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Eine Frage der Form

960 Quadratmeter, drei Etagen und eine spektakuläre Kupfertreppe: Zum 75. Jubiläum präsentiert Max Mara seinen Münchner Flagship-Store mit einem neuen Architekturkonzept. Der Entwurf von Duccio Grassi Architects führt zurück zu den italienischen Wurzeln des Modehauses, zitiert die Industriearchitektur der Fünfzigerjahre und macht große Designerinnen zu einem festen Bestandteil des Interieurs. München wird damit zum Ausgangspunkt einer neuen internationalen Store-Generation. Manche Treppen sind dazu da, möglichst schnell von einer Etage in die nächste zu gelangen. Andere sind für den großen Auftritt gemacht. Im neuen Münchner Flagship-Store von Max Mara windet sich eine skulpturale, mit Kupfer verkleidete Wendeltreppe durch drei Geschosse. Schon von der Straße aus sichtbar, setzt sie ein architektonisches Ausrufezeichen. Und erzählt ganz nebenbei von einer italienischen Modegeschichte, die vor 75 Jahren begann.

Mit der Wiedereröffnung seiner Münchner Boutique präsentiert Max Mara ein neues Retail-Konzept, das künftig auch an weiteren internationalen Standorten umgesetzt werden soll. Auf 960 Quadratmetern entsteht der weltweit zweitgrößte Store des Hauses. Die prominente Ecklage mitten in der Stadt bietet dafür eine eindrucksvolle Bühne. Doch statt auf die üblichen Insignien des Luxus zu setzen, führt der Entwurf zurück an einen Ort, der für die Geschichte der Marke entscheidend ist: Reggio Emilia. Dort gründete Achille Maramotti 1951 sein Modeunternehmen. Zu einer Zeit, als hochwertige Damenmode noch weitgehend in traditionellen Ateliers entstand, erkannte er die Möglichkeiten industrieller Fertigung, ohne den Anspruch an handwerkliche Präzision aufzugeben. Aus dieser Verbindung entwickelte sich eine eigenständige Vorstellung von Mode: hochwertige Materialien, klare Silhouetten und Schnitte, die länger Bestand haben sollten als eine Saison. Max Mara wurde zum Synonym für den perfekt geschnittenen Mantel und eine italienische Eleganz, die sich modischen Übertreibungen bis heute weitgehend entzieht.

1958 bezog das Unternehmen einen neuen Firmensitz in Reggio Emilia, entworfen von Antonio Pastorini und Eugenio Salvarani. Das Gebäude gilt als bemerkenswertes Beispiel italienischer Industriearchitektur seiner Zeit. Heute beherbergt es die Collezione Maramotti, jene private Sammlung zeitgenössischer Kunst, die über Jahrzehnte von der Unternehmerfamilie aufgebaut wurde. Wo früher Mode entstand, werden heute bedeutende Werke internationaler Künstlerinnen und Künstler gezeigt. Für den Münchner Store wurde genau diese Architektur zum Ausgangspunkt. Duccio Grassi Architects übersetzten die Formensprache des historischen Gebäudes in ein zeitgemäßes Raumkonzept. Dabei geht es nicht um eine Rekonstruktion der Fünfzigerjahre, sondern um deren gestalterische Prinzipien: funktionale Klarheit, ehrliche Materialien und präzise ausgearbeitete Details. Der Boden besteht aus vor Ort gegossenem Terrazzo, dessen lebendige Struktur an traditionelle Zement- und Marmorsplittfliesen erinnert. Die Wände wechseln zwischen fein strukturiertem Putz in gebrochenem Weiß und handgefertigten Terrakottastreifen aus weißem Ton. Holz und schwarzes Eisen bestimmen die Einrichtung. Eine in die Decken integrierte Beleuchtung setzt die unterschiedlichen Oberflächen subtil in Szene.

Die kupferne Wendeltreppe durchbricht diese geradlinige Materialwelt mit ihrer fließenden Bewegung. Ihre warme, metallische Oberfläche verändert sich je nach Lichteinfall. Gleichzeitig schafft sie eine visuelle Verbindung zwischen den Geschossen und ist bereits von außen ein unübersehbares Erkennungszeichen des neuen Flagships. Im Erdgeschoss stehen die Accessoires im Mittelpunkt. Großzügige Holzregale präsentieren die Handtaschenkollektionen und gehen fließend in eine geschwungene Wand über, deren Nischen den Sonnenbrillen vorbehalten sind. Dahinter befindet sich eine Lounge, die durch ein hölzernes Gitterwerk von der Straße abgeschirmt wird. Die Konstruktion interpretiert traditionelle, durchbrochene Ziegelwände neu. Licht und Blicke können hindurchfallen, während die Sitzgruppe ein geschützter Bereich bleibt.

