorvet scheint die Hektik der Designwoche plötzlich weit entfernt. Besucher verlangsamen ihre Schritte, Gespräche werden leiser, der Blick wandert über Wände, Decken und Oberflächen. Der Grund dafür liegt nicht in einer auffälligen Installation oder einer technologischen Innovation. Es ist Holz. Genauer gesagt die Art und Weise, wie Holz hier den Raum bestimmt.
Mit der neu eröffneten Dinesen Gallery präsentiert das traditionsreiche dänische Unternehmen eine umfassende Neugestaltung seines Kopenhagener Showrooms. Verantwortlich für das Konzept ist das Architekturbüro Office Kim Lenschow, das den bestehenden Raum nicht neu erfunden, sondern neu interpretiert hat. Entstanden ist eine Architektur, die weniger auf Inszenierung als auf Wahrnehmung setzt. Eine Architektur, die Besucher nicht beeindrucken möchte, sondern ihnen die Möglichkeit gibt, Material, Licht und Proportionen bewusster wahrzunehmen.


Das klingt zunächst unspektakulär. Gerade darin liegt jedoch die Besonderheit des Projekts. Während die Designbranche seit Jahren von digitalen Visualisierungen, künstlicher Intelligenz und immer neuen Technologien geprägt wird, wächst parallel das Interesse an Dingen, die man anfassen kann. Materialien, die altern dürfen. Oberflächen, die Geschichten erzählen. Handwerk, das sichtbar bleibt.
Dinesen gehört zu den Unternehmen, die diese Entwicklung seit Langem begleiten. Seit 1898 verarbeitet das Familienunternehmen Holz. Fünf Generationen später zählt die Marke zu den bekanntesten Namen im Bereich hochwertiger Holzböden und individueller Innenausbauten. Internationale Architekturbüros, Kulturinstitutionen und private Bauherren greifen auf das Know-how der Dänen zurück, wenn Projekte entstehen sollen, bei denen Materialität eine zentrale Rolle spielt.
Die neue Galerie versteht sich als Fortsetzung dieser Philosophie. Schon der Eingangsbereich vermittelt das Gefühl, einen Übergang zu betreten. Wände und Decken sind vollständig mit Eiche verkleidet. Der Raum wirkt bewusst verdichtet, beinahe intim. Erst nach wenigen Schritten öffnet sich die Perspektive wieder. Licht, Holzarten und Blickachsen verändern sich. Die Architektur erzeugt eine Abfolge von Momenten, die eher an eine Erzählung erinnern als an einen klassischen Showroom.
Kim Lenschow beschreibt das Konzept als „Rooms within a Room“ – Räume innerhalb eines Raumes. Tatsächlich entstehen durch großformatige Schiebewände unterschiedliche Situationen, ohne dass die Offenheit verloren geht. Die Konstruktionen bestehen aus den sogenannten Layers-Planken von Dinesen und können je nach Nutzung verändert werden. Mal wird die Galerie zur Ausstellungsfläche, mal zum Treffpunkt, mal zum Ort für Gespräche oder Präsentationen.



Dabei geht es nicht nur um Flexibilität. Entscheidend ist die Atmosphäre. Die verwendeten Holzarten verändern die Wahrnehmung des Raumes kontinuierlich. Dunklere Eichentöne gehen in die helleren Nuancen von Douglasie über. Licht wird unterschiedlich reflektiert, Oberflächen wirken mal warm und geschlossen, mal offen und leicht. Die Übergänge erfolgen subtil, beinahe unmerklich. Gerade dadurch entsteht eine besondere räumliche Tiefe.
Auch akustisch verfolgt die Galerie einen ungewöhnlichen Ansatz. Textile Elemente von Kvadrat, maßgeschneiderte Lichtlösungen und präzise gesetzte Materialwechsel schaffen eine Umgebung, die gedämpft und konzentriert wirkt. In einer Zeit permanenter Reizüberflutung besitzt diese Qualität fast etwas Luxuriöses.
Dass Dinesen die Eröffnung nicht ausschließlich mit Architektur feiert, sondern gleichzeitig Kunst integriert, erscheint daher nur folgerichtig. Die ersten Ausstellungen der neuen Galerie widmen sich dem jungen dänischen Künstler Malte Frej. Der 1996 geborene Künstler arbeitet an der Schnittstelle von zeitgenössischer Kunst und traditionellem Handwerk. Seine Werke beschäftigen sich mit Materialwissen, manueller Arbeit und kultureller Erinnerung.
Wer die Arbeiten betrachtet, erkennt schnell, dass hier keine perfekte Oberfläche angestrebt wird. Im Gegenteil. Spuren von Werkzeugen, Bearbeitungen und handwerklichen Prozessen bleiben sichtbar. Jeder Schnitt, jede Kerbe und jede Unregelmäßigkeit wird Teil der Erzählung.
Besonders eindrucksvoll wirkt die Werkserie „Cabin Fever“. Zeichnungen treffen auf Axtstiele aus Esche und Eiche, Gebrauchsgegenstände werden zu skulpturalen Objekten. In „Nye Spor, I Kendt Jord“ greift Frej traditionelle Korbflechttechniken auf und überführt sie in zeitgenössische Skulpturen. Die Arbeiten wirken vertraut und fremd zugleich. Sie erinnern an ländliche Handwerkstraditionen, ohne nostalgisch zu werden.
Noch unmittelbarer wird dieser Gedanke in der Serie „Skuestykke“. Die handgeschnitzten Löffel aus Ahorn, Birke, Pflaume, Buche, Weißdorn oder Apfelholz erscheinen zunächst unscheinbar. Erst beim näheren Hinsehen offenbart sich ihre eigentliche Qualität. Jedes Stück dokumentiert die Eigenheiten einer bestimmten Holzart. Jedes Objekt erzählt von Zeit, Geduld und manueller Arbeit.



Gerade diese Verbindung von Architektur und Kunst macht die neue Dinesen Gallery zu einem der interessantesten Orte der diesjährigen 3daysofdesign. Sie steht exemplarisch für eine Entwicklung, die sich derzeit in vielen Bereichen der Designwelt beobachten lässt. Nach Jahren der Beschleunigung wächst das Interesse an Materialien mit Herkunft, an handwerklichem Wissen und an Räumen, die nicht nach Aufmerksamkeit verlangen, sondern sie belohnen.
Die Galerie zeigt dabei, dass Innovation nicht zwangsläufig mit technologischer Komplexität verbunden sein muss. Manchmal entsteht etwas Neues, indem man sich einem bekannten Material erneut nähert. Mit Geduld. Mit Neugier. Und mit dem Verständnis, dass gutes Design oft dort beginnt, wo Dinge nicht lauter, sondern leiser werden.
Zwischen den vielen Premieren, Produktneuheiten und Designinszenierungen der Kopenhagener Designwoche wirkt Dinesen deshalb fast wie ein Gegenentwurf. Nicht spektakulär im klassischen Sinn, sondern nachhaltig eindrucksvoll. Ein Ort, an dem Holz nicht als Oberfläche verstanden wird, sondern als kulturelles Material, das Räume prägt, Erinnerungen speichert und eine Geschichte erzählt, die weit über aktuelle Trends hinausreicht.

