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Sonne im Gepäck

Ein Camper klingt nach Freiheit. Nach offenen Straßen, salziger Luft, kleinen Cafés am Rand der Route und Kindern, die irgendwo zwischen Frankreich und Portugal friedlich einschlafen. Die Realität hat meistens weniger Filter. Sie riecht nach Feuchttüchern, überfüllten Taschen, zu wenig Schlaf und der Frage, warum eigentlich immer dieselbe Person weiß, wo die Wechselbodys liegen. Genau in diesem Spannungsfeld setzt Tina Herz mit ihrem neuen Roman „Sonne im Gepäck“ an – und erzählt eine Familiengeschichte, die leichter klingt, als sie ist.

Im Mittelpunkt stehen Valerie und Tom, die mit ihren eineinhalbjährigen Zwillingen Leni und Luis im Camper durch Europa reisen. Der Plan ist schön, fast gefährlich schön: ein gemeinsamer Roadtrip Richtung Süden, Arbeiten und Kinderbetreuung irgendwie fair aufteilen, als Familie zusammenwachsen, dabei vielleicht auch wieder mehr Paar sein. Kurz gesagt: das große Elternzeit-Fantasy-Paket. Nur dass Kinder, Projekte, Erschöpfung und ungesagte Erwartungen selten nach Plan funktionieren.

Valerie ist berufstätige Mutter, Partnerin, Organisatorin, Krisenmanagerin – und zunehmend eine Frau, die sich selbst im eigenen Familienleben sucht. Während Tom sich einem Kulturprojekt widmet, das ihn durch Schlösser in Versailles, bei Bordeaux, Bilbao, Madrid und Lissabon führt, hängt Valerie erstaunlich oft in genau jener Rolle fest, aus der sie eigentlich kurz ausbrechen wollte: Kinder versorgen, Streit vermeiden, den Überblick behalten. Und dann ist da noch Ida, Teamkollegin, Surferin, kinderlos, frei – und plötzlich Projektionsfläche für all das, was Valerie gerade nicht ist.

Das klingt nach klassischem Beziehungsstoff, ist bei Tina Herz aber vor allem ein genauer Blick auf die kleinen Verschiebungen, die junge Eltern oft unvorbereitet treffen. Wie schnell aus Nähe Enge werden kann. Wie ein Urlaub plötzlich nur ein Ortswechsel ist. Wie romantisierte Bilder von Familie an der Wirklichkeit scheuern. Und wie schwer es sein kann, ehrlich zuzugeben, dass man in einer Rolle, die angeblich natürlich kommen soll, erst einmal ziemlich verloren sein kann.

Herz schreibt dabei aus einer Perspektive, die nah am Leben liegt. Viele Erfahrungen sind von ihrer eigenen Familienrealität inspiriert. Die Autorin ist selbst Mutter von Zwillingstöchtern und fuhr mit ihrer Familie im Camper von Düsseldorf bis Lissabon – wenn auch mit siebenjährigen Kindern, nicht mit anderthalbjährigen Turbomaschinen. Genau diese Nähe merkt man dem Roman an. Der Humor entsteht nicht aus Pointen, sondern aus Wiedererkennung: Windelchaos, Müdigkeit, falsche Erwartungen, kleine Katastrophen und diese absurden Momente, in denen man gleichzeitig lachen und heulen könnte.

„Sonne im Gepäck“ ist die Fortsetzung von Tina Herz’ Debüt „Das Glück in allen Farben“, lässt sich aber auch unabhängig lesen. Während Valerie im ersten Roman mit einem unerfüllten Kinderwunsch konfrontiert war, geht es nun um das Leben danach – also um jenen Teil, über den oft weniger ehrlich gesprochen wird. Wenn der Wunsch erfüllt ist, aber plötzlich alles neu sortiert werden muss: Beziehung, Arbeit, Körper, Freiheit, Identität.

Gerade darin liegt die Stärke des Buches. Es erzählt nicht gegen Familie, sondern gegen die glatte Erzählung davon. Gegen die Vorstellung, dass Elternschaft automatisch Erfüllung bedeutet, dass Rollen sich von selbst finden und dass Mutterinstinkt eine Art magisches Betriebssystem ist, das direkt nach der Geburt perfekt funktioniert. Tina Herz erlaubt ihren Figuren Unsicherheit, Überforderung und Widerspruch – ohne ihnen Wärme zu nehmen.

Das macht den Roman zugänglich, aber nicht harmlos. Zwischen Campingplatz, Kulturprojekt und Familienkrach geht es um große Fragen im Alltagston: Wie bleibt man Paar, wenn man dauernd Eltern ist? Wie verteilt man Verantwortung, ohne jedes Gespräch in eine Abrechnung zu verwandeln? Wie viel Karriere passt in ein Familienleben, das ohnehin schon überläuft? Und wann wird aus dem Wunsch, alles richtig zu machen, eine Falle?

Dass Tina Herz selbst PR-Agenturinhaberin und Autorin ist, gibt dieser Ebene zusätzliche Glaubwürdigkeit. Sie kennt das Jonglieren unterschiedlicher Rollen nicht aus der Theorie. Auch im Schreiben dieses Romans musste sie Familie, Beruf und Kreativität neu sortieren. Genau diese Erfahrung fließt spürbar in Valerie ein – nicht als autobiografisches Bekenntnis, sondern als emotionaler Realismus.

Am Ende ist „Sonne im Gepäck“ kein klassischer Sommerroman, obwohl Sonne, Süden und Roadtrip natürlich dabei sind. Es ist eher ein Buch über die Wahrheit hinter den schönen Bildern. Über Liebe mit Augenringen. Über Nähe auf engstem Raum. Über Eltern, die scheitern, improvisieren, wieder aufstehen und irgendwann merken, dass genau darin vielleicht das eigentliche Familienglück liegt.

Tina Herz erzählt das mit Tempo, Witz und einem Blick für jene Details, die man nicht erfinden kann, wenn man sie nicht erlebt hat. Ein Roman für alle, die wissen, dass Urlaub mit Kindern manchmal nur bedeutet, an einem schöneren Ort erschöpft zu sein – und dass gerade dort trotzdem die besten Geschichten entstehen.

Sonne im Gepäck, Heyne Verlag, 384 Seiten, 13,00 € (D) / 13,40 € (A) / 18,50 CHF

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