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Was bleibt

Mode liebt die Zukunft. Jede Saison verspricht den nächsten Trend, die nächste Silhouette, die nächste Farbe. Kaum eine Branche blickt so konsequent nach vorne. Umso überraschender wirkt ausgerechnet eine Epoche, die lange als Sinnbild für Rückschritt, Dunkelheit und Stillstand galt. Das Mittelalter erlebt derzeit eine stille Renaissance. Nicht in Form von Ritterromantik oder Fantasy-Ästhetik, sondern als kulturelle Haltung. Handwerk, Beständigkeit und Charakter werden plötzlich wieder wichtiger als flüchtige Trends. Genau diesen Zeitgeist greift MaxMara für den Herbst/Winter 2026 auf. Das italienische Modehaus erzählt keine nostalgische Geschichte über vergangene Jahrhunderte. Vielmehr nutzt die Kollektion Geschichte als Ausgangspunkt für eine überraschend moderne Vorstellung weiblicher Stärke. Zwischen mittelalterlichen Referenzen, architektonischen Silhouetten und kompromisslos luxuriösen Materialien entsteht eine Garderobe, die Vergangenheit nicht zitiert, sondern neu interpretiert.

Der Titel der Kollektion lautet folgerichtig „History and Modernity“. Zwei Begriffe, die zunächst wie Gegensätze wirken, erzählen hier dieselbe Geschichte. Denn die schönsten Kleidungsstücke altern ähnlich wie gute Architektur. Sie gewinnen mit der Zeit an Charakter. Gebrauchsspuren erzählen Geschichten, hochwertige Materialien entwickeln Patina, perfekte Verarbeitung überdauert Jahrzehnte. Genau darin liegt seit jeher die Philosophie von MaxMara.

Im Mittelpunkt steht diesmal eine Frau, die außerhalb Italiens erstaunlich wenig bekannt ist und dennoch zu den außergewöhnlichsten Persönlichkeiten des europäischen Mittelalters zählt: Matilde di Canossa. Im 11. Jahrhundert herrschte sie über große Teile Norditaliens, vermittelte zwischen Kaisern und Päpsten, führte Truppen an und förderte Kunst und Kultur. Lange bevor Begriffe wie Emanzipation oder Female Leadership entstanden, verkörperte sie politische Klugheit, diplomatisches Geschick und strategische Stärke. MaxMara macht aus ihr jedoch keine historische Figur. Matilde wird vielmehr zur Projektionsfläche einer modernen Frau, die Autorität nicht über Lautstärke definiert. Die Kollektion verzichtet bewusst auf offensichtliche Machtinszenierungen. Stärke zeigt sich in Haltung, Präzision und Konsequenz.

Das beginnt bereits bei den Silhouetten. Lange Mäntel erinnern entfernt an historische Umhänge, wirken jedoch durch klare Linien und exakte Proportionen vollkommen gegenwärtig. Cape-Mäntel, Kimonoärmel, hohe Stuart-Kragen oder großzügige Kapuzen greifen historische Formen auf, ohne jemals kostümhaft zu erscheinen. Selbst asymmetrische Verschlüsse oder markante Schulterpartien wirken weniger dekorativ als funktional. Kleidung erscheint hier wie eine schützende Hülle – elegant, aber niemals fragil.

Besonders faszinierend ist der Umgang mit Materialien. Kaum eine Kollektion der vergangenen Jahre setzt so konsequent auf authentische Stoffe. Kaschmir, Kamelhaar, Alpaka, Mohair, feine Wolle, Double-Face-Gewebe, Veloursleder und Merinillo-Shearling bestimmen nahezu jeden Look. Nichts wirkt beliebig oder austauschbar. Statt schneller Oberflächen entstehen Kleidungsstücke mit einer beinahe archaischen Wertigkeit. Gerade in einer Zeit, in der Fast Fashion immer kurzlebiger erscheint, entwickelt diese Materialkultur eine unerwartete Aktualität. Auch die Farbpalette folgt dieser Idee. Sand, Taupe, Haselnuss, Camel, Burgunder, Anthrazit und warme Brauntöne erinnern an Natur, Erde und Stein. Selbst kräftigere Nuancen wirken nie laut. Die Farben besitzen Tiefe statt Signalwirkung und verleihen der gesamten Kollektion eine ruhige Selbstverständlichkeit. Es ist eine Garderobe, die nicht Aufmerksamkeit sucht, sondern Präsenz entwickelt.

