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Zwischen Sound, Skulptur und Meer

Unter Wasser ist es niemals still. Selbst dort, wo das menschliche Auge nur Dunkelheit, Strömungen und scheinbare Leere erkennt, existiert eine komplexe akustische Welt aus Klicklauten, Vibrationen und rhythmischen Bewegungen. Gesunde Korallenriffe besitzen ihren eigenen Soundtrack. Garnelen erzeugen hochfrequente Geräusche, Fische kommunizieren über feine Signale, winzige Organismen verdichten sich zu einer permanenten Geräuschkulisse. Stirbt ein Riff, verschwindet auch dieser Klang. Genau an diesem Punkt setzt das Projekt „Coral Sonic Resilience“ des Berliner Medienkünstlers Marco Barotti an. Statt Umweltzerstörung lediglich sichtbar zu machen, versucht Barotti, verlorene akustische Räume wieder hörbar werden zu lassen – und daraus eine reale ökologische Intervention zu entwickeln.

Was zunächst wie eine futuristische Kunstinstallation wirkt, bewegt sich tatsächlich an der Schnittstelle von Medienkunst, Meeresbiologie, Klangforschung und Technologie. Gemeinsam mit internationalen Wissenschaftlern untersucht Barotti die Frage, ob akustische Signale dabei helfen können, beschädigte Korallenriffe zu regenerieren. Die Idee basiert auf Forschungen zum sogenannten „Acoustic Enrichment“. Studien zeigten, dass gesunde Klanglandschaften Fische und andere Meeresbewohner anziehen können. Genau diese Geräusche werden nun mithilfe von Unterwasserlautsprechern in geschädigte Riffe übertragen.

Die dazu entwickelten Skulpturen wirken wie Organismen aus einer spekulativen Zukunft. Gefertigt aus Keramik und Kalziumkarbonat, orientieren sie sich an natürlichen Korallenstrukturen und dienen gleichzeitig als Lebensraum und Klangkörper. Unter Wasser stehen sie wie hybride Wesen zwischen Technologie und Natur auf dem Meeresgrund. Sie senden die aufgenommenen Geräusche gesunder Riffe aus, während ihre Oberflächen Korallenlarven und Meeresorganismen neue Möglichkeiten zum Ansiedeln bieten sollen. Gerade diese Verbindung aus biologischer Funktion und skulpturaler Ästhetik macht das Projekt so ungewöhnlich.

Interessant ist dabei vor allem, wie selbstverständlich Barotti Kunst und Wissenschaft miteinander verbindet. Viele Arbeiten im Bereich Umweltkunst bleiben symbolisch oder illustrativ. „Coral Sonic Resilience“ dagegen versucht, konkret in bestehende Systeme einzugreifen. Die Skulpturen sollen nicht bloß auf ökologische Krisen aufmerksam machen, sondern aktiv Teil eines möglichen Heilungsprozesses werden. Damit verschiebt sich auch die Rolle von Kunst selbst. Sie fungiert hier nicht mehr ausschließlich als Kommentar oder Beobachtung, sondern als experimenteller Bestandteil wissenschaftlicher Forschung.

Vielleicht hängt genau das auch mit Barottis Hintergrund zusammen. Bevor er international als Medienkünstler bekannt wurde, studierte er Jazz in Siena und arbeitete intensiv mit Klang, Frequenz und Rhythmus. Noch heute entstehen seine Arbeiten weniger aus klassischen bildhauerischen Denkweisen als aus akustischen Strukturen. Bewegung, Resonanz und Sound werden bei ihm zu räumlichen Elementen. Seine Installationen reagieren auf Umweltinformationen, erzeugen kinetische Prozesse und entwickeln dadurch eine beinahe lebendige Präsenz.

Gerade unter Wasser entfaltet dieser Ansatz eine besondere Wirkung. Der Ozean bleibt trotz aller technologischen Entwicklungen einer der unsichtbarsten Räume der Gegenwart. Klimawandel, Korallensterben und Artenverlust existieren für viele Menschen abstrakt, verborgen unter der Oberfläche. Barotti macht diese Prozesse hörbar. Plötzlich wird Klang selbst zu einem Indikator für ökologischen Zustand. Ein gesundes Riff besitzt Dichte, Aktivität und Rhythmus. Ein zerstörtes Riff verliert seine akustische Identität.

Die ersten Testinstallationen wurden bereits nahe der Insel Feridhoo auf den Malediven realisiert. Dort zeichnete das Team die Geräuschkulissen gesunder Korallenriffe auf und installierte Prototypen der Klangskulpturen in beschädigten Bereichen. In mehreren wissenschaftlich begleiteten Testphasen soll nun untersucht werden, wie sich Fischpopulationen, Biodiversität und Korallenwachstum entwickeln.

Gleichzeitig entwickelt sich „Coral Sonic Resilience“ zunehmend zu einem internationalen Ausstellungsprojekt. Präsentationen in Venedig, Melbourne, Karlsruhe oder Seoul zeigen, wie stark sich die Arbeit zwischen Kunstinstitution, Forschungslabor und Umweltaktivismus bewegt. Gerade deshalb wirkt das Projekt bemerkenswert zeitgemäß. Während Nachhaltigkeit vielerorts zur dekorativen Oberfläche geworden ist, entsteht hier eine Arbeit, die Technologie, Wissenschaft und Ästhetik glaubwürdig miteinander verbindet.

Vielleicht liegt die eigentliche Qualität von „Coral Sonic Resilience“ aber weniger in seiner technologischen Innovation als in seinem Blick auf Natur selbst. Der Ozean erscheint hier nicht als Kulisse oder Ressource, sondern als empfindliches Netzwerk aus Signalen, Beziehungen und Resonanzen. Barotti zeigt eine Welt, die permanent kommuniziert – auch dann, wenn Menschen längst aufgehört haben zuzuhören. Genau darin entwickelt das Projekt seine stärkste Wirkung: als Erinnerung daran, dass ökologische Systeme nicht erst dann verschwinden, wenn nichts mehr sichtbar ist, sondern oft schon dann, wenn sie verstummen. Weitere Informationen unter Marco Barotti

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