Das größte Kompliment für eine aufwendig eingerichtete Wohnung könnte sein, dass niemand die Einrichtung bemerkt. Kein Raum, der nach Fertigstellungstermin aussieht. Kein Sofa, das offensichtlich am selben Dienstag wie der Teppich geliefert wurde. Und bitte keine fünf Etagen, auf denen dieselbe Farbpalette pflichtbewusst durchdekliniert wird. Sarah Brown hat in Harlem ein Haus eingerichtet, das genau diesen Verdacht vermeiden soll: Es soll wirken, als wäre es über Jahre entstanden. Das klingt zunächst paradox. Schließlich wurde das fünfstöckige Brownstone auf der Convent Avenue in Hamilton Heights gerade umfassend renoviert. Das Haus stammt aus dem späten 19. Jahrhundert und liegt in einer Gegend, die für einige der eindrucksvollsten historischen Wohnhäuser Harlems bekannt ist. Ein lokales Design-and-Build-Team verantwortete die architektonische Renovierung; für das komplette Interior wurde das Londoner Studio Sarah Brown Interiors engagiert.



Damit wanderte ein ziemlich englischer Blick auf Interieurs nach Manhattan. Sarah Brown, die ihr Studio 2017 gründete, ist für Räume bekannt, in denen Muster, Farbe, Antiquitäten und Handwerk selbstverständlich nebeneinander existieren dürfen. Nicht als nostalgische Rekonstruktion des englischen Landhauses, sondern als Gegenentwurf zu jener internationalen Luxusästhetik, bei der man gelegentlich nicht mehr weiß, ob man sich gerade in New York, London oder einem sehr teuren Flughafen befindet. In Harlem war bereits genug Charakter vorhanden. Originale Pier Mirrors, aufwendig gearbeitete Kaminsimse, schwere Eichen- und Mahagonidetails und ornamentierte Stuckprofile bestimmten die Architektur. Brown versuchte nicht, diese Elemente durch noch mehr historische Grandezza zu überbieten. Stattdessen kamen weichere Farben, Stoffe und Muster ins Haus. Und ein Film.




Als Referenz diente Wes Andersons The Royal Tenenbaums. Eine durchaus passende Wahl, auch wenn das berühmte Tenenbaum-Haus aus dem Film tatsächlich in Hamilton Heights liegt und allein deshalb inzwischen fast zur popkulturellen Nachbarschaftslegende geworden ist. Interessanter als die geografische Nähe ist jedoch Andersons Methode: Räume erzählen dort etwas über ihre Bewohner, weil sie nicht perfekt zusammenpassen. Farben dürfen eigenwillig sein, Möbel wirken gesammelt, Gegenstände besitzen Vorgeschichten. Ein Haus ist keine Ausstellung, sondern ein ziemlich kompliziertes Familienalbum. Diese Idee zieht sich durch das Harlem-Projekt. Jeder Raum besitzt eine eigene Persönlichkeit, ohne dass daraus fünf Etagen mit fünf verschiedenen Konzepten werden. Kobaltblau, kräftiges Grün und warmes Gelb tauchen immer wieder auf und verbinden die Geschosse miteinander. In den größeren Räumen bleiben die Wände zurückhaltender, während kleinere Zimmer Tapeten und stärkere Farben vertragen. Im Parlour, dem repräsentativen Salon, sind die Wände in Farrow & Ball Dimity gestrichen. Das gebrochene, warme Neutral hält sich bewusst zurück. Dadurch können Stoffe, Kunst und Möbel die Arbeit übernehmen. Ein eigens gefertigtes George-Smith-Sofa mit grafischem Bezug von Raoul Textiles bildet das Zentrum. Antiquitäten stehen daneben ganz selbstverständlich neben Möbeln und Objekten von Soane Britain, Max Rollitt, Rupert Bevan und Rose Uniacke.
Das funktioniert gerade deshalb, weil nicht alles dieselbe Herkunft behauptet. Britisches Design wird hier nicht über Union Jacks oder irgendeine Vorstellung von „Englishness“ inszeniert. Es steckt in Proportionen, Stoffen, Möbeltypen und vor allem in einer gewissen Lust daran, Dinge zusammenzubringen, die nicht als Set geboren wurden. Die Küche hält sich vergleichsweise zurück. Eine dunkle Holzinsel trifft auf Marmorarbeitsflächen, darüber hängen grüne Glasleuchten. Dann steht dort allerdings ein blauer Herd von Lacanche und beendet jede Gefahr, dass der Raum zu vernünftig werden könnte.