Auffällig ist außerdem die konsequente Verbindung von Utility und Luxus. Flache Overknee-Stiefel aus Veloursleder ersetzen hohe Absätze, breite Gürtel mit markanten Doppelschnallen strukturieren die Silhouetten, überdimensionierte trapezförmige Taschen wirken funktional statt dekorativ. Selbst Metallnieten erscheinen nicht rebellisch, sondern erinnern an historische Rüstungen, deren eigentliche Aufgabe Schutz und Stabilität war. Ausgerechnet diese funktionalen Details verleihen der Kollektion ihre moderne Spannung. Dabei gelingt MaxMara ein Kunststück, das derzeit nur wenige Luxusmarken beherrschen. Die Kollektion erzählt eine Geschichte, ohne ins Theatralische abzurutschen. Begriffe wie Neo-Mittelalter oder Gothic Chic dienen lediglich als atmosphärische Referenz. Tatsächlich entstehen überraschend tragbare Looks, die weit entfernt von jeder Fantasy-Ästhetik bleiben. Statt dramatischer Inszenierung dominieren Ruhe, Klarheit und außergewöhnliche Verarbeitung.

Besonders deutlich wird diese Balance bei den Stricklooks. Gerippte Kaschmirpullover, schmale Maxiröcke und großzügige Cardigans wirken beinahe puristisch. Gleichzeitig erzeugen Mohair, Lederdetails und die charakteristischen Proportionen eine subtile Spannung zwischen Komfort und Autorität. Die Silhouetten schmiegen sich nicht an den Körper an, sondern geben ihm Raum. Eleganz entsteht nicht durch Inszenierung, sondern durch Souveränität.

Natürlich darf dabei auch der berühmteste Mantel des Hauses nicht fehlen. Der ikonische 101801, der seit 1981 zu den wichtigsten Designklassikern der Mode zählt, bildet erneut den historischen Anker der Kollektion. Seit seiner Einführung steht er für genau jene Form weiblicher Selbstbestimmung, die MaxMara bis heute prägt. Dass die Zahl 1981 beinahe neunhundert Jahre nach Matilde di Canossas politischem Höhepunkt liegt, wirkt dabei fast symbolisch. Geschichte erscheint nicht als abgeschlossene Vergangenheit, sondern als fortlaufende Erzählung weiblicher Stärke.

Gerade darin liegt die eigentliche Qualität dieser Kollektion. Während viele Luxusmarken derzeit laut um Aufmerksamkeit kämpfen, entscheidet sich MaxMara für das Gegenteil. Statt Effekten dominieren Substanz, Material und Handwerk. Statt kurzfristiger Trends entsteht Kleidung mit der Perspektive eines langen Lebens. Vielleicht ist genau das heute die modernste Form von Luxus.

Denn Fortschritt bedeutet längst nicht mehr, alles ständig neu zu erfinden. Manchmal entsteht Innovation gerade dann, wenn Geschichte nicht museal bewahrt, sondern intelligent weitergedacht wird. MaxMara gelingt genau dieser Balance. Die Kollektion zeigt, dass sich mittelalterliche Symbolik, italienisches Handwerk und zeitgenössische Eleganz keineswegs ausschließen. Im Gegenteil: Sie wirken überraschend aktuell. Vielleicht ist das die eigentliche Botschaft von History and Modernity. Die stärksten Frauen brauchen keine Rüstung mehr. Doch Kleidung, die Haltung vermittelt, bleibt zeitlos. Und genau deshalb fühlt sich diese Reise ins Mittelalter erstaunlich modern an. Weitere Informationen unter MaxMara

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