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Man reist wieder fürs Essen

Die teuerste Nebensache eines Hotelaufenthalts steht inzwischen auf dem Teller. Zwei Michelin-Sterne, 1.500 Weine, Cocktails mit 48 Stunden Vorbereitungszeit und Restaurants, für die Spitzenköche um die Welt reisen: Wer heute in einem großen Hotel nur frühstückt, hat möglicherweise den interessanteren Teil des Hauses verschlafen.

Im Hassler Roma beginnt dieser Teil hoch über der Spanischen Treppe. Das mit einem Michelin-Stern ausgezeichnete Imàgo feiert 2026 sein 20-jähriges Bestehen und hat sich dafür nicht etwa eine Jubiläumstorte bestellt, sondern grundlegend verändert. Restaurant und Küche wurden neu gestaltet und stärker miteinander verbunden. Chef Andrea Antonini arbeitet damit nicht mehr hinter den Kulissen, sondern wird samt Brigade Teil des Abends. Am deutlichsten zeigt sich das am neuen Kitchen Table: vier Plätze direkt an der offenen Küche, näher kommt man dem Geschehen kaum. Das ist auch deshalb interessant, weil Fine Dining jahrzehntelang von einer perfekten Illusion lebte. Der enorme Aufwand sollte möglichst mühelos aussehen, während hinter Schwingtüren geschnitten, reduziert, temperiert und geflucht wurde. Im Imàgo darf man nun zusehen. Antonini konzentriert seine Küche auf saisonale Produkte und eine präzise, zeitgemäße Interpretation italienischer Regionalität. Rund 1.500 Positionen umfasst die Weinkarte. Draußen liegt Rom, drinnen zeigt sich, wie viel Arbeit nötig ist, damit ein Teller am Ende ganz selbstverständlich aussieht.

In Florenz lässt sich der Tag dagegen fast vollständig nach Mahlzeiten strukturieren. Rund um das Portrait Firenze liegen mehrere Adressen der Lungarno Collection, die unterschiedliche Tageszeiten übernehmen. Im Caffè dell’Oro beginnt die Sache mit italienischer Küche und Blick auf die Ponte Vecchio, später wartet die 701 Rooftop Bar auf Aperitivi und Cocktails. Den Abend übernimmt das mit einem Michelin-Stern ausgezeichnete Borgo San Jacopo, das sich mit neuem Design und überarbeiteter gastronomischer Ausrichtung präsentiert. Chef Claudio Mengoni bietet dort drei Degustationsmenüs an: Experience, Estate und Vegetariano. Italienische Zutaten und saisonale Produkte geben die Richtung vor, einzelne Gerichte lassen sich alternativ frei kombinieren. Head Sommelier Salvatore Biscotti verwaltet dazu eine Weinkarte mit mehr als 950 Positionen. Das Bemerkenswerte ist die Bandbreite: Statt ein Restaurant mit möglichst vielen Aufgaben zu belasten, verteilen sich Frühstück, Aperitivo und Fine Dining auf unterschiedliche Orte. Ein Hotelaufenthalt bekommt dadurch einen kulinarischen Stundenplan – glücklicherweise ohne Anwesenheitspflicht.

Dass Regionalität dabei keineswegs bedeuten muss, die eigene kulinarische Vergangenheit unter einer Glasglocke zu konservieren, zeigt Castelfalfi in der Toskana. Im neuen UMMI treffen auf der Terrasse des historischen Castello zwei Küchen aufeinander, die geografisch weiter auseinanderliegen, als es die Speisekarte vermuten lässt. Der libanesische Chef Hussein Hadid und Executive Chef Davide De Simone verbinden Aromen der Levante mit toskanischer Tradition. Moutabal, Beef Shawarma und Mouhalabiyeh stehen für eine Begegnung, die sich auf historische Verbindungen zwischen Libanon und Toskana bezieht. Auch sonst wird dort kulinarisch nicht alles auf einen Teller gepackt. Das Olivina widmet sich einer modernen, vom Terroir bestimmten Küche, Il Rosmarino bleibt mit traditionellen Gerichten und Pizza aus dem Holzofen bewusst bodenständiger, Ecrù & Lounge übernimmt Cocktails und Live-Musik. Verarbeitet werden bevorzugt Produkte aus der Region, darunter Bio-Olivenöl aus eigener Herstellung und Wein aus den eigenen Weinbergen. Die Toskana bleibt also nicht dekorative Aussicht hinter dem Restaurantfenster. Sie landet im Glas und auf dem Teller.

