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Bella Hadid macht blau

Ein Sport-BH braucht heute offenbar nicht nur Trägerinnen, sondern eine Dramaturgie. Zwei der berühmtesten Modefotografen der Welt, Bella Hadid und einen Farbton mit eigenem Namen. Willkommen in einer Zeit, in der Activewear längst nicht mehr danach beurteilt wird, wie gut sie beim Sport funktioniert, sondern wie überzeugend sie ein Leben verkauft, in dem Sport nur noch eine von vielen möglichen Beschäftigungen ist. Bei ALO heißt dieses Leben gerade California Blue. Farben hatten einmal Nummern. Heute haben sie Biografien. Pink Marshmallow, Summer Romance Red oder eben dieses kalifornische Blau sollen nicht einfach nur gut aussehen, sondern gleich Meer, Himmel, Pool, Pazifik und spätes Sommerlicht heraufbeschwören. Für einen einzigen Farbton kommt da einiges zusammen. Bella Hadid übernimmt die Aufgabe, all das möglichst beiläufig aussehen zu lassen.

Die neuen, bislang unveröffentlichten Motive sind die Fortsetzung der im August gestarteten Pre-Fall-Kampagne der Marke. Fotografiert wurde erneut von Mert Alas und Marcus Piggott, besser bekannt als Mert & Marcus, gestylt von Mimi Cuttrell. Hadid trägt unter anderem den neuen Airbrush Aura Bra in California Blue zur weißen 2” SoftSculpt Mid-Rise Short. Ein ziemlich überschaubares Outfit für eine erstaunlich große Inszenierung. Genau darin liegt allerdings die eigentliche Geschichte. Denn was hier verkauft wird, ist längst nicht mehr nur Sportbekleidung. Es ist die Vorstellung davon, wie ein bestimmtes Leben aussehen könnte. Los Angeles liefert dafür die ideale Kulisse. ALO wurde 2007 dort gegründet und hat die Verbindung von Studio, Straße und kalifornischer Wellnesskultur praktisch zum Geschäftsmodell gemacht. Selbst der Markenname trägt die Natur bereits in sich: ALO steht für Air, Land, Ocean. Ein sattes Blau, das California heißt, wirkt vor diesem Hintergrund fast so folgerichtig, als hätte jemand lediglich sehr lange gebraucht, um es auf die Farbkarte zu setzen.

Bella Hadid wiederum ist eine ziemlich präzise Besetzung für diese Art von Erzählung. Kaum ein Model der vergangenen Jahre hat stärker gezeigt, wie schnell etwas vom persönlichen Kleidungsstil zum globalen Trend werden kann. Ihre Looks werden zerlegt, kopiert und wenige Stunden später in Shopping-Guides übersetzt. Dabei liegt ihre Wirkung gerade darin, dass vieles nicht vollständig kalkuliert aussieht. Ein Vintage-Shirt, eine schmale Sonnenbrille, Trainingskleidung auf dem Weg irgendwohin: Bei Hadid funktioniert Mode oft dann besonders gut, wenn sie so aussieht, als sei gar keine Modeabsicht vorhanden. ALO nutzt genau dieses Kapital. Schon die erste Kampagnenserie mit Hadid verzichtete auf die typische Fitness-Rhetorik aus Leistung, Wiederholungen und sichtbarer Anstrengung. Stattdessen ging es um Bewegung, persönliche Rituale, Ruhe und die Frage, welchen Platz Wohlbefinden im Alltag einnimmt. Hadid beschrieb Wellness dabei sinngemäß weniger als zu erreichenden Idealzustand denn als bewusste Momente, in denen Raum für sich selbst entsteht. Das klingt zunächst weich, trifft aber ziemlich genau den Punkt, an dem sich das Geschäft mit Activewear verändert hat. Ein Sport-BH muss heute nicht mehr beweisen, wie viele Burpees er übersteht. Er muss morgens zum Pilates funktionieren, danach im Café und möglichst noch auf einem Foto, das niemand für ein Sportfoto hält.

