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Mehr Stoff, weniger Show

Britische Countrywear wurde nicht erfunden, um gut auszusehen. Sie sollte Regen abhalten, Wind ertragen, warm halten und im Zweifel auch einen ziemlich schlammigen Nachmittag überstehen. Vielleicht sieht sie gerade deshalb 2026 wieder so gut aus. Während sich ein Teil der Herrenmode mit immer neuen technischen Versprechen beschäftigt, kehren ausgerechnet Tweed, Moleskin, Flanell und gewachste Baumwolle zurück – Materialien, die ihre Kompetenz seit Jahrzehnten nicht mehr erklären müssen. Hackett London fährt für Autumn/Winter 2026 gleich dorthin, wo dieses Prinzip erfunden worden sein könnte: in die schottischen Highlands. „The Journey of a Man – Chapter 2“, fotografiert von Mariano Vivanco, ist Roadtrip, Motorradtour, Angelausflug und Männerwochenende in einem. Seen, Hunde, offene Straßen, Freunde. Keine exotische Expedition, sondern die wesentlich attraktivere Vorstellung, für ein paar Tage dort zu verschwinden, wo ein Wetterbericht wieder tatsächliche Konsequenzen für die Garderobe hat.

Das ist für eine Marke wie Hackett ein sinnvoller Schauplatz. Das Unternehmen wurde 1983 in London gegründet und hat seine Vorstellung von Menswear immer aus einem sehr britischen Repertoire entwickelt: Schneiderkunst, Sportswear, College, Motorsport und Country Clothing. Das Interessante daran ist heute nicht die Nostalgie. Spannender ist, wie selbstverständlich Kleidungsstücke zurückkehren, die eine gewisse Robustheit besitzen. Nach Jahren sehr glatter Mode darf ein Stoff wieder nach Stoff aussehen. Moleskin gehört dazu. Flanell ebenfalls. Tweed sowieso. Materialien, die nicht versuchen, möglichst neutral zu wirken, sondern Oberfläche zeigen und mit dem Tragen eher besser als schlechter werden. In der neuen Kollektion taucht unter anderem der „Horse and Hound“-Check auf, ein Tweed aus dem Hackett-Archiv. Schon der Name klingt nach einer Welt, in der Schuhe nicht ausschließlich danach ausgewählt werden, ob sie zu einem Restaurantboden passen.

Dass Kleidung für Jagd, Feld und schlechtes Wetter irgendwann zum internationalen Stilcode wurde, gehört ohnehin zu den besseren Wendungen der Modegeschichte. Das Praktische wurde elegant, das Rustikale urban und aus Kleidungsstücken mit ziemlich eindeutigen Aufgaben entstand eine Ästhetik, die heute problemlos weit entfernt von jedem Landgut funktioniert. Hackett spielt mit diesem Vokabular, ohne daraus historische Kostüme zu bauen. Suede Rib Gilets treffen auf Wax Field Jackets, Shearling Bomber auf feinere Strickteile. Dazwischen stehen jene Kombinationen, bei denen britische Herrenmode traditionell besonders gut ist: unterschiedliche Texturen nebeneinander, gedeckte Farben, ein Muster, das nicht nach Aufmerksamkeit verlangt und sie gerade deshalb bekommt.

Die Wax Jacket hat dabei eine bemerkenswerte Karriere hinter sich. Vom funktionalen Kleidungsstück des britischen Landlebens wanderte sie über Festivals, Universitäten und Londoner Straßen längst in die internationale Mode. Ähnliches gilt für Tweed. Was früher sehr schnell nach Jagdgesellschaft oder Professor aussah, funktioniert inzwischen bestens mit Denim, Sneakern und technischen Jacken. Die Regeln sind lockerer geworden. Zum Glück. Auch der Mann, den Hackett in seiner Kampagne entwirft, muss deshalb nicht mehr aussehen, als hätte er gerade das Familienanwesen geerbt. Das vielleicht angenehmste Detail von „The Journey of a Man“ ist die Idee von Gemeinschaft. Die Bilder erzählen nicht den üblichen Mythos des einsamen Abenteurers, der irgendwo in spektakulärer Landschaft seine innere Mitte sucht. Hier sind Freunde dabei. Hunde ebenfalls. Das Abenteuer besteht mitunter schlicht darin, gemeinsam unterwegs zu sein.

