Warum Ten c lieber Geschichten als Trends entwirft.
Mode lebt von Neuheiten. Kaum ist eine Kollektion präsentiert, richtet sich der Blick bereits auf die nächste Saison. Trends entstehen, verschwinden und werden wenige Monate später durch neue ersetzt. Doch was bleibt eigentlich, wenn der Applaus verklungen ist? Was macht ein Kleidungsstück wertvoll, wenn nicht seine Aktualität? Genau mit diesen Fragen beschäftigt sich Ten c seit seiner Gründung – und liefert darauf seit Jahren eine Antwort, die bewusst gegen den Rhythmus der Modeindustrie arbeitet. Statt immer neue Trends zu erfinden, entwickelt das italienische Label Kleidungsstücke, die mit den Jahren an Charakter gewinnen. Jacken, die altern dürfen. Stoffe, die sich verändern. Materialien, die Gebrauch nicht als Makel verstehen, sondern als Teil ihrer Geschichte. Es ist eine Haltung, die in einer Branche permanenter Erneuerung fast radikal wirkt. Genau diese Philosophie steht im Mittelpunkt von „Art et Métiers“, dem dritten Kapitel der Kurzfilm-Trilogie „Live&Age“.


Der Titel verrät bereits, worum es geht. Kunst und Handwerk werden hier nicht als getrennte Disziplinen verstanden, sondern als zwei Seiten derselben Idee. Es geht um Menschen, die ihr Wissen über Jahrzehnte entwickeln, bewahren und weitergeben. Um Fertigkeiten, die sich nicht beschleunigen lassen. Und um die Überzeugung, dass wahre Qualität immer Zeit braucht. Die Trilogie begann mit „Guardian of the Water Valley“, einer Hommage an traditionelle Handwerksberufe, deren Wissen über Generationen weitergegeben wird. Es folgte „True to the Form“, eine filmische Reflexion über Authentizität anhand von Objekten, die ihre Gebrauchsspuren nicht verstecken, sondern mit Stolz tragen – allen voran klassische Automobile. „Art et Métiers“ führt diesen Gedanken konsequent weiter und richtet den Blick auf zwei Menschen, die unterschiedlicher kaum sein könnten und doch dieselbe Haltung teilen.


Im Mittelpunkt stehen Giancarlo Busato, der die historische Stamperia d’Arte Busato bereits in dritter Generation führt, und der international bekannte Illustrator Ale Giorgini. Der eine bewahrt jahrhundertealte Drucktechniken, der andere übersetzt Ideen in zeitgenössische Bildwelten. Zwischen beiden entsteht ein Dialog über Kreativität, Geduld und die Bedeutung handwerklicher Präzision. Die Wahl des Ortes ist dabei alles andere als zufällig. Seit 1946 bewahrt die Stamperia d’Arte Busato in einem Palazzo aus dem 16. Jahrhundert im Herzen von Vicenza traditionelle Drucktechniken wie Lithografie, Holzschnitt und Kupferstich. Wer die Werkstatt betritt, hat nicht das Gefühl, eine Produktionsstätte zu betreten, sondern ein lebendiges Archiv europäischer Handwerksgeschichte. Maschinen, Werkzeuge und Arbeitsabläufe wirken beinahe unverändert – nicht aus Nostalgie, sondern weil manche Dinge keiner Verbesserung bedürfen. Genau darin erkennt Ten c eine überraschende Parallele zur eigenen Arbeitsweise. Auch das italienische Label widersetzt sich konsequent dem Gedanken schneller Erneuerung. Seit seiner Gründung verfolgt die Marke eine Idee, die heute aktueller wirkt denn je: Kleidung soll nicht verbraucht, sondern begleitet werden. Sie soll altern, Gebrauchsspuren aufnehmen und mit jeder Bewegung individueller werden.


