Der moderne Mensch kann inzwischen sogar beim Entspannen unter Zeitdruck geraten. 14 Uhr Massage, 15 Uhr Facial, danach Sauna, schnell duschen und um 17 Uhr bitte wieder gesellschaftsfähig an der Bar erscheinen. Ausgerechnet Wellness hat sich vielerorts jene Taktung angewöhnt, vor der ihre Gäste eigentlich fliehen möchten. Dies erklärt, warum sich gerade eine Gegenbewegung abzeichnet: weniger Anwendungen zum Abhaken, mehr Zeit dazwischen. Nicht das einzelne Treatment soll beeindrucken, sondern die Dramaturgie eines ganzen Nachmittags.



Im Palazzo di Varignana in den Hügeln vor Bologna lässt sich beobachten, wohin diese Entwicklung führen könnte. Das Resort hat für sein Varsana Spa eine Reihe von Behandlungen entwickelt, die schon sprachlich Abstand vom üblichen Spa-Menü nehmen. Die Varsana Rituals heißen Head and Hair, Face, Body, Soul und Calming. Auf den ersten Blick klingt das übersichtlich. Interessanter wird es bei der Frage, wie diese Anwendungen aufgebaut sind. Denn hier wird nicht einfach massiert, gecremt und anschließend höflich ein Glas Wasser gereicht. Die einzelnen Stationen folgen einer festen Choreografie. Wasser bereitet vor, danach kommen Berührung, Pflege, Wärme oder Klang ins Spiel, am Ende steht Tee. Übergänge gehören ausdrücklich zur Behandlung. Das klingt zunächst nach einer Kleinigkeit, ist aber ziemlich weit entfernt von jener Spa-Logik, bei der Gäste nach exakt 50 Minuten freundlich aus der Kabine komplimentiert werden, weil draußen bereits der nächste Bademantel wartet.
Das passt zu einer Veränderung innerhalb der Wellness-Welt. Die spektakulärste Behandlung oder der exotischste Wirkstoff allein reicht nicht mehr aus. Schlaf, Stress, Konzentration und das Nervensystem haben sich neben Haut und Muskulatur auf die Wunschliste geschoben. Gleichzeitig wächst die Sehnsucht nach Angeboten, bei denen nicht permanent etwas passieren muss. Palazzo di Varignana macht daraus eine bemerkenswert internationale Angelegenheit. Japanische Badekultur trifft auf Hammam-Techniken, tibetische Klangschalen auf afrikanisch inspirierte Massagegriffe. Dazu kommen Zutaten aus der unmittelbaren Umgebung: Olivenöl, Safran und Lavendel aus Varignana. Dass sich ein italienisches Resort ausgerechnet in Japan, Afrika und Tibet bedient, könnte schnell nach Wellness-Weltreise im Bademantel aussehen. Entscheidend ist deshalb, dass die Elemente nicht als folkloristische Dekoration auftreten, sondern bestimmte Funktionen innerhalb der Abläufe übernehmen.



Besonders deutlich wird das beim Head and Hair Ritual. Die Kopfhaut, lange eher Nebenschauplatz zwischen Facial und Ganzkörpermassage, bekommt eine Hauptrolle. Dampf und spezielle Reinigungstechniken werden mit Massagen von Gesicht und Kopf kombiniert. Hinzu kommen eine Gesichtsmaske auf Basis von Safran aus der hauseigenen Spa-Linie; Pflegeprodukte für die Kopfhaut und ein Hair Finishing beschließen die Anwendung. Dass ausgerechnet der Kopf zunehmend zum Wellness-Terrain wird, ist kein Zufall. Head Spas haben sich in den vergangenen Jahren von Japan aus international verbreitet. Haare werden dabei nicht isoliert betrachtet, sondern Kopfhaut, Gesicht, Nacken und Entspannung zusammengedacht. Im Varsana Spa wird daraus eine Behandlung, die Pflege und das angenehme Gefühl verbindet, für eine Weile tatsächlich nichts entscheiden zu müssen.
Auch das Face-Ritual entfernt sich vom klassischen Prinzip Creme drauf, Falten weg. Face Yoga, Massage, Akupressur und lymphatische Stimulation werden miteinander kombiniert. Zunächst wird die Gesichtsmuskulatur aktiviert, anschließend intensiver bearbeitet. Das Interessante daran ist weniger das Versprechen eines möglichst jungen Gesichts als die Erkenntnis, dass auch ein Gesicht unter Spannung stehen kann. Kiefer, Stirn und Schläfen erzählen schließlich ziemlich zuverlässig davon, wie ein Tag verlaufen ist. Ein Ritual, das dort ansetzt, wirkt zeitgemäßer als die alte Vorstellung, man müsse dem Gesicht lediglich genügend Wirkstoffe zuführen, damit es seine biologische Vergangenheit vergisst.