In den beiden oberen Etagen entfaltet sich die Welt der Max Mara Kollektionen. Raumhohe Präsentationsstrukturen aus Holz und schwarzem Eisen sorgen für eine klare Gliederung. Tische und Vitrinen kombinieren natürliche Holzoberflächen mit orangefarbenem Kunstharz, das einen überraschend lebendigen Akzent setzt. Großflächige Fenster lassen Tageslicht herein und öffnen den Blick auf die Münchner Innenstadt. Die Räume wirken großzügig, ohne ihre Intimität zu verlieren. Zwischen den Kollektionen stehen Sofas und Sessel, die eher an ein privates Apartment als an eine klassische Boutique erinnern. Interessant ist dabei nicht nur ihre Gestaltung, sondern vor allem ihre Herkunft: Für die Einrichtung wurden ausschließlich Entwürfe von Frauen ausgewählt, von jungen Talenten bis zu den großen Pionierinnen der Designgeschichte. Max Mara macht damit weibliche Kreativität auch jenseits der Mode sichtbar.

Zu den besonderen Stücken zählt das historische Sofa Stringa von Gae Aulenti. Das Modell stand bereits in der ersten Mailänder Niederlassung von Max Mara und findet nun einen neuen Platz in München. Aulenti, eine der bedeutendsten italienischen Architektinnen und Designerinnen des 20. Jahrhunderts, bewegte sich mit großer Selbstverständlichkeit zwischen Möbelgestaltung, Innenarchitektur und Museumsprojekten. Weltweit bekannt wurde sie unter anderem durch den Umbau des ehemaligen Pariser Bahnhofs Gare d’Orsay zum Musée d’Orsay. Ihr Werk steht für eine gestalterische Unabhängigkeit, die sich nie auf eine einzige Disziplin beschränkte.

Dass ausgerechnet eines ihrer Möbelstücke Teil des neuen Store-Konzepts wird, besitzt eine besondere historische Qualität. Es erinnert an die frühe Verbindung von Max Mara zur italienischen Designszene und fügt der Architektur eine kulturelle Ebene hinzu, die über die Präsentation von Kleidung hinausgeht. Das Interieur wird so auch zu einer kleinen Begegnung mit weiblicher Designgeschichte. Für die besonders hochwertigen und aufwendig geschneiderten Kollektionen verändert sich die Atmosphäre. Großformatige Holzdielen ersetzen den Terrazzo, cremefarbene Stoffbespannungen in hölzernen Rahmen verleihen den Wänden eine weichere Anmutung. Die Räume werden ruhiger, die Präsentation zurückhaltender. Am Ende dieser Abfolge liegt ein sanft geschwungener Baukörper, verkleidet mit trocken verlegten weißen Terrakottastreifen. Dahinter befinden sich die Umkleidekabinen, deren architektonische Gestaltung die besondere Aufmerksamkeit für den privaten Moment des Anprobierens erkennen lässt.

Einen eigenständigen Auftritt erhält Sportmax im ersten Obergeschoss. Die progressivere Linie des Hauses bekommt ein deutlich anders akzentuiertes Umfeld. Handgefertigte, geflammte Terrakottafliesen prägen den Boden, schwarze Kleiderstangen aus Eisen wechseln zwischen deckenmontierten und wandgebundenen Konstruktionen. Im Mittelpunkt steht eine eigens entworfene Bank als zentrales Gestaltungselement. Der Raum wirkt grafischer, experimenteller und bewahrt dennoch die Verbindung zum übergeordneten Konzept. Die Münchner Wiedereröffnung fällt in ein besonderes Jahr. Max Mara feiert sein 75-jähriges Bestehen, unter anderem mit der Resort-2027-Modenschau und der Ausstellung „The Max!“ im Long Museum in Shanghai. Während sich die Ausstellung mit der Geschichte und kulturellen Bedeutung der Marke beschäftigt, lässt sich diese Entwicklung in München anhand von Architektur und Design nachvollziehen.

Auch die Gästeliste der Münchner Wiedereröffnung zeigte, wie selbstverständlich Max Mara heute zwischen Mode, Film und internationaler Fashion-Szene unterwegs ist. Neben Nicola Gerber Maramotti waren unter anderem die Schauspielerinnen Alicia von Rittberg, Gizem Emre und Mitsou Jung, Fashion-Influencerin Leonie Hanne sowie Cloe zu Oettingen, Anna Kuen, Franziska Nazarenus, Hannah-Chioma Ekezie und Ting Ting Lai dabei.

Besonders reizvoll ist der Umgang mit den historischen Referenzen. Der Firmensitz von 1958 wird nicht einfach zitiert, sondern über Materialien und räumliche Strukturen neu interpretiert. Das Sofa von Gae Aulenti ist kein beliebiges Vintage-Objekt, sondern Teil der eigenen Unternehmensgeschichte. Und selbst die Wahl handgefertigter Terrakotta verweist auf jene Verbindung von Industrie und Handwerk, aus der Max Mara einst hervorgegangen ist. Draußen zieht das Leben der Münchner Innenstadt vorbei. Drinnen wechseln sich helle Verkaufsräume, wohnliche Sitzgruppen und intime Bereiche ab. Wer die drei Etagen durchstreift, entdeckt immer neue Perspektiven, Oberflächen und Designobjekte. Und zwischen Mänteln, Taschen und Kollektionen steht ein Stück italienischer Architekturgeschichte, das in München eine überraschend zeitgemäße Fortsetzung gefunden hat. Fotos ©

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