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Zwischen Botschaft und Wildnis

Ein Krokodil als Empfangskomitee ist selbst in Berlin bemerkenswert. Im Foyer von Das Stue begrüßt der mächtige Kopf des französischen Künstlers Quentin Garel die Gäste mit jener Mischung aus Kunst und Ironie, die das gesamte Haus prägt. Monumentale Treppen, geschwungene Möbel und warmes Licht bilden die Kulisse, das Tier setzt den pointierten Akzent. Es verweist auf die wohl ungewöhnlichste Nachbarschaft eines Berliner Luxushotels: Auf der einen Seite liegt der Tiergarten, auf der anderen der Zoo. Dazwischen steht ein Haus, das seine Geschichte nicht unter Glas stellt, sondern elegant in die Gegenwart übersetzt. Das Gebäude an der Drakestraße wurde vom dänischen Königreich als Botschaft in Auftrag gegeben und während des Zweiten Weltkriegs fertiggestellt. Verantwortlich war Johann Emil Schaudt, der Architekt des KaDeWe. Seine halbrunde Fassade, die kräftigen Doppelpfeiler und der harte Naturstein besitzen jene repräsentative Schwere, die für das Jahr 1940 kaum überrascht. Zugleich entzieht sich der Bau der vollkommenen Strenge. Ornamentierte Fenster, die Rundung des Hauses und seine Lage am Grün nehmen der Architektur das Einschüchternde. Nach einer kurzen Nutzung als Wohn- und Amtssitz der dänischen Botschafter wechselte das Gebäude mehrfach den Besitzer. 2009 begann der Umbau zum Hotel, 2012 kamen die ersten Gäste.

Ausgerechnet diese etwas sperrige Vorgeschichte erweist sich heute als Glücksfall. Während manche Luxushotels versuchen, Herkunft durch beige Stoffe und diskrete Beleuchtung unsichtbar zu machen, darf Das Stue kompliziert bleiben. Die historische Substanz wurde nicht zur dekorativen Kulisse degradiert. Treppenhäuser, Originalparkett, französische Türen und restaurierte Holzelemente erzählen weiterhin von einem Haus, das einmal für diplomatische Repräsentation gedacht war. Der moderne Anbau von Axthelm Architects antwortet darauf mit einer Vorhangfassade aus Fotobeton, deren ornamentales Muster dem massiven Material etwas beinahe Textiles gibt. Beton, der sich als Tapete versucht – Berlin kann durchaus charmant sein, wenn es möchte. Für die öffentlichen Räume entwickelte Patricia Urquiola ein Interieur, das der Architektur ihre förmliche Miene nimmt. Die spanische Designerin kombinierte gedeckte Farben und natürliche Materialien mit Kupfer, kräftigen Akzenten und Möbeln von Molteni, B&B Italia oder Flos. Nichts daran sieht aus, als sei ein komplettes Moodboard auf einmal bestellt worden. Sessel stehen nicht stramm, Leuchten dürfen skulptural sein, und selbst in den Bibliotheken bleibt genug visuelle Unruhe, um nicht in jene gediegene Langeweile abzurutschen, die in der Luxushotellerie gern mit Zeitlosigkeit verwechselt wird. Urquiolas Räume sind elegant, aber nicht folgsam. Sie geben dem historischen Gebäude Leichtigkeit, ohne seine Eigenheiten wegzudekorieren.

Dabei taucht das Tierreich immer wieder auf. Ledertiere der britischen Manufaktur Omersa bevölkern einzelne Räume, Kunstwerke zitieren Schädel, Federn und animalische Formen, und aus der Bar fällt der Blick bisweilen auf die deutlich lebendigeren Bewohner des Zoos. Die Grenze zwischen Hotel und Tierwelt wird erstaunlich durchlässig. Über einen privaten Eingang gelangen Gäste direkt in den Zoologischen Garten; der Concierge organisiert auf Wunsch Führungen, Touren nach der regulären Schließzeit oder Einblicke hinter die Kulissen. Das klingt zunächst nach einem hübschen Extra für Familien, verändert aber tatsächlich das Gefühl des Ortes. In kaum einem anderen Berliner Hotel liegt das Wilde derart höflich neben dem Zimmerservice. Auch der Name trägt diese Nähe zum Wohnen in sich. „Stue“ bezeichnet im Dänischen ein Wohn- oder Gesellschaftszimmer – eine Erinnerung an die ursprünglichen Auftraggeber des Gebäudes und zugleich ein ziemlich präzises Versprechen. Trotz seiner repräsentativen Architektur besitzt das Haus mit nur 78 Zimmern und Suiten eine überschaubare Größe. Es fühlt sich nicht wie eine Maschine an, die Menschen möglichst reibungslos durch Lobby, Lift und Frühstück schleust. Viele Bereiche wirken eher wie großzügige Salons, in denen Bücher, Kunst und Möbel nicht als Beschäftigungsprogramm ausgestellt sind, sondern eine selbstverständliche Umgebung bilden.

