Es gab Zeiten, da galt ein Buch in der Öffentlichkeit vor allem als zuverlässiges Signal: Bitte nicht ansprechen. Heute kann genau dasselbe Buch der Beginn eines Gesprächs sein. Menschen treffen sich zum gemeinsamen Lesen, vergleichen ihre Stapel ungelesener Romane in sozialen Netzwerken und reisen für ein paar Tage in Hotels, um dort vor allem eines zu tun: Seiten umzublättern. Aus einer der stillsten Beschäftigungen überhaupt ist ein erstaunlich geselliges Phänomen geworden. Lesen hat seinen leicht angestaubten Ruf gründlich abgeschüttelt. BookTok kann unbekannte Titel innerhalb weniger Wochen zu Bestsellern machen, Buchclubs sind wieder gesellschaftliche Termine und Silent Reading Clubs füllen Cafés und Bars mit Menschen, die nebeneinander sitzen und zunächst überhaupt nichts miteinander reden müssen. Dua Lipa betreibt mit Service95 einen eigenen Book Club, beschäftigt sich mit verbotenen Büchern und veranstaltet „Book Tastings“. Aesop hat Verkaufsflächen zeitweise in Bibliotheken verwandelt. Selbst die Streamingwelt, die dem gedruckten Buch theoretisch jeden Abend Konkurrenz macht, entdeckt dessen kulturelles Kapital: Prime Video brachte beim ersten Obsessed Fest Bestseller, Adaptionen und BookTok-Erfolge zusammen.

Bücher waren nie verschwunden. Neu ist, was um sie herum entsteht. Lesen wird vom privaten Zeitvertreib zum sozialen Ereignis und gleichzeitig zu einer ziemlich eleganten Form des Offline-Seins. Ein Buch braucht kein Update, kennt keine Push-Nachrichten und möchte nicht nach 30 Sekunden wissen, ob der Inhalt gefällt. Wer 300 Seiten lesen will, muss bei einer Sache bleiben. Genau diese vermeintliche Zumutung wirkt inzwischen fast luxuriös. Dass daraus eine eigene Reiseform entsteht, war nur eine Frage der Zeit. Reading Retreats übertragen die Idee des Buchclubs auf ein verlängertes Wochenende: Ortswechsel, Ruhe, gemeinsame Lektüre und genügend freie Stunden, um tatsächlich zu lesen. Keine zehn Sehenswürdigkeiten vor dem Mittagessen, kein Pflichtprogramm von morgens bis abends. Im Idealfall passiert sogar über längere Strecken überhaupt nichts Berichtenswertes.
In Saas-Fee bekommt dieses Konzept im November eine alpine Adresse. Das Fünf-Sterne-Boutiquehotel The Capra veranstaltet gemeinsam mit der britischen Community Ladies Who Lit zwei Reading Retreats für Frauen, vom 4. bis 8. und vom 8. bis 12. November 2026. Vier Tage zwischen Büchern, Bergen, Spa und Gesprächen – und ausdrücklich kein Literaturseminar mit heimlicher Anwesenheitskontrolle. Als gemeinsames Buch wurde „Finding Grace“ von Loretta Rothschild ausgewählt. Die Teilnehmerinnen können sich damit beschäftigen, müssen ihre Tage aber keineswegs synchron verbringen. Eigene Bücher dürfen selbstverständlich mit, ebenso vorgesehen sind Spaziergänge, Wellness und vor allem freie Zeit. Erst am letzten Abend kommt die Gruppe zur gemeinsamen Diskussion des Romans zusammen. Das ist ein entscheidendes Detail: Gemeinschaft wird angeboten, aber nicht pausenlos organisiert.