An der Algarve wird derweil gezündelt. Das Vila Vita Parc hat Anfang August das CIRO eröffnet, das 14. Restaurant seines gastronomischen Portfolios und bereits das fünfte außerhalb des Resorts. Das ist fast interessanter als die Zahl selbst: Die Gastronomie verlässt das Hotelgelände und wird zu einer eigenständigen Marke. Im CIRO dreht sich unter Chef Francisco Barbosa alles um „Mediterranean Fire Cooking“. Gegrillter Tintenfisch, Tiger Prawns, Steinbutt und Tomahawk Steak kommen aus Feuer und Glut; selbst das für Guia typische Grillhähnchen erhält eine neue Interpretation. Feuer ist dort allerdings nur eine von mehreren Möglichkeiten, einen Abend zu verbringen. Vom 25. bis 29. August übernimmt das Handshake Speakeasy aus Mexico City für fünf Nächte die House Bar des Vila Vita Parc. Die 2024 zur World’s Best Bar gekürte Adresse bringt Signature Cocktails mit, deren Herstellung teilweise 24 bis 48 Stunden vor dem Servieren beginnt. Selbst Eis und Gläser gehören zum präzise geplanten Prozess. Ein Drink, der zwei Tage Vorbereitung braucht, macht die Bestellung eines Gin-Tonics plötzlich fast unanständig unkompliziert. Und dann ist da noch das Ocean Restaurant. Zwei Michelin-Sterne, Chef Hans Neuner und 2026 ein Degustationsmenü namens „Essência“, das sich bewusst Portugal zuwendet. Daneben stehen japanische Küche im Mizu Teppanyaki, mediterrane Aromen im Atlântico und traditionelle portugiesische Gerichte in der Adega. Das Resort funktioniert damit beinahe wie ein kleines gastronomisches Viertel, nur dass der Heimweg nach dem Essen erfreulich kurz bleibt.

An der türkischen Ägäis wird aus diesem Prinzip gleich ein internationales Gipfeltreffen. Das Maxx Royal Bodrum holt bekannte Restaurantnamen an einen Ort und erspart seinen Gästen damit ein paar zusätzliche Flugstunden. Neu ist Leña Bodrum von Dani García. Der spanische Spitzenkoch stellt Feuer, Rauch und Glut ins Zentrum. „Leña“ bedeutet Feuerholz – selten war ein Restaurantname so wenig kryptisch. Ausgewählte Cuts und hochwertige Zutaten treffen auf spanische Küchentradition und eine kosmopolitische Inszenierung. Gesellschaft bekommt Leña von Caviar Kaspia. Die Pariser Adresse für Kaviar und Seafood hat im Maxx Royal Bodrum ihr erstes Restaurant innerhalb eines Resorts eröffnet und verfügt über einen privaten Pier. Wer möchte, kann also per Boot zum Kaviar kommen. Spago von Wolfgang Puck übernimmt die kalifornische Fraktion: Salmon & Caviar Pizza und Tuna Tartare Cones werden auf einer Terrasse über der Ägäis serviert. Paris, Spanien und Beverly Hills liegen plötzlich erstaunlich nah beieinander.

In London geht es weniger um Feuer als um kulturelle Übersetzung. Canton Blue im The Peninsula London nimmt die historischen Handelsverbindungen zwischen Ost und West als Ausgangspunkt. Kantonesische Küche, Peking-Ente und handgefertigte Dim Sum treffen auf Teekultur; gleich nebenan macht Little Blue die Angelegenheit informeller. Nudelgerichte, asiatisch inspirierte Small Plates und Cocktails verschieben den Abend vom großen Dinner in Richtung Bar. Zum Mid-Autumn Festival soll im September außerdem ein Mahjong-Club hinzukommen. Ein chinesisches Gesellschaftsspiel als Teil des gastronomischen Programms klingt zunächst wie eine hübsche Nebenidee, erzählt aber viel darüber, was Hotels inzwischen von ihren Restaurants erwarten. Essen allein reicht nicht immer. Der Tisch soll wieder ein sozialer Ort sein, das Restaurant ein Treffpunkt und der Abend etwas, das nicht mit der Rechnung endet.

Wie gut das ohne permanente Neuerfindung funktionieren kann, zeigt The Peninsula Hong Kong. Dort gehören die Mooncakes des mit einem Michelin-Stern ausgezeichneten Spring Moon seit fast vier Jahrzehnten zum Mid-Autumn Festival. Die Mini Egg Custard Mooncakes wurden 1986 eingeführt und haben längst Kultstatus. 2026 kommt erstmals eine limitierte Zusammenarbeit mit der Hongkonger Bäckerei Bakehouse hinzu. Roselle & Hawthorn Mooncakes verbinden traditionelle Aromen mit Geschmäckern, die bei vielen Hongkongern Kindheitserinnerungen auslösen sollen. Dazu kommen Gourmet-Hamper, hausgemachte Saucen und ein eigenes Degustationsmenü zum Festival. Zwischen Rom, Florenz, der Toskana, Algarve, Bodrum, London und Hongkong zeichnet sich damit kein neuer Einheitsgeschmack ab – eher das Gegenteil. Gute Hotelküchen versuchen zunehmend, einen Ort präziser zu erzählen, statt internationale Luxusküche beliebig reproduzierbar zu machen. Gleichzeitig dürfen Einflüsse reisen: Libanon trifft Toskana, Beverly Hills landet in Bodrum, Mexico City mixt Drinks an der Algarve.

Vielleicht ist genau das der neue Luxus beim Reisen: nicht überall dasselbe serviert zu bekommen. Und falls dafür am Ende tatsächlich der Tisch vor dem Zimmer reserviert wird, hat die Küche im Hotel endgültig die bessere Aussicht.

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