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Von Steinen, Sternen und starken Düften

Parfüm hatte einmal eine überschaubare Aufgabe: Es sollte gut riechen, eine Weile auf der Haut bleiben und im Badezimmer nicht unangenehm auffallen. Inzwischen wird von einem Flakon deutlich mehr verlangt. Er soll Erinnerungen wecken, Identitäten verschieben, kulturelle Herkunft erzählen oder gleich eine Verbindung zum Universum herstellen. Auf der Pitti Fragranze 2026 in Florenz war zu erleben, wie lustvoll sich die künstlerische Nischenparfümerie von den vertrauten Regeln der Branche entfernt. Gefälligkeit ist dabei kein verlässliches Verkaufsargument mehr. Charakter schon. Etwa drei Viertel der Aussteller kamen nicht aus Italien. Rund 2.000 Einkäufer und Fachbesucher reisten an, vor allem aus Spanien, Deutschland, Frankreich, der Schweiz, Polen, den Niederlanden, Großbritannien, den USA und mehreren asiatischen Märkten. Das waren etwa zehn Prozent weniger als im Vorjahr. Auf den Gängen wirkte die Stimmung dennoch lebendig, besonders am Freitag und Samstag. Die Konsumkrise, die längst auch den Luxus- und Nischenduftmarkt erreicht hat, blieb ein diskretes Hintergrundgeräusch.

Für den prominentesten Auftritt sorgte Niccolò Pasqualetti. 2025 war der toskanische Designer noch Gast-Designer der Pitti Uomo, nun präsentierte er als Ehrengast der Pitti Fragranze sein Parfümdebüt. Die gemeinsam mit Cristiano Canali, Chefparfümeur bei Mane Italia, entwickelte Kollektion Andara besteht aus drei Extraits de Parfum: White, Blue und Red. Alle besitzen eine Duftkonzentration von mehr als 20 Prozent und kommen im Oktober auf den Markt. Dass Modedesigner irgendwann ein Parfüm lancieren, ist nicht ungewöhnlich. Interessanter ist Pasqualettis Weigerung, den Duft bloß als Ergänzung seiner Mode zu behandeln. Andara soll nicht nach Accessoire riechen. Die drei Kompositionen stehen eigenständig nebeneinander und teilen lediglich eine holzig-ambrierte Basisnote: Orcanox. Die Idee geht auf Pasqualettis Kindheit und die Stein- und Mineraliensammlung seines Großvaters zurück. Jahre später entdeckte er auf einem Flohmarkt sogenannte Andara-Steine, glasartige Gebilde, die vor allem in der Welt der Kristallheilung gehandelt werden. Pasqualetti interessierten ihre Transparenz, ihre Farben und ihren rätselhaften Status irgendwo zwischen Naturfund, Glaubensobjekt und schöner Behauptung. Jeder Duft bezieht sich auf einen Stein aus seiner eigenen Sammlung.

White Andara spielt mit Klarheit und Tiefe, Vertrautheit und Irritation. Blue Andara bringt botanische Frische und mineralische Kühle zusammen. Red Andara ist der lauteste der drei Düfte. Erdbeere, Tuberose, Rose und Champaca treffen auf Zafryl, Labdanum, Wildleder und Orcanox. Rot ist hier keine hübsche Dekoration. Die Farbe kündigt an, dass jemand den Raum betreten hat. Das passt zu Pasqualettis Mode, die Körper nicht nach vertrauten Geschlechterbildern sortiert. „Ich kleide das Individuum, nicht das Geschlecht“, lautet sein häufig zitiertes Prinzip. Auch Andara soll über die inzwischen beinahe routinemäßig verwendeten Begriffe „Unisex“ und „Genderless“ hinausgehen. Rohstoffe, die traditionell als weiblich oder männlich gelesen werden, verlieren ihre festgelegten Rollen. Entscheidend ist nicht, für wen der Duft angeblich gedacht ist, sondern was er auf einer bestimmten Haut auslöst. Flakons und Verpackungen werden von italienischen Unternehmen gefertigt, womit die Kollektion auch in der Produktion eng mit Pasqualettis Verständnis von „Made in Italy“ verbunden bleibt.