„Studio-to-street“ nennt ALO dieses Prinzip selbst. Der Ausdruck stammt aus einer Phase, in der es noch bemerkenswert erschien, Leggings außerhalb eines Fitnessstudios zu tragen. Inzwischen wäre fast das Gegenteil erklärungsbedürftig. Technische Materialien, Sneaker, Trainingsjacken und körpernahe Tops gehören selbstverständlich zur Alltagsgarderobe. Die Grenzen haben sich so gründlich verschoben, dass die erfolgreichsten Activewear-Marken heute mit klassischen Modehäusern um dieselben Kunden, Lagen, Gesichter und Begehrlichkeiten konkurrieren. Entsprechend aufwendig wird aus einem Farbwechsel ein Ereignis gebaut. Kurz vor California Blue hatte Kylie Jenner für ALO bereits Pink Marshmallow präsentiert. Innerhalb weniger Tage wurden zwei der weltweit sichtbarsten Frauen mit zwei Farbwelten verbunden, beide Kampagnen fotografiert von Mert & Marcus. Das erinnert weniger an die alte Logik saisonaler Sportkollektionen als an Sneaker-Releases, Beauty-Drops oder Handtaschen, bei denen Verfügbarkeit, Bild, Name und prominente Trägerin gemeinsam Begehrlichkeit erzeugen. Farbe ist dabei nicht Dekoration. Farbe ist Content.

Dass ALO immer entschiedener auf diesem Terrain spielt, zeigt der Rest des Sortiments. Mit ALO Atelier gibt es inzwischen eine Linie, in der Seide, Leinen, Kaschmir und feinere Schneiderdetails auftauchen. Im Juli kam eine eigene Sonnenbrillenkollektion hinzu, entworfen in Los Angeles und gefertigt in Japan. Dort reicht die Materialliste von japanischem Acetat bis Titan. Wer eine Marke gedanklich noch zwischen Yogamatte und Proteinshake einsortiert, hat also ein paar Kapitel verpasst. Auch außerhalb der Kleidung wird die Welt größer. Wellness-Clubs, aufwendig inszenierte Markenräume und zuletzt Aktivitäten an der französischen Riviera zeigen, wie sehr ALO versucht, aus einem Logo ein Umfeld zu machen. Im Sommer 2026 gehörten dazu neue Standorte in Cannes und Saint-Tropez sowie eine Präsenz am Hôtel Martinez. Kleidung bleibt das Produkt, doch zunehmend wird das dazugehörige Leben gleich mitgestaltet.

Die Dimension dieses Aufstiegs ist bemerkenswert. Forbes schätzt den Umsatz der Muttergesellschaft Color Image Apparel für 2024 auf annähernd zwei Milliarden Dollar, wobei ALO den weitaus größten Anteil ausmacht. Anfang 2026 zählte die Marke dem Magazin zufolge bereits mehr als 150 stationäre Geschäfte weltweit. Aus einem 2007 gegründeten Yoga-Label ist längst eine internationale Lifestyle-Marke geworden, die ihre Welt weit über das Fitnessstudio hinaus ausgedehnt hat. Umso auffälliger, wie wenig die neuen Bilder nach Wachstum, Strategie oder Expansion aussehen. Keine Leistungsschau, kein visuelles Muskelspiel, kein hektischer Ehrgeiz. Bella Hadid, ein knappes Outfit, Los Angeles und dieses fast unverschämt satte Blau reichen vollkommen. Luxus funktioniert schließlich am überzeugendsten, wenn man ihm die Anstrengung nicht ansieht. Und California Blue? Natürlich könnte man es einfach Blau nennen. Aber dann wäre es eben nur eine Farbe. Bei ALO bekommt es Sonne, Pazifik, Bella Hadid und Mert & Marcus gleich mitgeliefert. Das Fitnessstudio hat endgültig seine Umkleide verlassen.

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