Der Name Ten c verweist dabei auf Hans Christian Andersens Märchen „Des Kaisers neue Kleider“. Das Akronym steht für „The Emperor’s New Clothes“ und beschreibt eine Haltung, die sich bewusst gegen Oberflächlichkeit richtet. Nicht der schnelle Effekt entscheidet, sondern Substanz. Nicht der Trend, sondern Authentizität. Kleidung wird zur langfristigen Beziehung zwischen Objekt und Mensch. Kaum ein Material verkörpert diese Philosophie besser als der legendäre Original Japanese Jersey, kurz OJJ. Der eigens entwickelte Stoff verändert sich mit jedem Tragen ähnlich wie hochwertiger Denim. Falten, Bewegungen und Gebrauch hinterlassen sichtbare Spuren, die jedes Kleidungsstück unverwechselbar machen. Zwei identische Parkas existieren nach einigen Jahren praktisch nicht mehr. Jeder entwickelt seine eigene Geschichte. Auch im neuen Kurzfilm wird dieses Verständnis sichtbar. Ale Giorgini entwarf exklusiv für Ten c eine Illustration, die anschließend mit traditioneller Steinlithografie reproduziert und schließlich auf ein streng limitiertes T-Shirt übertragen wurde. Moderne Illustration trifft auf jahrhundertealte Druckkunst – ein Spannungsfeld, das den gesamten Film prägt.





Das Motiv selbst besitzt eine bemerkenswerte Symbolkraft. Zu sehen ist ein Mann in einem leuchtend orangefarbenen Parka von Ten c, der durch eine monochrome Stadtlandschaft geht. Umgeben von grauen Fassaden und uniformen Figuren bewegt er sich scheinbar unberührt durch die Hektik seiner Umgebung. Kopfhörer schirmen ihn von der Geräuschkulisse der Stadt ab. Der orangefarbene Parka wird zum einzigen kräftigen Farbton innerhalb dieser Szenerie und entwickelt sich zum Symbol für Individualität, Selbstbewusstsein und Unabhängigkeit. Die Referenz auf den Kaiser aus Andersens berühmtem Märchen liegt nahe. Während sich alle anderen von Konventionen und Erwartungen leiten lassen, folgt diese Figur ihrer eigenen Wahrnehmung. Die Stadt wird zur Metapher für Gleichförmigkeit, der Parka zum Ausdruck einer Haltung, die den Mut besitzt, sich nicht von äußeren Einflüssen bestimmen zu lassen.

Bemerkenswert ist dabei, wie subtil Ten c diese Botschaft erzählt. Der Film verzichtet auf laute Inszenierungen oder plakative Aussagen. Stattdessen entstehen Bedeutung und Emotion aus Materialien, Gesten und Menschen. Es geht nicht um Perfektion, sondern um Charakter. Nicht um Neuheit, sondern um Beständigkeit. Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Relevanz dieses Projekts. Während sich große Teile der Modeindustrie zunehmend über Geschwindigkeit und permanente Innovation definieren, erinnert Ten c daran, dass wirkliche Qualität niemals in Eile entsteht. Manche Stoffe brauchen Zeit. Manche Techniken ebenso. Und manche Kleidungsstücke beginnen ihre Geschichte erst dann, wenn sie die Boutique längst verlassen haben. „Art et Métiers“ erzählt deshalb weit mehr als die Geschichte eines Films oder einer Kollektion. Es ist eine Reflexion über den Wert von Erfahrung, über die Schönheit des Unperfekten und über die Verantwortung, Wissen nicht nur zu bewahren, sondern weiterzugeben. Kunst, Handwerk und Mode verschmelzen zu einer gemeinsamen Erzählung, in der Objekte nicht konsumiert, sondern begleitet werden.
Vielleicht beschreibt genau das den größten Luxus der Gegenwart. Nicht immer Neues besitzen zu wollen, sondern Dinge zu finden, die mit jedem Jahr wertvoller werden. Denn was wirklich Bestand hat, folgt nicht der Zeit. Es wächst mit ihr. Weitere Informationen unter Ten c

