In einem Londoner Cottage bringt Fiona Lawrenson die professionelle Edelstahlküche Ego von Abimis mit Naturputz, Stein und Holz in Einklang. Das Ergebnis ist präzise, wohnlich und erstaunlich unklinisch. In Wohnküchen darf inzwischen fast alles altern: Eiche bekommt Kerben, Messing läuft an, Naturstein sammelt Flecken. Nur Edelstahl steht noch immer unter Generalverdacht. Zu kalt, zu technisch, zu nah an Kantine oder Krankenhaus. Dass dieses Vorurteil weniger mit dem Material als mit seiner Verarbeitung zu tun hat, zeigt ein Londoner Cottage, das in einem ehemaligen Stall eingerichtet wurde. Im Zentrum steht eine maßgefertigte Ego-Küche von Abimis. Sie sieht nicht aus, als sei ein Restaurant versehentlich in ein Landhaus eingezogen. Eher so, als hätten englische Architektur und italienische Küchentechnik beschlossen, ihre jeweiligen Eigenheiten nicht voreinander zu verstecken.

Verantwortlich für das Projekt ist die britische Architektin und Gestalterin Fiona Lawrenson. Ihre Arbeit begann vor mehr als 25 Jahren im Landschaftsdesign, bevor sie ihre Praxis um Architektur, Interior und Styling erweiterte. Drei Goldmedaillen bei der RHS Chelsea Flower Show gehören ebenso zu ihrer Biografie wie die Ausbildung an der Inchbald School of Design. Diese Herkunft erklärt einiges: Lawrenson betrachtet Räume nicht als Ansammlung einzelner Produkte, sondern als Folge von Materialien, Blickachsen, Licht und Bewegung. Das Vorhandene wird dabei nicht museal konserviert, sondern für den Alltag weiterentwickelt.
Im Londoner Cottage bedeutete das zunächst, den ursprünglichen Charakter des ehemaligen Stallgebäudes nicht glatt zu renovieren. Naturputz, Stein und Holz liefern eine warme, beinahe archaische Grundlage. Dazwischen steht die Küche aus AISI-304-Edelstahl, klar geschnitten und technisch präzise. Der Kontrast ist deutlich, wirkt aber nicht aggressiv. Alte Architektur muss hier keine rustikale Kulisse spielen, und der Stahl gibt sich nicht als futuristischer Fremdkörper aus. Beide Seiten behalten ihre Eigenständigkeit. Genau dadurch entsteht ein Raum, der weder nostalgisch noch demonstrativ modern erscheint. Die Ausgangslage war anspruchsvoller, als es die ruhigen Bilder vermuten lassen. Der verfügbare Platz ist kompakt, die Küche sollte jedoch zwei sehr unterschiedliche Arten der Nutzung ermöglichen. Sie musste unkompliziert genug für den täglichen Gebrauch sein und zugleich die Voraussetzungen bieten, damit ein professioneller Koch ein Dinner für bis zu 15 Personen vorbereiten kann. Zusätzlich liegen Schlafräume direkt über der Küche. Die leistungsfähige Abzugshaube durfte daher zwar arbeiten wie in der Gastronomie, sollte aber akustisch nicht an deren Hochbetrieb erinnern. Schon diese Vorgaben zeigen, dass es bei dem Entwurf weniger um ein spektakuläres Küchenmöbel als um die genaue Organisation widersprüchlicher Anforderungen ging.



Lawrenson ordnete den Raum entsprechend klar. Eine Wand ist dem Vorbereiten und Kochen gewidmet, die gegenüberliegende dem Spülen. Ein mittleres Modul nimmt die großzügige Arbeitsfläche und die Öfen auf. Eine Halbinsel verlängert den nutzbaren Bereich, integriert Geräte und schafft eine direkte Verbindung zum Esszimmer. Speisen lassen sich servieren, ohne dass Gäste, Geschirr und Köche einander im schmalen Raum blockieren. Die Küche folgt damit keiner abstrakten Symmetrie, sondern den tatsächlichen Abläufen: herausnehmen, waschen, vorbereiten, garen und anrichten. Diese Bewegungslogik ist ein zentrales Thema von Abimis. Das italienische Unternehmen kommt aus dem professionellen Küchenbau und überträgt dessen Prinzipien auf private Häuser, Apartments, Yachten und Außenbereiche. Die Ego-Linie ist vollständig maßgefertigt; feste Standardmodule spielen eine untergeordnete Rolle. Abmessungen, Geräte, Arbeitszonen und Stauraum werden für das jeweilige Projekt entwickelt. Im Londoner Cottage gehören dazu ein großvolumiger Backofen, ein Teppanyaki-Grill, Armaturen mit sofort verfügbarem Heißwasser und die große Abzugshaube. Sämtliche Funktionen bleiben sichtbar genug, um intuitiv bedient zu werden, drängen sich optisch jedoch nicht in den Vordergrund.
Entscheidend ist die Art, wie der Edelstahl behandelt wurde. Die Oberflächen sind von Hand orbital poliert. Dabei entstehen feine, sich überlagernde Schleifspuren, die das einfallende Licht nicht spiegelglatt zurückwerfen, sondern weich verteilen. Der Stahl bekommt dadurch eine beinahe textile Tiefe. Er wirkt weniger wie eine blanke Maschine und eher wie ein Material, das Berührung ausdrücklich zulässt. Vor den warmen Putzflächen verändert sich seine Farbe mit der Tageszeit und dem Lichteinfall. Die Messinggriffe setzen kleine goldene Akzente, ohne den Raum in die bekannte Kombination aus luxuriösem Metallmix und dekorativer Effektbeleuchtung abgleiten zu lassen.


