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Yay, bitte Platz nehmen

Manche Stühle möchten möglichst wenig auffallen. Sie schieben sich unter den Tisch, halten sich formal zurück und erledigen ihren Job. yay gehört nicht zu dieser Kategorie. Der Stuhl des deutschen Büromöbelherstellers gumpo sieht vielmehr so aus, als hätte jemand beim Entwerfen beschlossen, die vertraute Anatomie eines Sitzmöbels einmal gründlich durcheinanderzubringen. Am deutlichsten wird das an der Rückenlehne. Wo gewöhnlich Fläche, Schale oder ein klassisch gepolsterter Rücken erwartet werden, sitzt bei yay ein erstaunlich reduziertes Element. Fast wirkt es zunächst zu klein für seine Aufgabe. Genau diese Irritation macht den Entwurf interessant. Sobald man Platz nimmt, erledigt die intelligent gepolsterte Lehne jedoch ziemlich überzeugend das, was sie soll: Sie stützt den Rücken, ohne den Stuhl optisch schwer werden zu lassen.

Das Prinzip zieht sich durch den gesamten Entwurf. yay ist kompakt, aber nicht schüchtern; weich, ohne plüschig zu werden; auffällig, ohne nach einem Möbel zu wirken, das nur für den großen Auftritt entworfen wurde. Selbst die Beine verschwinden unter textilem Bezug. Sitzfläche, Rücken und Untergestell werden dadurch zu einer beinahe geschlossenen, stofflichen Einheit. Metall oder Holz treten optisch zurück, Konstruktion wird nicht ausgestellt. Was bleibt, ist eine kleine gepolsterte Architektur. Damit bewegt sich der Stuhl ziemlich selbstverständlich zwischen unterschiedlichen Welten. Am Esstisch funktioniert er anders als in einer Lounge, in einem Besprechungsraum anders als in einem Restaurant. Seine überschaubaren Dimensionen machen ihn dort interessant, wo Räume nicht mit großen Möbelstücken überladen werden sollen. Gleichzeitig besitzt die Silhouette genug Eigenständigkeit, um nicht zwischen Tisch, Regal und Leuchte zu verschwinden.

Wie gut das funktioniert, zeigt ein Projekt im belgischen Schilde. Dort eröffnete das Brillenlabel theo Eyewear mit „compliments by theo“ einen Retail-Space, der weniger wie ein klassisches Optikgeschäft und mehr wie eine räumliche Verlängerung der Marke funktioniert. theo ist schließlich nicht dafür bekannt, Brillen möglichst unauffällig ins Gesicht zu setzen. Farbe, ungewöhnliche Geometrien und ziemlich eigenwillige Kombinationen gehören seit Langem zum visuellen Vokabular des belgischen Labels. Ein Raum für eine solche Marke hat ein interessantes Problem zu lösen. Wird das Interior genauso laut wie die Produkte, konkurriert plötzlich alles miteinander. Wird es zu neutral, verliert die Umgebung ihre Verbindung zur Marke. Das von true. food agency entwickelte und gemeinsam mit espoo. realisierte Konzept entscheidet sich deshalb für kontrollierte Gegensätze.

Heller Terrazzo, warmes Holzfurnier und Edelstahl bilden eine ruhige Grundstruktur. Dazwischen tauchen Primärfarben auf, grafisch geflieste Säulen unterbrechen die Flächen und beleuchtete Präsentationselemente scheinen teilweise im Raum zu schweben. Die Brillen werden nicht in eine möglichst spektakuläre Kulisse gezwängt. Stattdessen entsteht eine Art dreidimensionales Koordinatensystem aus Material, Farbe und Licht, in dem die Produkte genügend Luft bekommen. Interessant ist dabei vor allem, wie gezielt Farbe eingesetzt wird. Sie läuft nicht dekorativ durch den gesamten Laden, sondern taucht punktuell auf und gewinnt gerade dadurch an Wirkung. Ein kräftiger Ton braucht schließlich Platz um sich herum. Dasselbe gilt für außergewöhnliche Formen. Zwischen Terrazzo, Metall und Holz können sie wesentlich stärker wirken als vor einer permanent aufgedrehten Kulisse.

