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Vom Etui zur Ikone

Eine gute Tasche verrät erstaunlich viel über ihre Zeit. Was hineingehört, was geschützt werden muss und was unterwegs griffbereit bleiben soll. 1926 waren das bei Montblanc vor allem Füllfederhalter. Hundert Jahre später passen Laptop, Telefon, Kartenetui, Uhr und Notizbuch dazu – doch ausgerechnet das Schreiben bleibt der rote Faden. Vielleicht ist das in einer Welt, in der sich ganze Arbeitstage auf einem Bildschirm abspielen, nicht einmal nostalgisch, sondern ziemlich zeitgemäß. Montblanc feiert 2026 ein Jahrhundert Lederwaren. Zwei Jahre nach dem 100. Geburtstag des Meisterstücks rückt damit eine Produktwelt ins Zentrum, die lange eher als Begleiter des berühmten Schreibgeräts verstanden wurde. Dabei erzählt sie fast ebenso viel über Mobilität, Arbeit und veränderte Lebensgewohnheiten wie der Füllfederhalter selbst. Denn die Geschichte beginnt nicht mit einer großen Reisetasche oder einer Aktentasche, sondern denkbar pragmatisch: mit einem Etui.

Editorial © Valentin Bouquio

In den 1920er-Jahren wurde Reisen für eine wachsende urbane und international orientierte Kundschaft selbstverständlicher. Der Füller blieb nicht länger auf dem Schreibtisch liegen, sondern fuhr Zug, bestieg Schiffe und überquerte Grenzen. Wer sein Schreibgerät mitnahm, brauchte etwas, das es unterwegs schützte. Montblanc begann deshalb 1926 mit der Herstellung kleiner Lederwaren und Etuis für Schreibgeräte. Zum Einsatz kamen unter anderem Juchtenleder und Saffiano-Leder. Letzteres findet sich bis heute in Kollektionen der Marke. Auch farblich war die Welt damals weniger streng, als historische Vorstellungen vom Herrenaccessoire vermuten lassen: Neben Schwarz und Braun gehörten früh Blau, Rot und Grün zum Angebot. Die Lederwaren wurden zunächst in der Nähe von Offenbach gefertigt. Kein zufälliger Standort. Die Stadt und ihre Umgebung galten über Jahrzehnte als eines der Zentren deutscher Lederverarbeitung. Dort entstanden Etuis, Schreibmappen, Notizbuchhüllen und andere Accessoires, die eng mit dem ursprünglichen Geschäft Montblancs verbunden blieben. Mehr als sechs Jahrzehnte lang war Leder vor allem die zweite Haut des Schreibens.


Erst Mitte der 1990er-Jahre wurde daraus konsequenter eine eigenständige Kategorie. Montblanc entwickelte klar definierte Kollektionen und größere Taschen. Aus dem Schutz für den Füller wurde nach und nach Gepäck für einen Alltag, in dem Arbeit und Reisen immer enger zusammenrückten. 2006 folgte ein weiterer Einschnitt: Das Zentrum der Lederentwicklung zog nach Florenz. Damit verlagerte Montblanc einen wesentlichen Teil seiner Kompetenz in eine Region, deren Lederhandwerk weit über Italien hinaus prägend ist. Dort beginnt heute die materielle Seite einer Tasche, nachdem sie zuvor meist ziemlich klassisch entstanden ist: mit einem Strich auf Papier. Seit 2021 verantwortet Marco Tomasetta als Artistic Director die Gestaltung der Montblanc Lederwaren. Seine Entwürfe entstehen zunächst im Pariser Studio. Anschließend werden in Florenz Konstruktion, Proportionen, Oberflächen und Materialien entwickelt. Nicht jedes Leder eignet sich für jede Form. Weichheit, Stärke, Narbung und Widerstandsfähigkeit entscheiden darüber, ob aus einer Zeichnung tatsächlich eine Tasche werden kann, die nach Jahren besser und nicht nur älter aussieht.


