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Als Miles Betty traf

Manchmal genügt ein Mensch, und die bisherige Version des eigenen Lebens sieht plötzlich ziemlich alt aus. Als Miles Davis Ende der Sechziger Betty Mabry begegnete, trug der berühmteste Trompeter seiner Generation noch maßgeschneiderte Anzüge und bewegte sich musikalisch in einer Welt, deren Grenzen er längst kannte. Betty war Model, Musikerin, Szenegröße, sexuell selbstbestimmt und bestens vernetzt mit jener neuen Gegenkultur, die gerade zwischen Rock, Funk, Mode und Black Culture entstand. Sie stellte Miles Jimi Hendrix und Sly Stone vor. Bald klang seine Musik anders. Und er sah anders aus. Ein paar Jahre später trug Davis psychedelische Hemden, Leder, große Sonnenbrillen, auffällige Farben und Silhouetten, die mit dem konservativen Jazz-Look der frühen Jahre kaum noch etwas gemeinsam hatten. Vor allem aber entstand 1970 „Bitches Brew“: ein Album, das Jazz mit Rock, Funk und elektronischen Experimenten kollidieren ließ und zu einem Schlüsselwerk des Jazz-Fusions wurde. Mehr als ein halbes Jahrhundert später landet diese Explosion bei Off-White.

Für Herbst/Winter 2026 nimmt Creative Director Ib Kamara die Jahre rund um „Bitches Brew“ und die Beziehung zwischen Miles und Betty Davis als Ausgangspunkt. Das könnte leicht in jener Nostalgie enden, die Mode gern produziert, sobald ein ausreichend cooles Musikarchiv geöffnet wird. Ein Plattencover hier, ein Bühnenkostüm dort, fertig ist die Tribute Collection. Kamara interessiert sich jedoch weniger für das Kopieren als für den Moment, in dem etwas instabil wird.

Im vergangenen Jahr besuchte er das Miles-Davis-Archiv. Dort beschäftigte ihn neben der Musik vor allem Davis’ Erscheinung: ein Mann, der sich irgendwann offensichtlich nicht mehr dafür interessierte, ob die Kategorien, in denen andere ihn einsortierten, noch funktionierten. Jazzmusiker, Rockmusiker, Avantgardist, Popfigur – die Grenzen verloren ihre Brauchbarkeit. Genau darin erkennt Kamara eine Verbindung zu Off-White. Virgil Abloh hatte die 2013 gegründete Marke schließlich auf einem ähnlichen Zwischenraum aufgebaut. Schon der Name beschreibt die Grauzone zwischen Schwarz und Weiß. Streetwear und Luxus, Alltagsgegenstand und Designobjekt, Jugendkultur und Hochmode wurden nicht sauber getrennt, sondern absichtlich gegeneinander geschoben. Abloh musste dafür nicht immer alles neu erfinden. Oft genügte eine minimale Verschiebung, damit Bekanntes plötzlich anders gelesen wurde.

Miles Davis arbeitete natürlich mit anderen Mitteln, doch das Prinzip der Bewegung ist vergleichbar. Improvisation bedeutet, dass eine Idee nicht endgültig sein muss. Sie darf sich verändern, auf einen Impuls reagieren, sogar scheitern und neu beginnen. Kamara überträgt genau diese Unruhe auf die Kollektion. Besonders deutlich wird das in der Menswear. Schlaghosen aus Denim treffen auf gestrickte Hemden, Westen und Tailoring. Silhouetten wechseln zwischen Präzision und Lässigkeit; scharf geschnittene Teile stehen neben Formen, die aussehen, als seien sie bereits gelebt worden. Materialien wirken bearbeitet statt makellos. Der Mann, den Kamara entwirft, hat wenig Interesse daran, sich eindeutig zwischen Straße und Salon zu entscheiden. Miles liefert dafür reichlich Anschauungsmaterial. Sein Stil war nie bloße Begleitung zur Musik. Die Veränderung seiner Garderobe machte sichtbar, was klanglich längst passierte. Aus dem kontrollierten Jazzstar wurde eine Figur, deren Kleidung ebenso wenig Respekt vor Genregrenzen zeigte wie seine Platten. Doch die interessantere Hälfte der Kollektion gehört Betty.

Betty Davis, 1944 als Betty Mabry geboren, wurde nie annähernd so berühmt wie ihr zeitweiliger Ehemann. Ihr Einfluss reicht trotzdem erstaunlich weit. Ihre eigenen Funk-Platten der Siebziger waren roh, sexuell offensiv und für ihre Zeit so provokant, dass manche Radiosender sie nicht spielen wollten. Auf der Bühne trug sie Hotpants, hohe Stiefel, Lingerie und körperbetonte Looks, lange bevor weibliche Popstars sexuelle Selbstbestimmung routinemäßig zum Teil ihrer öffentlichen Inszenierung machten. Kamara interessiert daran weniger das Kostüm als die Selbstverständlichkeit. Betty Davis wartete nicht auf die Erlaubnis, sexy, laut oder widersprüchlich sein zu dürfen.

