Parfümeure haben einen merkwürdigen Beruf: Im besten Fall kennen Millionen Menschen ihre Arbeit, während sie selbst im Supermarkt ziemlich unbehelligt einkaufen können. Frank Voelkl gehört zu dieser seltenen Spezies. Der deutschstämmige Parfümeur mit Karriere in New York hat Düfte für einige der bekanntesten Namen der internationalen Branche entwickelt und arbeitet nun für das unabhängige britische Dufthaus Fine Scents. Sein neues Eau de Parfum Maze of Dreams beschäftigt sich ausgerechnet mit einem Zustand, den sich kein Algorithmus zuverlässig bestellen lässt: dem Morgen nach einer sehr guten Nacht. Nicht dem verkaterten Teil mit Wasserglas und verschwundenem Ladekabel, sondern jenen Minuten davor, in denen die Erinnerung noch etwas besser aussieht als die Realität. Fine Scents beschreibt diesen Schwebezustand als Ausgangspunkt der Komposition. Voelkl beantwortet ihn ohne die erwartbaren Schwergewichte aus Vanille, Amber und überbordender Süße. Wasserlilie eröffnet den Duft transparent und beinahe kühl, Veilchenblätter übernehmen das Herz, Sandel- und Zedernholz sorgen anschließend für Wärme und Tiefe.


Interessant ist dabei die Wasserlilie. In der Parfümerie gehört sie nicht zu jenen Noten, die schon beim Lesen eine komplette Vorstellung liefern. Rose riecht im Kopf sofort nach Rose, Zitrone nach Zitrone, Leder zumindest ungefähr nach Leder. Wasserlilie ist abstrakter. Ihr Duftbild wird über transparente, aquatische und leicht grüne Facetten konstruiert – weniger Blumenstrauß als Atmosphäre. Für Maze of Dreams ist das eine ziemlich präzise Eröffnung, weil sie Platz lässt. Erst danach kommen die Veilchenblätter ins Spiel, deren grüne, leicht pudrige Qualität der Komposition Kontur gibt. Sandelholz besitzt jene cremige Weichheit, die einen Duft körperlicher wirken lassen kann, während Zedernholz mit trockeneren Facetten dagegensteht. Voelkl arbeitet damit vor allem über Kontraste: Wasser gegen Holz, Kühle gegen Wärme, Flüchtigkeit gegen Substanz. Bemerkenswert ist, dass der ziemlich bildgewaltige Name nicht zu einer ebenso überladenen Rezeptur geführt hat. Ein Parfum namens Maze of Dreams hätte problemlos in einem olfaktorischen Feuerwerk enden können. Stattdessen bleibt die Konstruktion nachvollziehbar und gibt den einzelnen Elementen Raum. Das ist schwieriger, als möglichst viele kostbar klingende Ingredienzen in einer Duftpyramide unterzubringen.


Fine Scents verfolgt dabei ein Modell, das dem einzelnen Parfümeur ungewöhnlich viel Sichtbarkeit gibt. Neben Frank Voelkl arbeitet das Londoner Haus mit Dominique Ropion und Jean-Claude Ellena zusammen – drei Namen, die keineswegs für dieselbe Art des Parfümierens stehen. Gerade das macht die Konstellation interessant. Ropion ist für technisch präzise, häufig opulent angelegte Kompositionen bekannt, Ellena für eine Ästhetik, die mit wenigen olfaktorischen Strichen erstaunlich komplex werden kann. Statt sämtliche Kreationen einer unveränderlichen Hausformel unterzuordnen, lässt Fine Scents unterschiedliche Handschriften zu. Das erinnert eher an einen Verlag, der verschiedene Autoren veröffentlicht, als an die klassische Vorstellung einer Marke, deren Produkte möglichst eindeutig miteinander verwandt sein sollen. Gleichzeitig entspricht es einer Veränderung innerhalb der Nischenparfümerie. Namen von Parfümeuren werden sichtbarer, ihre bisherigen Arbeiten werden recherchiert, ihre Stile werden verglichen. Lange stand auf dem Flakon groß das Mode- oder Parfumhaus, während die Person, die den Inhalt tatsächlich komponiert hatte, außerhalb der Branche kaum jemand kannte. Inzwischen kann ein Parfümeur selbst zum Grund werden, einen neuen Duft überhaupt ausprobieren zu wollen. Fine Scents macht sich diese neue Kennerschaft zunutze, ohne daraus eine Ein-Mann-Show zu bauen.


Beim Flakon kommt eine weitere Disziplin ins Spiel. Verantwortlich für das Design sind Ateliers Dinand. Das Studio wurde von Pierre Dinand gegründet, der seit den 1960er-Jahren zahlreiche Flakons für internationale Parfum- und Modehäuser gestaltet und entscheidend dazu beigetragen hat, Parfumverpackungen als eigenständige Designobjekte zu verstehen. Für Fine Scents fällt die Form architektonisch und vergleichsweise klar aus. Das ist angesichts eines Nischenparfummarktes, in dem Flakons inzwischen gern Skulptur, Statusobjekt und Instagram-Requisite gleichzeitig sein möchten, durchaus eine Entscheidung. Fine Scents verlängert die Gestaltung nun bis in den Handel. Ein neues Countertop-Display greift die Form eines geöffneten Buches auf; die Flakons werden vertieft eingesetzt, während austauschbare Kampagnenmotive das Erscheinungsbild verändern können. Die Konstruktion zeigt im Kleinen, wie stark sich der Parfumverkauf verändert hat. Zwischen immer neuen Marken und Editionen reicht ein Platz im Regal kaum noch aus. Verpackung, Präsentation und Wiedererkennbarkeit sind zu einem Teil der Produktarchitektur geworden. Gerade ein unabhängiges Haus muss auf begrenzter Fläche verständlich machen, wer es ist, bevor der erste Teststreifen überhaupt besprüht wird.
Der spannendere Test beginnt allerdings danach. Der Markt für Nischenparfums ist in den vergangenen Jahren so groß geworden, dass Exklusivität allein kaum noch als Unterscheidungsmerkmal taugt. Neue Häuser, limitierte Editionen und hochpreisige Extraits erscheinen in einer Frequenz, die mit der ursprünglichen Idee einer kleinen, schwer zugänglichen Parfumwelt nur noch bedingt zu tun hat. Für Fine Scents wird deshalb entscheidend sein, ob aus prominenten Parfümeuren, durchdachtem Design und einer klaren olfaktorischen Idee eine eigene Identität entsteht. Maze of Dreams ist dafür ein interessantes Beispiel, weil der Duft nicht versucht, seinen Namen durch maximale Lautstärke zu rechtfertigen. Er beginnt mit Wasserlilie und endet bei Holz – dazwischen liegt kein exotischer Zutatenkatalog, der schon beim Lesen den Warenwert beweisen soll. Vielleicht ist das sogar die zeitgemäßere Form von Nische: weniger demonstrative Seltenheit, mehr Präzision. Frank Voelkl braucht jedenfalls keinen Flakon, der aus drei Metern Entfernung erklärt, wie außergewöhnlich sein Inhalt sein soll. Am Ende gibt es dafür ohnehin ein wesentlich kleineres Testfeld. Ein paar Quadratzentimeter Haut reichen vollkommen. Weitere Informationen unter Maze of Dreams