Gerade diese Alterungsfähigkeit ist einer der interessanteren Gegensätze zur digitalen Gegenwart. Dateien sollen möglichst spurlos bleiben. Leder soll Spuren bekommen. Eine Kante wird weicher, die Oberfläche verändert sich, einzelne Partien dunkeln nach. Das Objekt dokumentiert seinen Gebrauch, ohne dass dafür eine Cloud benötigt wird. Montblanc-CEO Giorgio Sarné beschreibt Leder deshalb als etwas, das über die Jahre zu einer Art persönlicher Chronik seines Besitzers wird. Dass Montblanc diese Idee inzwischen wieder stärker mit der Kultur des Schreibens verbindet, zeigt besonders der Writing Traveler. Die Tasche wurde für Herbst/Winter 2025 zunächst als Briefcase aus strukturiertem Corteccia-Sfumato-Leder vorgestellt. Tomasetta versteht sie weniger als klassische Aktentasche denn als tragbaren Schreibtisch. Das klingt zunächst nach einer ziemlich großen Aufgabe für ein Stück Leder, wird beim Öffnen jedoch plausibel. Die markante Fronttasche ist wie ein kleines Ordnungssystem aufgebaut. Es gibt definierte Plätze für Schreibgeräte, Notizbuch, Kartenetui oder Portemonnaie und sogar für eine Uhr. Geöffnet erinnert das Innenleben tatsächlich an einen sehr kompakten Arbeitsplatz. Alles hat seinen Ort, ohne dass die Tasche nach technischem Organizer aussieht. Ein privates Schreibkabinett für unterwegs, irgendwo zwischen Werkzeugkasten und klassischer Aktentasche.
Auch bei der Herstellung spielt Papier nochmals eine überraschende Rolle. Aus Tomasettas Zeichnungen entstehen zunächst technische Pläne, anschließend dreidimensionale Modelle aus Papier. An ihnen lassen sich Volumen, Kurven und Proportionen mit Schere und Stift korrigieren, bevor daraus feste Formen für die eigentliche Fertigung entwickelt werden. Rund acht Stunden Handarbeit benötigt die Montage eines Writing Traveler. Bei Varianten mit Sfumato-Effekt kommt am Ende ein weiterer handwerklicher Schritt hinzu: Die Oberfläche wird von Hand mit einem Farbverlauf versehen. Dunklere und hellere Partien gehen weich ineinander über – eine Referenz an Tinte, die sich auf Papier ausbreitet, ohne dass die Tasche daraus ein allzu offensichtliches Symbol macht.


Seit der Premiere wurde das Konzept weiterentwickelt. Neben verschiedenen Lederoberflächen gibt es inzwischen eine kompaktere Crossbody-Version; für Frühjahr/Sommer 2027 kommt mit der Soft Traveler Linie eine weichere Interpretation hinzu. Damit wird aus dem einzelnen Entwurf langsam eine Familie – und aus dem Schreibtisch endgültig ein mobiles Prinzip.
Andere Details tauchen ebenfalls immer wieder auf. Griffe und Verschlüsse greifen mit ihren zugespitzten Formen die Silhouette einer Füllfederhalterfeder auf. Taschenklappen erinnern an Briefumschläge, Fächer sind bewusst für Schreibgeräte dimensioniert, das weiße Montblanc Emblem erscheint mal sichtbar auf der Vorderseite, mal beinahe versteckt. Das Interessante daran ist weniger das Zitieren historischer Motive als die Frage, wie weit sich die Welt des Schreibens abstrahieren lässt, ohne in Retro-Romantik zu enden. Hundert Jahre nach dem ersten Lederetui befindet sich Montblanc damit in einer durchaus reizvollen Situation. Der Gegenstand, für den die Lederwaren ursprünglich erfunden wurden, ist im Alltag längst nicht mehr zwingend notwendig. Eine Nachricht braucht keinen Füller, ein Vertrag kein Lederetui und selbst eine Unterschrift lässt sich digital erledigen. Genau dadurch bekommt das Analoge plötzlich einen anderen Wert. Schreiben mit der Hand ist vom notwendigen Vorgang zu einer bewussten Entscheidung geworden.


Vielleicht funktioniert deshalb auch die Verbindung zwischen Füllfederhalter und Tasche heute wieder so gut. Beide müssen nichts beschleunigen. Sie organisieren, schützen, begleiten und entwickeln im besten Fall mit der Zeit eine Patina, die kein Update ersetzen kann. 1926 brauchte der reisende Füller ein Etui. 2026 bekommt gleich der ganze Schreibtisch Henkel. Fotos © MONTBLANC, Editorial © Valentin Bouquio

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