Ein Cabernet hat Tannine, Säure, Frucht und Abgang. Aber kann er auch tanzen? In London lautet die Antwort neuerdings: durchaus. Dort wird Wein nicht mehr nur dekantiert, beschrieben und mit ehrfürchtigem Gesichtsausdruck gegen das Licht gehalten. Er bekommt eine Choreografie. Das L’oscar London macht aus einer der ältesten Disziplinen der gehobenen Gastronomie eine kleine Bühnenshow – und bringt mit „Cabaret & Cabernet“ Wein, Dinner und Performance an einen Tisch. Das Prinzip ist ebenso eigenwillig wie konsequent. An ausgewählten Freitagen nehmen lediglich 25 Gäste im historischen Committee Room des Fünf-Sterne-Boutiquehotels Platz. Der Abend beginnt klassisch mit Champagner und Amuse-Bouche. Danach verabschiedet sich das Format ziemlich schnell von den üblichen Regeln einer Weinverkostung. Zu jedem ausgewählten Wein gehört eine eigens entwickelte Cabaret-Performance. Rebsorte, Struktur, Herkunft und Charakter werden nicht allein vom Sommelier erklärt, sondern von Künstlern interpretiert.


Damit trifft L’oscar einen interessanten Moment. Wein hat in den vergangenen Jahren viel von seiner einstigen Förmlichkeit verloren. Naturweinbars haben das Zeremoniell aufgebrochen, junge Sommeliers sprechen lieber über Produzenten als über Parker-Punkte, und eine neue Generation möchte guten Wein trinken, ohne vorher eine Prüfung in Önologie abzulegen. Gleichzeitig wächst die Lust auf Abende, die mehr bieten als ausgezeichnetes Essen in einem schönen Raum. Ein Restaurantbesuch darf wieder ein Ereignis sein. „Cabaret & Cabernet“ treibt diesen Gedanken ein gutes Stück weiter. Der Tisch wird zur Bühne, das Glas zum Ausgangspunkt einer Geschichte. Bewegungen greifen Eigenschaften der Weine auf, Rhythmen reagieren auf Säure und Temperament, Gesten übersetzen Herkunft oder Reife in eine andere Sprache. Ob sich Tannin tatsächlich tanzen lässt, darf jeder Gast selbst entscheiden. Spannend ist zunächst die Idee, Geschmack aus seiner üblichen Fachsprache zu befreien.



Für die Performances arbeitet L’oscar London mit Crowd Pleaser Events zusammen, einem Kollektiv mit mehr als zwei Jahrzehnten Erfahrung in der Theaterproduktion. Die Darbietungen finden nicht auf einer entfernten Bühne statt, sondern unmittelbar zwischen und an den Tischen. Bei nur 25 Gästen gibt es praktisch keine schlechte Reihe – und ebenso wenig Gelegenheit, sich unbemerkt hinter der Speisekarte zu verstecken. Cabaret funktioniert schließlich von der Nähe.
Durch den Abend führt ein Sommelier, dessen Aufgabe hier über die klassische Weinbegleitung hinausgeht. Fachwissen bleibt wichtig, bekommt jedoch Gesellschaft von Dramaturgie und Unterhaltung. Statt Verkostungsnotizen einfach nacheinander abzuarbeiten, entsteht eine Erzählung. Das ist durchaus ein cleverer Schachzug. Denn Wein besitzt ohnehin ein erstaunliches Talent, mit Begriffen beschrieben zu werden, die außerhalb eines Glases leicht absurd klingen: mineralisch, nervös, fleischig, straff, opulent oder feminin. Warum diese Bilder also nicht einmal wörtlicher nehmen?