Auch konstruktiv unterscheidet sich die Küche von einem gewöhnlichen Möbelprogramm mit metallischen Fronten. Die Strukturen bestehen durchgehend aus Edelstahl; das Material ist keine dünne Verkleidung über Spanplatte oder MDF. Arbeitsflächen und Spülbereiche werden möglichst ohne Fugen ausgeführt, damit sich Schmutz und Feuchtigkeit nicht in Übergängen sammeln. Flächenbündige Türen, abgerundete Kanten, verdeckte Scharniere und der zurückgesetzte Sockel erleichtern Reinigung und Bewegung. Gerade in einer kleinen Küche ist das relevant: Vorspringende Griffe, schwer erreichbare Ecken und unruhige Modulwechsel fallen dort schneller auf als in einem weitläufigen Showroom.
AISI 304 ist in professionellen Küchen vor allem wegen seiner Widerstandsfähigkeit, Korrosionsbeständigkeit und unkomplizierten Reinigung etabliert. Im privaten Interior wurde Edelstahl lange auf einzelne Geräte, Arbeitsplatten oder Spülen reduziert. Eine vollständig daraus gefertigte Küche galt wahlweise als radikales Designstatement oder als Ausstattung für Menschen, die zu Hause freiwillig Restaurantdienst simulieren. Das Londoner Projekt entzieht sich beiden Bildern. Seine technische Qualität ist jederzeit ablesbar, wird aber durch die umgebenden Materialien domestiziert. Der Stahl muss nicht wärmer aussehen, als er ist. Naturputz, Holz, Stein und Messing übernehmen diese Aufgabe.
Fiona Lawrenson beschäftigt sich in ihren Projekten intensiv damit, wie Menschen einen Raum tatsächlich benutzen. Dazu gehören auch Gewohnheiten, die in Architekturzeichnungen selten auftauchen: Wo landet die Tasche nach dem Heimkommen? Welche Geräte stehen jeden Morgen auf der Arbeitsfläche? Wie bewegen sich mehrere Personen beim Kochen? Was soll aus dem Blickfeld verschwinden? Gerade Küchengeräte integriert sie nach eigener Aussage lieber, als sie dauerhaft zu präsentieren. Im Cottage verschwinden sie deshalb weitgehend in der Struktur der Halbinsel und der Einbauten. Die Technik bleibt verfügbar, ohne den Raum optisch zu besetzen.

Das ist womöglich die eigentliche Qualität dieser Küche. Sie versucht nicht, ein historisches Gebäude durch demonstrative Sensibilität zu adeln. Ebenso wenig setzt sie Edelstahl als kühlen Gegenpol ein, nur damit das Projekt auf Bildern interessanter wirkt. Die Spannung entsteht aus der Konsequenz, mit der jede Materialentscheidung ihrer Aufgabe folgt. Putz macht das Licht weich, Stein gibt dem Raum Gewicht, Holz bringt vertraute Wärme, Stahl übernimmt Arbeit, Hygiene und Präzision.
So wird aus einer ehemaligen Stallung keine romantische Landhausfantasie, sondern ein belastbarer Wohnraum. Die Ego-Küche kann am Morgen Tee und Toast bewältigen, am Abend einen professionellen Koch unterstützen und dazwischen so selbstverständlich dastehen wie ein lange vorhandenes Bauteil. In diesem Cottage ist Edelstahl nicht das Gegenteil von Behaglichkeit. Er sorgt lediglich dafür, dass sie den nächsten großen Abend problemlos übersteht. Weitere Informationen unter Abimis Fotos © Colin Dutton