Denn genau dort liegt eine Schwäche mancher Retreats. Der Wunsch nach Erholung wird mit einem Programm beantwortet, das verdächtig an einen Arbeitstag erinnert. Meditation um sieben, Frühstück um acht, Workshop um neun, Atemübung um elf und dazwischen möglichst noch achtsam Wasser trinken. Wer Entspannung vollständig durchtaktet, hat das Prinzip nicht unbedingt verstanden. Beim Reading Retreat darf dagegen gelesen werden, wenn einem danach ist. Oder gewandert. Oder im Spa verschwunden. Oder mit jemandem gesprochen, den man zwei Tage zuvor noch nicht kannte. Viele Teilnehmerinnen reisen allein an – ein Aspekt, der bei Ladies Who Lit bewusst zum Konzept gehört. Das gemeinsame Buch liefert dabei etwas, woran es unter Fremden häufig mangelt: ein Gesprächsthema, das über Herkunft, Beruf und die übliche Frage nach der Anreise hinausgeht.
Für Phaedra Letrou, Creative Director von The Capra und Vertreterin der zweiten Generation der Eigentümerfamilie, liegt genau darin der Reiz. Eine Gruppe Fremder, ein ruhiger Ort und dieselbe Geschichte könnten Verbindungen schaffen, die über den Aufenthalt hinausreichen, beschreibt sie die Idee. Am Ende würden Telefonnummern ausgetauscht und Wiedersehen geplant. Das Buch ist damit weniger Unterrichtsmaterial als sozialer Türöffner. Für das Hotel ist das November-Programm Teil einer größeren Entwicklung. The Capra baut seine Retreats seit einiger Zeit über das klassische Wellness-Vokabular hinaus aus. Neben Longevity und Ernährung rückten zuletzt auch Geschichte und Kulinarik ins Zentrum. Gemeinsam mit dem Yale-Historiker Paul Freedman entstand ein mehrtägiges Format zur Geschichte der Schweizer Küche, bei dem historische Dinner, alpine Esskultur und kultureller Kontext zusammengebracht wurden.





Das klingt zunächst nach einer ungewöhnlichen Beschäftigung für ein Ferienhotel. Tatsächlich trifft es einen Wandel im gehobenen Tourismus ziemlich genau. Ein schönes Zimmer, gutes Frühstück und ein Spa sind in dieser Kategorie längst Grundausstattung. Interessanter wird die Frage, was ein Ort zusätzlich ermöglicht. Nicht im Sinne des nächsten spektakulären Freizeitangebots, sondern als Zugang zu Menschen, Wissen und Interessen, für die im normalen Alltag oft die Zeit fehlt. Reading Retreats sind dafür fast die Antithese zum klassischen Erlebnisprogramm. Sie benötigen weder Helikopter noch spektakuläre Inszenierungen. Das wichtigste Requisit passt ins Handgepäck. Ihr Reiz entsteht ausgerechnet durch Reduktion – und aus der gesellschaftlich inzwischen bemerkenswerten Vorstellung, mehrere Stunden nicht erreichbar zu sein, ohne sich dafür rechtfertigen zu müssen.
Saas-Fee liefert eine passende Kulisse. Der Ort ist autofrei, The Capra verfügt über lediglich 38 Zimmer und Suiten. Das Peak Health Spa übernimmt den Teil des Tages, an dem selbst ein gutes Buch kurz geschlossen bleiben darf. Die überschaubare Größe des Hauses verhindert zugleich, dass aus der Veranstaltung ein Literaturkongress wird. Vier Übernachtungen kosten im Rahmen des Ladies Who Lit Reading Retreat ab 2.295 Euro pro Person. Enthalten sind sämtliche Mahlzeiten, das Retreat-Programm, Wellnessangebote, geführte Aktivitäten und der tägliche Zugang zum Spa. Wer bei diesem Preis möglichst viele Programmpunkte pro Stunde erwartet, dürfte allerdings das falsche Retreat gewählt haben. Bezahlt wird hier schließlich auch für die Stunden, in denen niemand etwas von einem möchte.


Dass Bücher ausgerechnet jetzt derart anschlussfähig an Reisen, Mode, Beauty und Hospitality geworden sind, erzählt einiges über den Zustand des modernen Alltags. Jahrzehntelang musste Freizeit möglichst ereignisreich sein. Jede Reise brauchte Sehenswürdigkeiten, jedes Wochenende einen Plan und jeder freie Moment ließ sich mit einem Bildschirm zuverlässig beseitigen. Nun wird Aufmerksamkeit selbst zur knappen Ressource. Ein Roman löst dieses Problem nicht. Er macht nur etwas, das inzwischen erstaunlich selten geworden ist: Er beansprucht die Aufmerksamkeit vollständig und lässt gleichzeitig genügend Raum für die eigene Vorstellungskraft. Kein zweiter Screen, kein Nebeneffekt, kein Algorithmus, der bereits den nächsten Reiz bereithält.
Das macht das Reading Retreat in Saas-Fee weniger zu einer Reise für Bücherwürmer als zu einem ziemlich präzisen Kommentar zur Gegenwart. Vier Tage, ein Hotel, ein Roman und ein Berg vor der Tür. Mehr braucht es nicht. Der Akku darf sich ausnahmsweise um sich selbst kümmern. Weitere Informationen unter The Capra Fotos © Mattia Aquila

