regular

← Zur Übersicht

Printed to go

Ein Flip-Flop ist offen, ein Mule geschlossen, ein Sneaker irgendwo dazwischen funktional codiert. Havaianas und Zellerfeld interessieren sich für diese Ordnung offenbar nur bedingt. Mit dem Top Toe Mule verschieben die beiden Partner die bekannte Form der brasilianischen Marke in ein Terrain, das vertraut wirkt, aber nicht ganz eindeutig zu lesen ist. Der neue Schuh ist die zweite gemeinsame Veröffentlichung von Havaianas und dem 3D-Footwear-Unternehmen Zellerfeld. Schon der erste Drop hatte gezeigt, wie gut sich zwei sehr unterschiedliche Systeme ineinander schieben lassen: hier eine Marke, deren visuelle Identität seit Jahrzehnten an einer denkbar einfachen Sandale hängt; dort ein Unternehmen, das Schuhe vollständig digital entwickelt und anschließend aus einem Stück druckt. Die neue Version geht nun einen Schritt weiter. Statt die klassische Havaianas-Silhouette lediglich technologisch zu übersetzen, verändert sie deren Funktion.

Der Top Toe Mule übernimmt zwei der stärksten Erkennungsmerkmale der Marke: den V-förmigen Riemen und die charakteristische Zehenstegkonstruktion. Gleichzeitig schließt sich der Vorderfuß zu einer kompakten, fast skulpturalen Form. Das Ergebnis liegt irgendwo zwischen Flip-Flop, Clog und Mule – und genau diese Unschärfe macht den Reiz aus. Der Schuh verweigert sich der üblichen Frage, ob er für Strand, Stadt oder Innenraum gedacht ist. Er kann in mehreren dieser Situationen funktionieren, ohne sich einer davon vollständig zu unterwerfen. Für Havaianas ist das mehr als eine gestalterische Spielerei. Die Marke, die seit 1962 auf einer extrem klaren Produktidee aufgebaut ist, betritt damit erstmals die Kategorie eines geschlosseneren Schuhs. Gerade deshalb ist der Eingriff interessant: Das Original wird nicht versteckt, sondern bleibt lesbar. Die Form wirkt nicht wie ein kompletter Bruch mit der Vergangenheit, sondern eher wie eine Verschiebung des bekannten Vokabulars. Ein Detail wird verlängert, ein Bereich geschlossen, die Funktion erweitert.

Dass dabei Zellerfeld ins Spiel kommt, ist kein Zufall. Das in Hamburg und San Francisco ansässige Unternehmen arbeitet mit einem Herstellungsverfahren, das klassische Produktionslogiken weitgehend aushebelt. Schuhe werden digital entworfen und als vollständige Form gedruckt. Nähte, Klebstoff und viele der üblichen Montageschritte entfallen. Sohle, Struktur und Dämpfung entstehen innerhalb eines einzigen Produktionsprozesses. Was bei konventioneller Schuhfertigung aus zahlreichen Komponenten zusammengesetzt wird, erscheint hier als durchgehender Körper. Das verändert nicht nur, wie ein Schuh aussieht, sondern auch, wie er gedacht werden kann. Designer müssen weniger Rücksicht auf traditionelle Werkzeuge, Formen und Fertigungsabläufe nehmen. Gleichzeitig kann Produktion näher an Nachfrage und tatsächliche Bestellungen rücken. Genau darin liegt der spannendere Teil des Projekts: nicht in der Tatsache, dass ein Schuh aus dem Drucker kommt, sondern darin, dass sich Entwicklungs-, Produktions- und Vertriebslogik zunehmend voneinander lösen.

Zellerfeld positioniert sich seit einigen Jahren genau an dieser Schnittstelle. Das Unternehmen arbeitet mit Marken wie Nike, Louis Vuitton und Moncler und verfolgt das Ziel, 3D-gedruckte Schuhe aus der experimentellen Nische herauszuholen. Der Anspruch ist entsprechend groß: Footwear soll langfristig nicht mehr zwangsläufig durch klassische Fabriken, Werkzeuge und lange Lieferketten definiert sein. Stattdessen entsteht ein System, in dem digitale Dateien, automatisierte Fertigung und On-Demand-Produktion enger zusammenrücken. Bei Havaianas funktioniert diese Technologie besonders gut, weil das Ausgangsprodukt ohnehin radikal reduziert ist. Die klassische Sandale lebt nicht von dekorativer Komplexität, sondern von Wiedererkennbarkeit. Genau deshalb lässt sich ihr Designcode relativ klar übertragen. Der Top Toe Mule braucht weder Logos im XXL-Format noch eine überladene Formensprache. Der V-Riemen genügt als visuelles Signal.

Interessant ist auch, dass Havaianas die neue Silhouette nicht isoliert behandelt, sondern gleich in Richtung Styling weiterdenkt. Parallel dazu wird eine Sockenkollektion in fünf Farben angeboten, jeweils mit geteilter Zehenpartie. Was früher nach funktionaler Speziallösung ausgesehen hätte, wird hier bewusst als modisches Element eingesetzt. Die seitlichen Öffnungen des Mules lassen die Socken sichtbar werden und machen daraus einen Teil des Looks. Das passt zu einem größeren Trend, der sich seit einigen Saisons durch die Mode zieht. Schuhe, die lange als rein praktisch oder sogar leicht unmodisch galten, werden neu codiert. Clogs, technische Sandalen, Recovery-Shoes und hybride Slip-ons haben sich längst aus der Komfort-Ecke gelöst. Entscheidender ist weniger, ob eine Form klassisch schön ist, als ob sie visuell eigenständig genug ist. Der Top Toe Mule nutzt genau diesen Zwischenraum.

Auch die Farbpalette bleibt bewusst breit. Neben Oat, Schwarz und Stone gibt es Lilac und Gelb. Damit reicht das Spektrum von zurückhaltend bis deutlich sichtbar, ohne den Schuh selbst unnötig kompliziert zu machen. Die Form bleibt das stärkste Statement. Der zweite gemeinsame Drop folgt auf die erste Havaianas-Zellerfeld-Kollaboration, die im Umfeld der Copenhagen Fashion Week 2026 vorgestellt wurde und online innerhalb kurzer Zeit ausverkauft war. Dass die Partnerschaft nun fortgesetzt wird, zeigt, dass es hier nicht nur um einen einmaligen Technologiegag geht. Havaianas testet, wie weit sich die eigene Formensprache strecken lässt, ohne ihre Identität zu verlieren. Zellerfeld wiederum bekommt ein ideales Objekt, um zu demonstrieren, dass 3D-Druck nicht zwangsläufig futuristisch aussehen muss.

Der Top Toe Mule startet zunächst exklusiv bei Dover Street Market in Paris und New York. Vorbestellungen laufen über den europäischen Havaianas-Onlineshop, bevor der offizielle Launch am 14. Oktober 2026 in Havaianas-Stores sowie über Zellerfeld erfolgt. Gerade diese Platzierung ist ziemlich schlüssig. Dover Street Market steht seit Jahren für Produkte, die irgendwo zwischen Mode, Designobjekt und kommerziellem Experiment operieren. Und genau dort lässt sich auch dieser Schuh am besten einordnen. Er ist weniger radikal, als seine Herstellungsmethode vermuten lässt, aber deutlich weiter gedacht als eine bloße Neuauflage eines bekannten Modells.

Kommentar schreiben

Gefällt Ihnen was Sie sehen? Dann abonnieren Sie unseren Newsletter!