regular

← Zur Übersicht

Baden nach Kalender war gestern

Früher durfte der Badeanzug spätestens Ende August in eine dunkle Schublade umziehen. Dort wartete er neben Sonnenhut und Strandtasche auf bessere Zeiten, während draußen Mäntel, Stiefel und eine gewisse mitteleuropäische Resignation übernahmen. Heute wäre diese Ordnung ungefähr so zeitgemäß wie ein Reisebüro mit Raucherabteil. Der Sommer endet zwar weiterhin zuverlässig, die Gelegenheit zum Baden allerdings nicht. Doch der klassische Jahresurlaub hat Konkurrenz bekommen. Auf ihn folgen ein Wochenende in einem Spa-Hotel, ein paar Tage auf Mallorca im Oktober, Weihnachten auf Mauritius oder der erste Flug nach Athen, bevor dort überhaupt jemand die Sonnenschirme aufspannt. Laut European Travel Commission planten 73 Prozent der Europäer eine Reise zwischen Oktober und März. Vor allem Südeuropa und der Mittelmeerraum werden dann zunehmend interessant, wenn die große Hitze, die hohen Preise und die halbe Instagram-Belegschaft bereits wieder abgereist sind. Für ein Label wie GirlsMustHave ist diese Verschiebung entscheidend: Bademode wird damit vom saisonalen Ferienprodukt zum festen Bestandteil einer Reisegarderobe, die weit über den europäischen Hochsommer hinaus funktioniert.

Damit gerät auch eine der hartnäckigsten Kategorien der Mode ins Rutschen: die Saisonware. Swimwear war lange ein Geschäft mit einem bemerkenswert kurzen Gedächtnis. Im Frühjahr erschien sie, im Hochsommer sollte sie verkauft sein, im Herbst verschwand sie aus dem Blick. Doch wenn Reisen keinem festen Rhythmus mehr folgen, verliert dieses System seine Logik. Zwischen Infinitypool in den Alpen, beheiztem Hotelbecken und Wintersonne am Indischen Ozean gibt es kaum noch einen Monat, in dem ein Badeanzug grundsätzlich fehl am Platz wäre. Die interessantere Veränderung findet jedoch nicht im Kalender, sondern in der Garderobe statt. Bademode wird nicht länger nur danach beurteilt, ob sie eine gute Figur auf der Liege macht. Sie muss den Weg zum Lunch, an die Bar und möglichst auch durch einen Abend überstehen, ohne sofort nach Poolkarte auszusehen. Der Badeanzug übernimmt die Aufgabe eines Bodys, ein Bikini-Oberteil ersetzt das Top, darüber kommen weite Hose, Rock, Hemd oder Kaftan. Das klingt zunächst nach einem Stylingtrick, ist aber vor allem eine kleine Befreiung vom schlecht gepackten Koffer.

Resortwear wird dadurch weniger zum Ferienkostüm als zu einer sehr konzentrierten Form von Alltagskleidung. Wenige Teile sollen mehr können, Farben müssen miteinander funktionieren, Schnitte dürfen nicht an einen einzigen Ort gebunden sein. Niemand möchte für vier Tage in einem Hotel sieben komplette Rollen spielen: morgens sportive Schwimmerin, mittags Dame in Leinen, abends plötzlich Diva mit Übergepäck. Ein Stück, das zwischen diesen Situationen wechseln kann, ist nicht nur praktischer. Es wirkt auch zeitgemäßer als die Vorstellung, jeder Reiseanlass brauche eine eigene Miniaturgarderobe. Die Schweizer Designerin Alexandra Classen gründete das Label GirlsMustHave 2023; entworfen wird mit Blick auf eine Kundin, deren Reiseroute nicht am europäischen Hochsommer endet. Produziert werden die Kollektionen in der Nähe von Como. Die Modelle setzen auf klare, länger tragbare Silhouetten und Farben, die sich nicht schon nach einer Saison wie ein modischer Zeitstempel anfühlen. Einzelne Stücke können miteinander kombiniert und mit vorhandener Kleidung weitergetragen werden – vom Beckenrand direkt an einen Tisch, an dem Besteck liegt.