Die Womenswear von Off-White wird deshalb körperlicher. Lange Silhouetten, ausgeprägte Schultern und modellierte Taillen schaffen zunächst eine fast strenge Vertikale. Dann beginnt die Konstruktion nachzugeben. Spitze trifft auf Transparenz, Nylon auf Lingerie-Referenzen, tiefe V-Ausschnitte auf Hotpants. Kleider liegen eng am Körper und lösen sich beim Fallen wieder von ihm. Präzision und Sinnlichkeit werden nicht nacheinander abgearbeitet, sondern gleichzeitig zugelassen. Auch Polka Dots tauchen auf. Sie verweisen einerseits auf Miles Davis’ Vorliebe für das Muster und treffen andererseits auf den Meteor-Code von Off-White. Ausgerechnet der Punkt – geometrisch betrachtet kaum komplizierter denkbar – wird damit zum Bindeglied zwischen zwei visuellen Welten. Farblich verlässt Kamara die sichere Zone ebenfalls. Neutrale Töne werden mit sattem Rot, Acid Blue, Kelly Green und leuchtendem Gelb konfrontiert. Das erinnert nicht buchstäblich an die frühen Siebziger, besitzt aber deren Freude daran, Geschmack nicht mit Zurückhaltung zu verwechseln.

Überhaupt ist „Bitches Brew“ als Referenz weniger wegen seines Looks interessant als wegen seiner Entstehungslogik. Miles Davis versammelte Musiker im Studio, ließ lange Sessions spielen und formte das Material anschließend gemeinsam mit Produzent Teo Macero durch Schnitte und Montage. Das Album entstand nicht als sauber abgearbeitete Partitur, sondern aus Fragmenten, Wiederholungen, Improvisation und Bearbeitung. Was damals einige Jazzpuristen irritierte, wurde später gerade wegen dieser Grenzüberschreitungen berühmt. Mode funktioniert im besten Fall ähnlich: nicht als perfekte Illustration einer einzigen Idee, sondern als Zusammenstoß verschiedener Informationen. Kamara nimmt sich dabei eine Freiheit, die bereits zu Ablohs Off-White gehörte. Ein Kleidungsstück kann gleichzeitig elegant und street sein. Nylon darf neben Spitze existieren. Tailoring muss nicht korrekt aussehen. Ein historischer Jazzmusiker kann Referenz für eine Marke sein, die aus der Streetwear-Kultur des 21. Jahrhunderts hervorgegangen ist. Und eine Frau, die jahrzehntelang eher als Fußnote in der Biografie ihres berühmten Ex-Mannes behandelt wurde, kann plötzlich zum eigentlichen Schlüssel einer Kollektion werden.

Zusätzlich entsteht für Herbst/Winter 2026 gemeinsam mit dem Miles Davis Estate eine Capsule Collection, die sich unmittelbar mit seinem kreativen Kosmos beschäftigt. Entscheidend ist auch hier, dass daraus kein modisches Fan-Merchandise werden soll. Davis’ Bedeutung liegt schließlich nicht in einem wiedererkennbaren Foto oder Albumtitel, sondern darin, dass Stillstand für ihn irgendwann keine brauchbare Option mehr war. Selbst die Musik der Show folgt diesem Gedanken. Kamara entwickelte den Soundtrack gemeinsam mit Fabiana Palladino und Tendai. Eine amerikanische Geschichte wird dadurch aus einer afrikanischen und internationalen Gegenwart betrachtet. Das passt zu Kamara, der in Sierra Leone geboren wurde, in Gambia aufwuchs und später nach London kam. Off-White bleibt unter ihm eine kulturelle Kreuzung, nur haben sich die Verkehrsströme verändert.

Vielleicht ist das die entscheidende Verbindung zwischen Miles Davis, Betty Davis, Virgil Abloh und Ib Kamara. Keine dieser Figuren wurde interessant, indem sie besonders zuverlässig innerhalb einer vorgesehenen Kategorie funktionierte. „Bitches Brew“ ist inzwischen 56 Jahre alt. Das Album klingt trotzdem nicht wie ein höfliches historisches Dokument. Betty Davis wirkt auf alten Fotografien noch immer erstaunlich gegenwärtig. Und Virgil Ablohs Idee, kulturelle Codes durch kleine Eingriffe zu verschieben, beschäftigt Off-White vier Jahre nach seinem Tod weiterhin.

Am Ende erzählt diese Kollektion deshalb weniger von 1970 als von einer simplen Schwierigkeit im Jahr 2026: In einer Kultur, in der nahezu jede Kombination schon einmal ausprobiert, fotografiert und weiterverbreitet wurde, ist echte Überraschung ziemlich schwer geworden. Miles Davis wusste, was dann zu tun ist. Nicht lauter spielen. Die Regeln wechseln.

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