Das Essen darf dabei nicht zur Statisterie werden. Executive Chef Arturas Kondratjevas entwickelt ein mehrgängiges Menü, das auf die jeweiligen Weine abgestimmt ist. Texturen, Temperaturen und Aromen sollen Verbindungen schaffen, ohne die Cuvées zu überdecken. Die klassische Frage des Pairings – welcher Wein passt zu welchem Gericht? – wird damit um eine dritte Ebene erweitert: Was passiert, wenn zum Geschmack auch noch Bewegung, Musik und Inszenierung kommen?
Dass dieses Experiment ausgerechnet im L’oscar stattfindet, passt ziemlich gut. Das Hotel in Holborn gehört zu jenen Londoner Adressen, die Minimalismus offensichtlich für eine verpasste Gelegenheit halten. Das denkmalgeschützte Gebäude war einst Hauptsitz der Baptist Church und wurde vom französischen Designer Jacques Garcia in ein opulentes Refugium verwandelt. Dunkle Farben, Samt, Gold, ornamentale Details und eine gewisse Lust am Dekadenten bestimmen die Räume. 39 Zimmer und Suiten machen das Haus überschaubar genug, um eher wie eine sehr exzentrische Privatadresse als wie ein klassisches Grandhotel zu wirken. Der Committee Room setzt noch einen drauf. Tealfarbene Wände, Pfauenmotive, maßgefertigte Stühle und ein rund 19 Fuß langer Tisch liefern eine Kulisse, die kaum Gefahr läuft, mit einem gewöhnlichen Private Dining Room verwechselt zu werden. Ein nüchterner Verkostungsraum mit weißen Wänden wäre für „Cabaret & Cabernet“ vermutlich ohnehin die falsche Adresse. Hier darf ein Abend ein bisschen zu viel sein.
Darin steckt eine Entwicklung, die derzeit viele Luxushotels beschäftigt. Ein gutes Bett, perfekter Service und ein ordentlich temperierter Pool reichen als Alleinstellungsmerkmal kaum noch aus. Häuser werden zu Produzenten eigener kultureller Programme: Künstler übernehmen Räume, Köche veranstalten temporäre Dinner, Musiker bespielen Bars, Designer kuratieren Installationen. Der Hotelgast soll nicht nur übernachten, sondern etwas erleben, das sich außerhalb dieses Ortes nur schwer reproduzieren lässt.
Beim L’oscar kommt noch eine zweite Geschichte hinzu. Das Haus gehört zu Michel Reybier Hospitality, deren Portfolio unter anderem La Réserve Paris, Genève, Ramatuelle und Zürich umfasst; im Sommer 2026 kommt La Réserve Firenze hinzu. Reybier ist zugleich seit Jahrzehnten eng mit der Welt des Weins verbunden. Dass ausgerechnet eines seiner Londoner Häuser das klassische Wine Pairing auf die Bühne schickt, besitzt deshalb eine gewisse Logik.


Entscheidend wird sein, ob „Cabaret & Cabernet“ die Balance hält. Denn die Grenze zwischen sinnlicher Inszenierung und gastronomischem Varieté ist schmal. Zu viel Show, und der Wein wird Requisite. Zu viel Önologie, und das Cabaret könnte ebenso gut Pause machen. Gerade diese Gefahr macht das Format allerdings interessant. Ein gewöhnliches Pairing kann sich hinter perfekten Kombinationen verstecken. Hier müssen Küche, Keller und Künstler denselben Abend tragen.
Die nächsten Termine sind der 4. September, 2. Oktober und 6. November 2026. Jeweils 25 Plätze – mehr soll es bewusst nicht geben. Das macht aus dem Dinner kein Spektakel für den großen Saal, sondern eine ziemlich private Angelegenheit. Vielleicht ist das die charmanteste Pointe des Ganzen: Während Wein immer häufiger möglichst unkompliziert auftreten möchte, macht L’oscar genau das Gegenteil und gibt ihm wieder Drama. Nur eben ohne steife Verkostungsrituale. Stattdessen Cabaret, Dinner und ein langer Tisch in einem ehemaligen Kirchengebäude. Und plötzlich hat selbst ein Cabernet Bühnenreife. Weitere Informationen unter L’oscar