„Für mich gehört ein guter Badeanzug inzwischen genauso selbstverständlich in eine Reisegarderobe wie ein weißes Hemd oder eine gut geschnittene Hose“, sagt Classen. Der Vergleich ist klug gewählt, weil er den Badeanzug aus seiner Sonderrolle holt. Ein weißes Hemd wird schließlich auch nicht nur für einen bestimmten Monat gekauft. Es besitzt keine meteorologische Zuständigkeit, sondern muss sitzen, kombinierbar sein und öfter als einmal auftreten dürfen.

Wie weit sich diese neue Beweglichkeit der Bademode inzwischen erstreckt, lässt sich fast geografisch erzählen. September und Oktober gehören dem späten Mittelmeersommer. Im November beginnt die Zeit der Thermalbäder, Spas und alpinen Rückzugsorte. Zwischen Dezember und Februar locken Malediven, Mauritius, Karibik und Naher Osten mit verlässlich höheren Temperaturen. Im März und April folgen die ersten Ausbrüche Richtung Süden, bevor im Mai die europäische Hauptsaison übernimmt. Aus einem langen Sommer werden viele kleine Sommer – geografisch verteilt und von erstaunlich unterschiedlicher Wassertemperatur. Dass GirlsMustHave seine Kollektionen inzwischen sowohl im One&Only Kéa Island in Griechenland als auch im The Alpina Gstaad und im Badrutt’s Palace in St. Moritz anbietet, erzählt diese Entwicklung fast präziser als jede Trendprognose. Insel und Alpen sind keine Gegensätze mehr, sondern zwei Stationen derselben Kategorie. Wo ein Pool, ein Spa oder eine Sauna wartet, entsteht Bedarf – selbst wenn vor dem Fenster Schnee liegt und der Bademantel vernünftiger erscheint als ein Pareo.

Bemerkenswert ist außerdem, dass Vielseitigkeit hier nicht nur als modisches Versprechen funktioniert. Bei GirlsMustHave sind in die Modelle diskret gestaltete Taschen eingearbeitet, in denen bei Bedarf Brustprothesen getragen werden können. Das Detail bleibt optisch zurückhaltend, erweitert aber sehr konkret, für wen ein Badeanzug gemacht ist. Gerade in einer Produktgruppe, die den weiblichen Körper traditionell streng vermisst, korrigiert und kommentiert, ist solche Selbstverständlichkeit wertvoller als jede neue Trendfarbe. Die internationale Präsenz des Labels reicht inzwischen von Le Bon Marché und Printemps in Paris über Printemps New York und Ounass in den Vereinigten Arabischen Emiraten bis zu Bon Génie in der Schweiz. In Deutschland sind die Kollektionen neu im KaDeWe in Berlin und im Alsterhaus in Hamburg erhältlich. Die Auswahl der Verkaufsorte folgt dabei einer Route durch Städte und Reiseziele, in denen Resortmode längst nicht nur kurz vor den Sommerferien auftaucht.

Natürlich bleibt Swimwear ein emotionales Produkt. Sie wird gekauft, weil irgendwo Sonne, Wasser oder zumindest eine sehr gute Hotelliege wartet. Doch der Luxus liegt zunehmend nicht im immer neuen Urlaubslook, sondern in einem Teil, das mehrere Reisen und mehrere Rollen beherrscht. „Wenn ich einen Badeanzug morgens am Pool, mittags mit einer Hose und später unter einem Kaftan tragen kann, bekommt er eine ganz andere Relevanz“, sagt Classen. Vielleicht ist genau das die überzeugendste Antwort auf die alte Saisonlogik. Ein guter Badeanzug braucht keinen Sommer, sondern eine Gelegenheit. Und die steht inzwischen das ganze Jahr im Kalender.

Kommentar schreiben

Gefällt Ihnen was Sie sehen? Dann abonnieren Sie unseren Newsletter!