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Desert Stories

Die stärksten Sommerbilder entstehen oft dort, wo fast nichts passiert: flirrende Hitze, weiße Mauern, tiefer Schatten, ein Innenhof, in dem Wasser kaum hörbar über Stein läuft. Für Spring/Summer 2027 verlegt Coccinelle seine Welt in eine Landschaft zwischen Wüste, Oase und Karawanserei. „Le Funduq“ heißt die Kollektion – benannt nach jenen historischen Herbergen entlang alter Handelsrouten, in denen Reisende, Waren, Geschichten und Kulturen aufeinandertrafen. Coccinelle interessiert sich dabei weniger für exotische Kulisse als für das Prinzip des Unterwegsseins. Die Reise wird nicht als schnelle Abfolge von Orten verstanden, sondern als Moment des Innehaltens. Ein Funduq war Schutzraum, Treffpunkt und Zwischenstation zugleich: rohe Mauern aus Erde und Kalk, Arkaden, schattige Höfe, schlichte Architektur, dazu die überraschende Üppigkeit eines verborgenen Gartens. Genau aus diesem Spannungsfeld entwickelt die italienische Marke ihre neue Saison – zwischen Reduktion und Ornament, Weite und Geborgenheit, handwerklicher Tradition und klarer Gegenwart.

Die Materialien übersetzen diese Idee besonders überzeugend. Neben den typischen Ledern erscheinen perforierte und mikroperforierte Oberflächen, geometrische Flechtungen und Ton-in-Ton-Stickereien. Canvas, Raffia und Stroh bringen Leichtigkeit hinein, textile Strukturen erinnern an Berberteppiche, ohne sie dekorativ zu kopieren. Quasten, Fransen, Charms und gehämmerte Oberflächen greifen Details auf, die mit Reise, Handwerk und Gebrauch verbunden sind. Selbst die Verschlüsse verändern ihren Charakter: Metall wirkt unregelmäßiger und handwerklicher, Harzdetails erinnern an Schmuckstücke und kleine Fundstücke, die man aus einem anderen Ort mitbringt. Auch die Farbwelt funktioniert weniger über harte Kontraste als über Schichten. Sandbeige, Ton, Terrakotta, das tiefe Rot gebrannter Ziegel und das dunkle Braun von Datteln bilden die warme Basis. Dazwischen stehen Agavengrün, das helle Weiß natürlicher Fasern und ein intensives Violettblau, das auf den Tagelmust verweist, den traditionellen Schleier der Tuareg. Die Palette fühlt sich trocken und satt zugleich an, sonnengebleicht an einigen Stellen, kräftig an anderen.

Bei den Taschen bleibt Coccinelle nah an seinen bekannten Linien, verschiebt sie aber spürbar in Richtung Handwerk und Bewegung. Die Coccinelle Lidia erscheint in glattem Leder in Harissa Red und Indigo sowie in Desert Rose Suede. Die neue Lidia Special erhält einen geflochtenen Henkel mit Metallelementen und zwei seitliche Quasten. In Cognac wird sie durch lange Fransen fast körperlich: Die Tasche reagiert auf Bewegung und verändert ihre Silhouette beim Tragen. Noch unmittelbarer auf das Thema reagiert Coccinelle Choukara. Die Linie nimmt die traditionelle Satteltasche nomadischer Kulturen als Ausgangspunkt und überführt deren weiche, funktionale Form in eine zeitgenössische Tasche. Harissa Red gibt ihr Präsenz, Cognac Suede wirkt ruhiger und materialbetonter. Gerade hier zeigt sich, wie die Kollektion ihre Inspiration am besten nutzt: nicht als dekoratives Zitat, sondern als konstruktive Idee.

Die C-ME-Familie wird parallel weiterentwickelt. Coccinelle C-ME erscheint Ton in Ton in Lilac Grey, C-ME Lock erhält eine gehäkelte Interpretation, während die neue C-ME Basket mit einer aufwendig perforierten Struktur spielt. Dadurch wird die Oberfläche selbst zum Gestaltungselement. Die Tasche wirkt leichter, durchlässiger und sommerlicher, ohne den klaren Aufbau der Linie zu verlieren. Auch C-Easy wird weicher und beweglicher. Wildleder verstärkt den lässigen Charakter, lange Fransen bringen Dynamik in die Silhouette. Mit C-Easy Wave kommt eine großzügigere Form hinzu, die weniger streng wirkt und stärker auf Volumen setzt. Die neue Mida nimmt diesen Gedanken auf und übersetzt ihn in eine weiche Bucket Bag mit feinen Proportionen. Der Tunnelzug wird gleichzeitig zum Henkel, eine übergroße Quaste mit Metalldetail setzt einen markanten Abschluss.

Coccinelle Hinan zeigt sich als unkomplizierter Gegenpol. Shopper und Crossbody sind bewusst weich und reduziert gehalten, als Taschen, die nicht nach Anlass fragen. Damya arbeitet strukturierter, bleibt aber leicht und erhält einen neuen Turn-Lock-Verschluss mit C-ME-Logo. Shabi wiederum setzt auf eine weiche Hobo-Silhouette, einen übergroßen mandelförmigen Seitentab und einen geflochtenen Henkel. In der hellen Nuance Cotton entsteht daraus eine Tasche, die unangestrengt wirkt, aber in den Details sehr präzise gearbeitet ist. Interessant ist, wie konsequent Coccinelle den Kosmos der Kollektion über Handtaschen hinaus erweitert. Bei den Schuhen geht es weniger um spektakuläre Einzelstücke als um eine vollständige Sommergarderobe. Die C-ME Cube Ballerinas erscheinen in Desert Rose und Noir und setzen auf klare Linien. Karima bringt Harissa Red als starken Farbakzent ins Spiel, während Habiba als Slide die entspannteste Seite der Saison zeigt. Die C-Grace Sandalen arbeiten mit dem charakteristischen Plettro-Absatz, Thess bleibt leichter und unkomplizierter, Riad übersetzt den Loafer in eine modernere, selbstbewusstere Richtung. Sun Up Cow schließt die Reihe mit einem reduzierten Sandalenmodell ab, das bewusst einfach gehalten ist.

Mit Spring/Summer 2027 geht Coccinelle außerdem erstmals in Eyewear. Fünf Modelle markieren den Einstieg der Marke in diese Kategorie. Acetat trifft auf leichte Metallkonstruktionen, die Formen bleiben klar und selbstbewusst, ohne zu modisch kurzatmig zu wirken. Der Schritt ist logisch: Wenn „Le Funduq“ als vollständige Welt gedacht ist, fehlen Sonnenbrillen eigentlich nur noch als letzter Baustein. Der spannendste Aspekt der Kollektion liegt ohnehin nicht in einem einzelnen Modell, sondern in der Konsequenz, mit der eine Stimmung über Material, Farbe, Oberfläche und Form entwickelt wird. Die Wüste dient nicht als bloße Projektionsfläche für Fernweh. Sie gibt den Rhythmus vor: langsam, reduziert, konzentriert auf das Wesentliche. Das Handwerk übernimmt die Rolle des Ornaments, Bewegung ersetzt Übertreibung, und selbst dekorative Details bleiben eng mit Material und Konstruktion verbunden.

„Le Funduq“ ist damit keine Kollektion über das Ankommen. Sie interessiert sich für den Moment dazwischen – für Orte, die nur vorübergehend betreten werden und gerade deshalb im Gedächtnis bleiben. Coccinelle macht daraus einen Sommer, der weniger von Geschwindigkeit als von Aufmerksamkeit lebt. Und genau das fühlt sich 2027 bemerkenswert modern an.

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