Vivanco, dessen Fotografie Mode häufig mit einer fast filmischen Körperlichkeit verbindet, gibt dieser Welt entsprechend wenig Kataloghaftes. Kleidung wird nicht nur präsentiert, sondern benutzt. Jacken stehen gegen Wind, Strick wirkt schwer, Leder darf nach Leder aussehen. Die Highlands erledigen den Rest. Kaum eine Landschaft kann eine Garderobe aus Tweed, Suede und gewachster Baumwolle überzeugender legitimieren.

Doch Hackett belässt es nicht bei der romantischen Seite britischer Menswear. Mit „Tailored for Travel“ läuft parallel eine sehr gegenwärtige Vorstellung davon, was Herrenbekleidung leisten soll. Knitterarme Stoffe und temperaturregulierende Materialien reagieren auf einen Alltag, in dem zwischen Zug, Flugzeug, Termin und Dinner oft nicht mehr ausreichend Zeit für einen kompletten Kleidungswechsel bleibt. Das klingt zunächst weniger poetisch als ein See in Schottland, ist aber wahrscheinlich näher am tatsächlichen Leben vieler Kunden. Die interessanteste moderne Herrenmode bewegt sich ohnehin genau zwischen diesen beiden Polen. Sie darf Geschichten erzählen, muss aber funktionieren. Eine Jacke kann an einen Roadtrip durch die Highlands erinnern und trotzdem hauptsächlich zwischen München, London und Berlin getragen werden.

Besonders deutlich wird das bei der Velospeed Jacket. Wasserabweisend und sportiver gedacht, bringt sie eine technische Ebene in eine Kollektion, die ansonsten stark mit traditionellen Materialien arbeitet. Das verhindert, dass die ganze Angelegenheit zu sehr nach Heritage-Inszenierung aussieht. Denn die bessere Frage lautet nicht, wie Männer früher gekleidet waren. Sondern welche Teile aus diesem Kleiderschrank heute noch Sinn ergeben. Offenbar ziemlich viele.

Mode hat sich in den vergangenen Jahren intensiv mit Neuheit beschäftigt, mit Sneaker-Drops, Kollaborationen und immer kürzeren Zyklen. Parallel wächst die Lust auf Dinge, deren Wert nicht darin besteht, dass sie vor drei Wochen erschienen sind. Ein Tweedjackett muss nicht neu erfunden werden. Eine gute Lederweste ebenso wenig. Entscheidend ist, ob Schnitt, Gewicht und Proportion stimmen. Hackett versteht das Prinzip gut. Die Marke muss ihre britische Herkunft nicht konstruieren; sie gehört längst zum eigenen Vokabular. Interessanter ist, dieses Archiv nicht wie ein Museum zu behandeln. Ein „Horse and Hound“-Check darf deshalb zurückkommen, ohne dass gleich ein komplettes Edwardian Weekend daraus werden muss.

Und vielleicht erklärt genau das den Sexappeal der neuen Country-Welle. Sie ist das Gegenteil von Überinszenierung. Der Mantel darf schwer sein, der Pullover warm, das Leder irgendwann Kratzer bekommen. Kleidung muss nicht ständig beweisen, dass sie Mode ist. „The Journey of a Man – Chapter 2“ verkauft natürlich eine Herbst-/Winter-Kollektion. Aber die überzeugendere Fantasie dahinter ist eine andere: hinausfahren, Handy einstecken, Jacke schließen und für ein paar Stunden dort sein, wo das Wetter wichtiger ist als der nächste Termin. Dass man dafür am Ende nicht einmal nach Schottland muss, ist vermutlich der cleverste Teil der Geschichte.

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