Der Moment vor der Verwandlung. Es ist dieser kurze, kaum greifbare Zustand, in dem etwas kippt, ohne dass man genau sagen kann, wann es begonnen hat. Genau hier setzt die Ausstellung von Alexandra Kordas im Kunstfoyer der LV1871 an. „Frühlingserwachen“ ist dabei weniger als klassische Ausstellung zu verstehen, sondern eher als ein Parcours durch innere Zustände – ein Raum, der nicht einfach betrachtet, sondern durchlaufen wird.
Was Kordas zeigt, entzieht sich schnell einer eindeutigen Zuordnung. Ihre Arbeiten wirken nicht wie abgeschlossene Kompositionen, sondern wie Momentaufnahmen eines Prozesses. Formen entstehen, lösen sich wieder auf, geraten in Bewegung. Farbe wird dabei zum eigentlichen Träger von Spannung. Pastellige Flächen treffen auf leuchtende, fast aggressive Töne, werden von Schwarz durchzogen, das weniger trennt als verdichtet. Es sind keine harmonischen Bildräume, sondern fragile Gefüge, die jederzeit kippen können.



Auffällig ist, wie stark diese Bilder körperlich wirken. Sie bleiben nicht auf der Oberfläche, sondern erzeugen eine Art Resonanz, die sich nur schwer kontrollieren lässt. Man tritt näher heran, versucht, Strukturen zu lesen, Zusammenhänge zu erkennen – und merkt schnell, dass es weniger um das Verstehen geht als um das Wahrnehmen. Linien verlaufen ins Offene, brechen ab, setzen neu an. Nichts scheint endgültig, alles bleibt im Zustand des Werdens.
Diese Offenheit ist kein Zufall, sondern Teil eines konsequenten künstlerischen Ansatzes. Kordas arbeitet aus einer inneren Bewegung heraus, ihre Bildsprache entwickelt sich intuitiv, fast organisch. Gleichzeitig wirkt nichts beliebig. Hinter der scheinbaren Unruhe liegt eine präzise Setzung von Farbe, Fläche und Rhythmus. Es entsteht ein Spannungsfeld, das sich nicht auflösen lässt – zwischen Kontrolle und Kontrollverlust, zwischen Verdichtung und Auflösung.
Der Titel „Frühlingserwachen“ verweist dabei nur vordergründig auf Natur. Tatsächlich geht es weniger um das Sichtbare als um das, was darunter liegt. Um Zustände, die sich verändern, verschieben, neu formieren. Um diese Momente, in denen etwas aufbricht, ohne dass klar ist, wohin es führt. Kordas übersetzt diese Übergänge in eine Bildsprache, die bewusst offen bleibt. Sie bietet keine Antworten, sondern setzt Impulse.
Interessant ist auch, wie sich in der Ausstellung unterschiedliche emotionale Ebenen überlagern. Zarte, fast fragile Passagen stehen neben eruptiven Gesten. Nähe wird aufgebaut und im nächsten Moment wieder infrage gestellt. Es entsteht ein permanentes Wechselspiel, das den Blick nicht zur Ruhe kommen lässt. Genau darin liegt die Intensität dieser Arbeiten: Sie fordern Aufmerksamkeit, ohne sich aufzudrängen.

Dass Kordas erst vergleichsweise spät in die Öffentlichkeit getreten ist, verstärkt diesen Eindruck noch. Ihr Werk wirkt nicht kalkuliert, nicht auf Wirkung hin optimiert, sondern gewachsen. Erfahrungen, Brüche, persönliche wie kollektive Themen fließen ein, ohne direkt benannt zu werden. Stattdessen entstehen Bildräume, die offen genug sind, um eigene Assoziationen zuzulassen.
Im Kunstfoyer der LV1871 funktioniert diese Ausstellung besonders gut, weil der Raum selbst eine gewisse Ruhe mitbringt. Die Arbeiten setzen sich davon ab, ohne zu kollidieren. Sie nehmen sich den Raum, verändern ihn, lassen ihn gleichzeitig bestehen. Es entsteht ein Dialog, der nicht laut ist, aber präsent bleibt.
Am Ende bleibt weniger ein konkretes Bild als ein Gefühl. Etwas, das sich nicht festhalten lässt, aber nachwirkt. Vielleicht ist es genau diese Qualität, die „Frühlingserwachen“ ausmacht: die Fähigkeit, Übergänge sichtbar zu machen, ohne sie zu definieren. Zustände, die sich im nächsten Moment schon wieder verändern. Und genau darin ihre Stärke finden. Die Ausstellung ist vom 29. April bis Ende August 2026 im Kunstfoyer der LV1871, Maximiliansplatz 5, 80333 München, zu sehen. Weitere Informationen unter Alexandra Kordas