Die Zimmer blicken entweder in den Tiergarten oder auf den Zoo. Einige verfügen über Balkone und Terrassen, andere über freistehende Badewannen, hohe Decken oder separate Wohnbereiche. Ihre Gestaltung bleibt ruhiger als die öffentlichen Räume, ohne ins Anonyme zu kippen. Holz, Textilien, gedämpfte Farben und sorgfältig gesetztes Licht lassen der Aussicht den Vorrang. Besonders in den ehemaligen Botschaftsräumen ist noch spürbar, dass diese Architektur ursprünglich nicht für eine schnelle Übernachtung entworfen wurde. Türen, Proportionen und Raumfolgen besitzen eine Großzügigkeit, die sich nicht nachträglich durch einen besonders ausladenden Bettrahmen simulieren lässt. Vor der Tür beginnt Berlin, allerdings nicht seine lauteste Version. Das Botschaftsviertel war lange eine seltsam menschenleere Zone zwischen politischer Repräsentation und Parklandschaft. Bis heute kann es dort nach Einbruch der Dunkelheit wirken, als seien die Bürgersteige vorsorglich hochgeklappt worden. Für ein Hotel ist diese Zurückhaltung ein Vorteil. Die Neue Nationalgalerie, das Kulturforum, das Haus der Kulturen der Welt, die City West und das KaDeWe liegen nah, dennoch bleibt das übliche Grundrauschen der Hauptstadt auf Abstand. Zentraler kann Ruhe kaum liegen.

Kulinarisch hat das Haus seine frühere Komplexität inzwischen zugunsten einer klareren Idee reduziert. Im Restaurant Carte Blanche stehen französische Klassiker auf der Karte: Entrecôte, Trüffelpasta und Crème brûlée, Gerichte, die nicht erst in einem Vortrag erklärt werden müssen. Das passt zu einem Hotel, das gestalterisch bereits genügend Gesprächsstoff liefert. Die angrenzende Stue Bar ist weniger Brasserie als exzentrisches Wohnzimmer. Unterschiedliche Sitzmöbel, Kunst und gedämpftes Licht schaffen jene gute Form von Unordnung, die sofort vertraut wirkt. Auf der begrünten Terrasse sitzt der Zoo beinahe am Tisch.

Im Untergeschoss wartet keine Wellnesslandschaft mit fernöstlicher Fantasiedekoration, sondern THE SPA auf kompakten 260 Quadratmetern. Ein 14 Meter langer Pool, eine finnische Sauna, ein Fitnessraum und drei Behandlungsräume genügen vollkommen, zumal Tageslicht und der Blick ins Grün mehr bewirken als ein weiteres Regal mit gerollten Handtüchern. Die Dimension bleibt angenehm vernünftig. Schließlich liegt der Tiergarten direkt vor der Tür, und Berlin ist für eine vollständige Woche im Bademantel schlicht zu interessant.

Das Stue beherrscht eine Kunst, die in der Hauptstadt nicht selbstverständlich ist: Es macht aus Ruhe kein steriles Konzept. Das Haus ist weder ein historisches Monument mit angeschlossenem Hotelbetrieb noch eine Designbühne, auf der Gäste zu Statisten werden. Seine Räume dürfen repräsentativ, verspielt, wohnlich und gelegentlich ein wenig sonderbar sein. Gerade dadurch entsteht jene Form von Luxus, die nicht ständig nach Aufmerksamkeit verlangt. Berlin bleibt draußen laut, widersprüchlich und gern etwas anstrengend. In der Drakestraße genügt ein Krokodil, um für klare Verhältnisse zu sorgen.

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