Im angrenzenden Esszimmer wird weitergemischt. Geerbte Möbel bleiben Bestandteil des Hauses und werden nicht gegen eine vollständig neue Ausstattung ausgetauscht. Vorhandene Esszimmerstühle bekamen beispielsweise rotes Leder. Gerade solche Eingriffe machen den Unterschied zwischen Einrichten und Ersetzen aus. Ein Möbelstück muss nicht verschwinden, nur weil sich der Raum verändert. Weiter oben wird die Farbregie deutlich dramatischer. Ein Raum zum Fernsehen und Spielen erhält tiefbraune, hochglänzende Wände. Was auf einer Farbkarte möglicherweise nach einem ziemlich schlechten Einfall aussehen könnte, entwickelt im Raum eine beinahe kokonartige Wirkung. Brown setzt dunkle Farben nicht als dekorativen Schock ein, sondern nutzt sie, um die Funktion eines Zimmers zu verstärken: Rückzug statt Repräsentation.
Auch das Untergeschoss bekommt keine Nebenrolle. Dort steht ein großzügiges, eigens angefertigtes Ecksofa von Rose Uniacke unter der Acanthus-Frond-Tapete von Soane Britain. Ein Raum zum Zusammensitzen, der nicht versucht, wie der offizielle Salon eine Etage höher auszusehen. Ein Familienhaus braucht schließlich unterschiedliche Grade von Öffentlichkeit. Im Hauptschlafzimmer steht wiederum ein Half-Tester-Bett, dessen Baldachinkonstruktion historische Schlafzimmermöbel zitiert, ohne den Raum in ein Kostümdrama zu verwandeln. Genau solche Elemente zeigen, wie selbstverständlich Brown mit älteren Formen umgeht. Sie müssen nicht ironisiert werden, um heute funktionieren zu können.



Besonders viel Aufmerksamkeit steckt in Dingen, die auf Immobilienfotos gerne untergehen. Vanderhurd, Shame Studios und Robert Stephenson fertigten Teppiche speziell für das Haus. Ein Schreibtisch bekam eine Stoffverkleidung aus Salvesen Graham Little Check in Rose. Maßgefertigte Einbauten reagieren auf die Architektur, statt ihr eine standardisierte Möbellandschaft vorzusetzen. Selbst zwei Homeoffice-Arbeitsplätze erzählen etwas über die Bewohner. Sie liegen nebeneinander und können durch Schiebetüren miteinander verbunden oder voneinander getrennt werden. Nähe nach Bedarf – vermutlich eine der vernünftigeren architektonischen Antworten auf die Frage, wie zwei Menschen gleichzeitig zu Hause arbeiten können.
Sarah Brown beschreibt das Ziel des Projekts als ein Haus, das aussehen sollte, als sei es über längere Zeit gesammelt worden. Erbstücke der Eigentümer wurden deshalb mit Antiquitäten, zeitgenössischen Möbeln und Arbeiten britischer Hersteller kombiniert. Neu und alt sollen nicht als Gegensätze erkennbar sein. Darin steckt eine ziemlich aktuelle Vorstellung von Luxus. Jahrelang bedeutete eine hochwertige Renovierung häufig, sämtliche Spuren früherer Bewohner möglichst gründlich zu entfernen. Böden wurden erneuert, Küchen herausgerissen, historische Details geglättet und anschließend mit enormem Aufwand wieder „Charakter“ hineingekauft. Das Brownstone in Harlem dreht diese Logik um. Was vorhanden ist, bekommt Gesellschaft.

Auch deshalb funktioniert die Referenz an The Royal Tenenbaums. Wes Andersons Interieurs sind interessant, weil sie niemals neutral sind. Man glaubt, dass Menschen in ihnen gestritten, gegessen, gelesen und schlechte Entscheidungen getroffen haben. Räume bekommen ihre Qualität nicht allein durch schöne Gegenstände, sondern durch die Vorstellung eines Lebens darin. Genau das ist bei einem frisch renovierten Haus erstaunlich schwer herzustellen. Auf der Convent Avenue gelingt es mit rotem Leder, braunem Hochglanz, englischen Stoffen, geerbten Möbeln, einem blauen Herd und ziemlich viel Vertrauen darin, dass nicht alles zusammenpassen muss. Fünf Etagen später sieht das Haus nicht fertig aus. Zum Glück. Weitere Informationen unter Sarah Brown Interiors Fotos @ Tori Sikkema

