Kunstmessen besitzen eine heimliche Maßeinheit: den roten Klebepunkt. Er ist kaum größer als eine Zwei-Cent-Münze, entscheidet aber darüber, ob aus höflichem Interesse tatsächlich ein Kauf zustande gekommen ist. In den Hangars des ehemaligen Flughafens Tempelhof tauchte er an diesem Wochenende auffallend häufig auf. Während anderswo noch darüber debattiert wird, ob Bilder künftig vor allem über Feeds zirkulieren, wechselten bei der 13. POSITIONS Berlin Art Fair ganz handfest Arbeiten ihre Besitzer. Das kleine Signal am Schild war die knappste und vermutlich ehrlichste Bilanz der vier Messetage. Vom 10. bis 13. September kamen mehr als 28.000 Besucher nach Tempelhof. 96 Galerien aus 20 Ländern zeigten Werke von über 300 Künstlerinnen und Künstlern aus rund 50 Nationen. Vor Ort erzählten diese Zahlen von einem ungebrochenen Wunsch: Kunst im Raum zu sehen, ihre Oberfläche zu prüfen, über einen Preis zu sprechen und nicht nach drei Sekunden zum nächsten Bild weiterzuwischen. Die POSITIONS Berlin Art Fair 2026 war ein Gegenentwurf zur nervösen Ökonomie der Aufmerksamkeit – ohne das Digitale zum Feindbild zu erklären.

Dass mit den Hangars 5 und 6 wieder zwei Hallen zur Verfügung standen, war mehr als eine logistische Randnotiz. Tempelhof kann Kunst mit seinen Stahlträgern und bis zu 14 Meter hohen Wänden mühelos einschüchtern. Die klare Messearchitektur ließ den Arbeiten dennoch Luft. Zwischen moderner Kunst, jungen Talenten, Keramik, Fotografie und raumgreifenden Installationen entstand kein glatt sortiertes Panorama, sondern produktive Reibung. Besonders deutlich wurde das dort, wo Biografien und Materialgeschichte ineinandergriffen. Albert Scopins Fotografien aus dem Chelsea Hotel führten zurück ins New York der späten Sechzigerjahre. Mit einer gelb bemalten Kodak Instamatic hatte er Nachbarn, Besucher und Unbekannte aufgenommen, bevor die Bilder verschwanden und erst Jahrzehnte später wieder auftauchten. Karsten Konrad verarbeitet ausrangierte Möbel, Spielzeug und Bauteile aus dem untergegangenen Osten zu Skulpturen, in denen Entsorgung zur Zeitdiagnose wird. Eva Chapkins Fotografien und ihre fast prothetisch wirkenden Holzrahmen kreisten um Migration und das paradoxe Gefühl, sich umso weniger festhalten zu können, je genauer die eigene Existenz dokumentiert wird. Solche Arbeiten belohnten das zweite Hinsehen. Der Länderfokus Türkei schärfte den Blick auf eine Kunstszene, die in Deutschland kulturell eng verbunden und auf dem hiesigen Markt dennoch nicht selbstverständlich präsent ist. Drei türkische Galerien waren beteiligt. Bei Oğulcan Kuş trafen die weißen Handschuhe amerikanischer Cartoonfiguren auf Ornamenttradition, Art Handling und die Vorstellung einer unsichtbaren Hand, die das Schicksal lenkt. Ece Özel übersetzte die Dramaturgie ihrer DJ-Sets in Malerei: Nachtclubrot, geschichtete Farben, gesichtslose Figuren, flüchtige Bewegung. Simla İçeli wiederum zeigte Kritik an patriarchalen Strukturen in einer pastelligen Bildwelt voller Kindheitserinnerungen und popkultureller Zeichen. Gerade weil diese Werke keine gemeinsame nationale Ästhetik behaupteten, funktionierte der Schwerpunkt. Er zeigte Verbindungen, ohne Verschiedenheit dekorativ einzubeziehen.