Andara war das große Ereignis der Messe, aber nicht das einzige überzeugende Beispiel für den neuen Erzähleifer der Branche. Beim Istituto dell’Odore von Meo Fusciuni trifft Duft auf Erinnerung, Natur und eine beinahe archivarische Ästhetik. Grau steht für Beton, Konstruktion und brutalistische Architektur, Rot für Zeichen, Siegel und Bewahrung. Ein Parfüm ist dort kein flüchtiger Schmuck, sondern der Versuch, etwas festzuhalten, das längst zu verschwinden droht. Sehr viel weiter nach oben blickt YLEM. Die Hamburger Avantgarde-Marke übersetzt Nebel – jene kosmischen Gebiete, in denen Sterne entstehen – in Extraits de Parfum. Der Name bezeichnet die hypothetische Urmaterie, aus der nach einer frühen kosmologischen Theorie alles hervorgegangen sein soll. Die ersten drei Düfte tragen die Namen ihrer astronomischen Vorbilder. Eye of God, inspiriert vom Helixnebel, verbindet Gewürze, verbranntes Oud, Hölzer und Amber mit einer metallischen Kühle. Eastern Veil arbeitet mit Iris, Popcorn und Moschus, während Soap Bubble Passionsfrucht, Karamell und weißen Moschus zusammenbringt. Das klingt ein wenig größenwahnsinnig, riecht aber deutlich interessanter als der nächste Duft, der lediglich einen italienischen Sommerabend verspricht.

Peosym, die Marke von Purvi Joshi, feierte in Florenz ihr internationales Debüt und beschäftigt sich mit einer irdischeren Form der Herkunft. Der Name steht für „Personal Expression of Stories, Yearnings & Memories“. Indisches Kulturerbe dient dabei nicht als exotische Dekoration, sondern als lebendige, gegenwärtige Erfahrung. Kopf- und Basisnoten werden technisch voneinander getrennt und zeitversetzt freigesetzt. Die Düfte verraten also nicht beim ersten Sprühen ihre gesamte Geschichte, sondern verändern sich im Lauf der Stunden. Auch Venue aus New York verbindet asiatische Prägungen mit amerikanischer Kreativität und entwickelt seine Parfüms im Austausch mit Musik und visueller Kultur. Prologue Parfum de Peau bleibt mit Moschus, feinen Blüten und weichen Hölzern dicht an der Haut. Die Wirkung ist sauber, aber nicht steril, leise, aber keineswegs schüchtern. Bei Cent.pm entstand die Marke aus der Begegnung eines Parfümeurs mit einem Fotografen. Eau de Pensée verwendet Osmanthus nicht als naturgetreue Nachbildung einer Blüte, sondern als Auslöser für Nostalgie. Ein Duft wie eine Filmszene, deren Handlung fehlt – und gerade deshalb im Kopf weiterläuft.

Prem Rouge stellte unterdessen die klassische Alkoholbasis infrage. Die beiden zu 100 Prozent natürlichen Düfte mit Rose und Tuberose lassen sich einzeln tragen oder miteinander kombinieren. Die Marke bezeichnet sie als Eau de Peau: eine Emulsion aus Wasserpflanzen, die sanft auf der Haut liegt und trotzdem eine erkennbare Spur hinterlassen soll. Produziert wird in kleinen Chargen und limitierten Editionen. Das Layering wirkt hier nicht wie ein Vorwand, zwei Flakons statt eines zu verkaufen, sondern wie die Einladung, an der Komposition selbst weiterzuarbeiten. Aus Korea kam Kuoca mit einem fast kulinarischen Verständnis von Schönheit. Kostbare Inhaltsstoffe wie weißer Trüffel oder grüner Kaviar prägen das Pflegesortiment. Wild Peach Eau de Parfum fällt erfreulich unkompliziert aus: Verbene, Minze, Pfirsichblüte und Ho-Holz sollen an frisch aufgeschnittene provenzalische Pfirsiche erinnern. Fruchtig, aber nicht klebrig; sommerlich, ohne nach Poolbar zu riechen. Dass Nischenparfümerie nicht zwangsläufig kompliziert oder unerschwinglich sein muss, zeigte HBNR. Die 2025 vom indonesischen Fußballer Justin Hubner gegründete Marke setzt auf lang anhaltende Formulierungen zu vergleichsweise zugänglichen Preisen. Sugar & Spice ist als Unisexduft für Tag und Abend gedacht, El Preman fällt markanter und maskuliner aus, Sweet Dreams weicher und süßer. Zwischen all den Manifesten, Kindheitserinnerungen und kosmischen Ursprungstheorien besitzt diese direkte Einteilung fast schon rebellische Nüchternheit.