Beim Body Ritual wandert der Blick von Japan Richtung Hammam und Afrika. Den Anfang macht eine Savonage mit schwarzer Seife auf Basis von nativem Olivenöl extra. Danach folgt eine Massage mit Argan-, Sesam- und Olivenöl. Reinigung und intensive Hautpflege stehen hier im Vordergrund, ohne dass daraus ein kompliziertes kosmetisches Programm gemacht wird. Das Olivenöl besitzt dabei einen angenehm lokalen Nebeneffekt. Palazzo di Varignana ist nicht nur ein Hotel, sondern Teil eines wesentlich größeren landwirtschaftlichen Projekts. Rund 700 Hektar werden bewirtschaftet; unter anderem entstehen hier Olivenöl und Wein. Was andernorts als hübsche Flasche mit regionalem Etikett im Badezimmer enden würde, wird dadurch Bestandteil eines Systems, das Küche, Landschaft und Spa miteinander verbindet.
Am ungewöhnlichsten fällt das Soul Ritual aus. Hier übernehmen tibetische Klangschalen einen Teil der Arbeit. Ihre Vibrationen begleiten eine Behandlung mit Schwerpunkt auf dem Bauchraum. Klang wird nicht als Hintergrundbeschallung eingesetzt, sondern zum eigentlichen Bestandteil des Erlebnisses. Das kann man esoterisch finden. Man kann aber auch feststellen, dass Ruhe längst nicht zwingend Stille bedeutet. Ein tiefer Ton lässt sich körperlich wahrnehmen, bevor der Kopf überhaupt Gelegenheit bekommt, ihn zu analysieren. Gerade darin liegt der Reiz einer Anwendung, die nicht versucht, jeden Effekt in ein kosmetisches Ergebnis zu übersetzen. Das Calming Ritual wiederum beschäftigt sich mit einer der großen Obsessionen der Gegenwart: Schlaf. Nur wird hier nicht gleich mit Tracking, Scores oder Optimierungsprogrammen hantiert. Ein traditionelles japanisches Ofuro bildet den Anfang. Danach folgt eine Massage mit Olivenöl, Lavendel aus Varignana begleitet den Ausklang. Das Ganze ist bewusst für den Abend gedacht. Es ist beinahe sympathisch altmodisch: warmes Wasser, Berührung, Lavendel, Ruhe. Während die Schlafindustrie inzwischen Matratzen mit Sensoren, Apps, Ringen, Atemprogrammen und jede Menge Daten produziert, setzt Varignana auf Dinge, die keinerlei Ladekabel benötigen.


Das wichtigste Detail aller Varsana-Rituals wartet allerdings nach der eigentlichen Behandlung. Jedes endet mit einem Tea Ritual, das von der japanischen Teezeremonie Chanoyu inspiriert ist. Die Gäste tragen Yukata, Gastgeberinnen oder Gastgeber begleiten die Zeremonie im Kimono. Harmonie, Respekt, Reinheit und Ruhe bilden die gedankliche Grundlage. Natürlich bewegt sich ein italienisches Luxusresort damit auf kulturell sensiblem Terrain. Gerade deshalb ist entscheidend, wie solche Traditionen übersetzt werden. Hier soll Chanoyu nicht zur exotischen Kulisse für ein Instagram-Foto werden, sondern einen Zweck erfüllen, der im westlichen Wellnessbetrieb erstaunlich oft fehlt: einen Abschluss.
Nach einer Massage direkt zum Smartphone zu greifen, ist schließlich ungefähr so sinnvoll, wie nach einem Konzert während des letzten Tons schon die Spülmaschine auszuräumen. Erfahrungen brauchen einen Moment, in dem sie enden dürfen. Der Tee schafft genau diesen Zwischenraum. Palazzo di Varignana besitzt dafür die passende Größenordnung. Das 2013 von Carlo Gherardi gegründete Anwesen umfasst heute das Palazzo di Varignana Regenerative Lifestyle Resort mit 150 Zimmern, fünf Restaurants, botanischem Garten und privater Kunstsammlung sowie eine Collection privater Villen und Landhäuser. Landwirtschaft, Gastronomie und Wellness werden nicht als getrennte Abteilungen behandelt, sondern greifen ineinander. Für sein Nachhaltigkeitsmanagement trägt das Haus den Green Key.
Darin liegt die interessantere Definition von Luxus, die sich derzeit in guten Spas abzeichnet. Noch mehr Auswahl ist irgendwann keine Bereicherung mehr. Eine Karte mit 73 Massagen kann ebenso anstrengend sein wie eine Speisekarte mit 200 Gerichten. Interessanter wird es dort, wo jemand entschieden hat, was zusammengehört, wie lange etwas dauern sollte und wann genug ist. Die Varsana Rituals machen deshalb ausgerechnet etwas zum Luxusgut, das nichts kostet und trotzdem chronisch knapp geworden ist: den Übergang. Zwischen Wasser und Massage. Zwischen Berührung und Tee. Zwischen Aktivität und Schlaf. Und vor allem zwischen dem letzten Programmpunkt und dem reflexhaften Griff zum Telefon. Weitere Informationen unter Palazzo di Varignana