Die jüngste Generation erhielt nicht bloß einen symbolischen Platz am Rand. Academy POSITIONS versammelte 29 Studierende und Absolventen von 14 deutschen Kunsthochschulen. Die Leipziger Initiative daisies brachte neun Galerien aus der Spinnerei mit und bewies, dass Nachwuchsarbeit weder steif noch gönnerhaft aussehen muss. Ihr Name klingt niedlich, ihr Bild ist ziemlich präzise: Gänseblümchen können Beton sprengen. Für Menschen, die bislang glaubten, Sammeln beginne erst mit einem geerbten Vermögen, zeigte Selected POSITIONS Arbeiten bis 2.500 Euro. Der Einstieg in den Kunstmarkt wurde damit nicht zum pädagogischen Programm, sondern zur realistischen Möglichkeit. Auch die Grenzen zu Mode und Design blieben porös. Bei FASHION POSITIONS präsentierten 22 unabhängige Labels Kleidung als räumliche und kulturelle Arbeit, nicht als Laufstegware auf Durchreise. Die Serie „One person. One voice.“ von Claudia Malecka und die Kampagne Mental Health in Fashion lenkten den Blick auf psychische Belastungen in einer Branche, die Erschöpfung gern als Glamour verkauft. Erstmals ergänzte DESIGN POSITIONS das Programm: Kurator Julian Daynov versammelte elf Berliner Positionen zwischen Objekt, Funktion und freier Gestaltung. Die Disziplinen teilen schließlich dieselben Fragen: Was ist ein Material wert, wer fertigt ein Objekt, und wann wird Gebrauch zur Bedeutung?



Am Ende musste sich die kuratorische Idee allerdings am Markt bewähren. Die Christian Marx Galerie meldete mehr als 25 verkaufte Arbeiten des dänischen Künstlers Ole Aakjaer; auch weniger bekannte afrikanische Positionen profitierten von der Aufmerksamkeit. Beim Malte Uekermann Kunsthandel wechselten über zehn Werke den Besitzer, viele davon an neue Kunden. Bita Kolenda berichtete von starkem Interesse an Moritz Kochs sorgfältig inszenierten Bildpanoramen, während Kunsthandel Draheim mit einer Arbeit von Jeanne Mammen klassische Kunst selbstbewusst ins zeitgenössische Umfeld stellte. Neben privaten Käufern griffen erneut öffentliche Sammlungen und Institutionen zu. Das widerlegt zumindest für vier Tage die bequeme Erzählung vom Publikum, das nur schauen, fotografieren und weiterziehen wolle. Die Berliner Galerie Met erhielt den Zilkens Best Booth Award für eine beinahe museale Gruppenschau. Rosalie Becher und Helen Vogelsang gewannen den Zilkens Fine Art Academy Award; die HEUSSEN Perspectives Awards gingen an Luca Di-Febo, Anna Wandaller und Leonie Lass. Wichtiger als die Liste der Trophäen ist, was folgen kann: Ausstellungen, Kontakte und im besten Fall eine Laufbahn, die nicht am Übergang von der Hochschule in den Markt stecken bleibt.


Parallel wurde darüber gesprochen, wie dieser Markt künftig funktionieren könnte: über hybride Identitäten, digitale Kunstvermittlung, soziale Medien und die Frage, ob Talent oder Strategie eine Karriere trägt. Der vielleicht schönste Widerspruch der POSITIONS Berlin Art Fair lag genau darin. Eine Veranstaltung, die Algorithmen, Reichweite und digitale Vermittlung ernst nahm, lieferte ihr stärkstes Argument vollkommen analog. Menschen standen vor Werken, sprachen miteinander, zweifelten, kauften. Der rote Punkt war dabei kein vulgäres Preisschild, sondern das Satzzeichen hinter einer Entscheidung. Tempelhof hat schon größere Bewegungen erlebt. Für den Kunstmarkt genügte an diesem Septemberwochenende eine ziemlich kleine, runde. Fotos © Dominik Friess