Andere Marken verknüpfen Düfte gezielt mit emotionalen Zuständen. Almost Human widmet fünf Extraits mit einer Konzentration von jeweils 25 Prozent Momenten des Übergangs. Silent Rain beschreibt die Klarheit nach einem Frühlingsregen, Desert Hope die Erscheinung einer Oase, Ritual Code den Beginn eines archaischen Rituals. Free Yourself kombiniert Parfümeriehandwerk aus Grasse mit Techniken aus Vermont und untersucht, wie Aromen emotionale Veränderungen begleiten können. An den Kompositionen arbeiteten renommierte Parfümeure wie Ralf Schwieger, Maud Chabanis, Xavier Blaizot und Mathilde Bijaoui. Max Foucaut wiederum bringt Paris, Kalifornien und London in einer kleinen Duftgeografie zusammen. Seine Ombre Trilogy verbindet Städte mit ikonischen Stoffen. Ombre Solaire ordnet Los Angeles dem Denim zu und setzt auf Bergamotte und Neroli. Ombre Nocturne paart London mit Tweed und einer dunkleren Savile-Row-Stimmung. Die Textilien werden nicht buchstäblich nachgebaut. Sie dienen als kulturelle Kürzel: Denim steht für Beweglichkeit und lässige Selbstverständlichkeit, Tweed für Struktur, Tradition und britische Strenge. Dass die Pitti Fragranze längst mehr zeigt als Parfüm, machte der Bereich „Soul and Skin“ deutlich. Obayaty entwickelt zwischen Los Angeles und Stockholm eine zeitgemäße Vorstellung von Kosmetik für Männer. Der Face Booster ist eine leicht getönte Feuchtigkeitspflege, die fahle Haut ausgleicht, ohne sichtbar geschminkt zu wirken. Dress Cosmeeticts setzt auf drei konzentrierte Pflegeprodukte für alle Hauttypen, Altersgruppen und Geschlechter. Bei Warew treffen japanische Pflanzenkunde und moderne Wirkstoffforschung aufeinander: Ume-Destillat und Extrakte aus vier traditionellen Heilpflanzen sollen die Hautbarriere stärken. Petite Amie Skincare richtet sich mit farbenfrohen Tuchmasken und einer Kollektion von Räucherstäbchen an eine Generation, für die Gesichtspflege und Raumduft längst Teile desselben Rituals sind.

Zwischen jungen Marken standen bekannte Namen wie Caron, Fragonard, Lorenzo Villoresi, Pierre Guillaume Paris oder The Different Company. Aus Deutschland waren neben YLEM auch Rundholz und Art Brüt Berlin von Daniel Matousek vertreten, aus der Schweiz Thomas de Monaco. Gerade diese Mischung bewahrte die Messe davor, zu einer Leistungsschau der möglichst komplizierten Duftgeschichte zu werden. Die Pitti Fragranze 2026 zeigte keinen einzelnen Trend, der sich bequem auf eine Saisonfarbe oder einen neuen Lieblingsrohstoff reduzieren ließe. Stattdessen wurde sichtbar, wie sehr sich das Verständnis von Luxus verändert. Exklusivität entsteht nicht mehr allein durch Preis, Seltenheit oder einen schweren Verschluss. Sie beginnt dort, wo eine Idee präzise genug ist, um nicht allen gefallen zu müssen. Manchmal führt sie zu einem Stein aus der Sammlung des Großvaters, manchmal zu indischen Erinnerungen, einem Stück Tweed oder einem Nebel in mehreren hundert Lichtjahren Entfernung. Gut riechen sollte das Ergebnis natürlich trotzdem. Fotos © AKAstudio-collective

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