Zwölf yay chairs von gumpo bringen Farbe und Leichtigkeit in den Raum. Für das Projekt wurden sie mit Sonderstoffen ausgestattet, deren intensive Farben auf die Gestaltung des Stores reagieren. Die Stühle stehen damit nicht einfach als notwendige Sitzgelegenheiten im Raum. Sie übernehmen einen Teil der visuellen Dramaturgie. Das funktioniert auch deshalb, weil yay keine klassische Vorder- und Rückseitenlogik besitzt. Die textile Oberfläche läuft über nahezu das gesamte Möbel, die kleine Rückenlehne setzt einen grafischen Akzent, die Proportionen wirken aus unterschiedlichen Blickwinkeln jeweils leicht verändert. Mehrere Exemplare nebeneinander entwickeln deshalb fast den Rhythmus einer Installation. Und trotzdem dürfen Menschen darauf sitzen – ein nicht ganz unwichtiger Unterschied zu vielen Objekten, die im Designbetrieb lieber betrachtet als benutzt werden.

Gerade im Retail ist diese Verbindung relevant. Geschäfte haben sich längst von Orten entfernt, an denen Produkte lediglich auf Regalen liegen und auf ihren Verkauf warten. Marken investieren in Räume, die eine bestimmte Atmosphäre herstellen sollen, weil der physische Ort etwas leisten muss, das ein Onlineshop nur schwer reproduzieren kann. Material lässt sich anfassen, Maßstab körperlich erleben, Farbe verändert sich mit Licht – und ein guter Stuhl verrät seine Qualität ohnehin erst, wenn jemand darauf Platz nimmt. Für gumpo ist der Einsatz in Schilde deshalb mehr als eine hübsche Referenz. Das Unternehmen kommt aus der Büromöbelwelt, bewegt seine Produkte inzwischen aber zunehmend in Richtung Retail, Hospitality und anderer öffentlicher Innenräume. Das ist durchaus logisch. Die Grenzen zwischen diesen Bereichen sind in den vergangenen Jahren ohnehin unschärfer geworden. Büros bekommen wohnliche Bereiche, Hotels richten Co-Working-Zonen ein, Restaurants gleichen zeitweise Clubs und Concept Stores wiederum Galerien.

Entsprechend müssen Möbel heute weniger eindeutig erklären, für welchen Raum sie ursprünglich gedacht waren. Entscheidend ist, ob sie unterschiedliche Situationen aushalten. yay besitzt dafür eine interessante Mischung: klein genug für enge Grundrisse, komfortabel genug für längeres Sitzen und formal prägnant genug, um in einem sorgfältig kuratierten Interior nicht unterzugehen. Dass dabei auch Farbe eine zentrale Rolle spielt, passt zum Projekt in Belgien. Ein vollständig textiler Stuhl lässt sich über seinen Bezug stärker verändern als viele Möbel mit dominanter Holz- oder Metallkonstruktion. Dunkel und monochrom kann yay beinahe ruhig wirken, in kräftigen Stoffen verändert sich sein Charakter sofort. Die Konstruktion bleibt identisch, die Wahrnehmung nicht.

Im „compliments by theo“-Store wird daraus ein ziemlich schlüssiges Zusammenspiel. Die Brillen bringen feine Linien, kleine Maßstäbe und intensive Farben ins Spiel. Der Raum antwortet mit großzügigen Flächen und klaren Materialien. Die yay chairs übersetzen beides in ein Objekt, das irgendwo zwischen Möbel, Farbfläche und kleiner Skulptur liegt. Vielleicht ist das – nein: Genau das ist seine eigentliche Stärke. yay muss nicht über Größe imponieren. Der Stuhl verändert einen Raum mit wenigen Mitteln: einer ungewöhnlichen Silhouette, einer überraschend knappen Rückenlehne und sehr viel Stoff. In Schilde zeigt sich, dass ein Möbelstück nicht zum Mittelpunkt werden muss, um einen Raum entscheidend mitzuprägen.

Und der Name? Für einen Stuhl bemerkenswert optimistisch. Aber immerhin verzichtet gumpo darauf, aus vier Beinen und einer Sitzfläche eine philosophische Abhandlung zu machen. yay heißt einfach yay. Ein kleines Ausrufezeichen kann manchmal völlig ausreichen. Fotos: © Toon Aerts @aertstoon.studio

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