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Luxus auf Zeit

Mit OBJECT 001 startet HOUSE BY eine Serie limitierter Kunst- und Designobjekte. Den Anfang macht Michele Lamy mit einer Kerze, die aus versteinertem Holz, Wachs, Handwerk und einer ziemlich radikalen Idee von Luxus entstanden ist.

Kerzen gehören eigentlich zu den demokratischsten Dingen eines Interieurs. Man zündet sie an, sie werden kleiner, irgendwann sind sie weg. Genau diese eingebaute Vergänglichkeit macht OBJECT 001 von HOUSE BY interessant. Das erste Objekt des jungen Brand-Kollektivs stammt von Michele Lamy und basiert auf einem Stück versteinerten Holzes aus ihrer persönlichen Sammlung. Dessen zerfurchte, fast archaische Oberfläche wurde nicht glattgebügelt, sondern in eine 32 Zentimeter hohe, skulpturale Form übersetzt, die irgendwo zwischen Totem, Fundstück und funktionalem Objekt liegt. Der Ausgangspunkt war dabei ausdrücklich nicht nur die Form. Lamy interessierte sich für die soziale Qualität der Kerze: eine Flamme als Mittelpunkt, um den Menschen zusammenzukommen. Sie beschreibt das Objekt als eine Art „welcome home“ – weniger als kostbares Schaustück, das unangetastet auf einem Sockel stehen soll, sondern als etwas, das benutzt, angezündet und mit der Zeit verändert wird. Ein Luxusobjekt, dessen bestimmungsgemäßer Gebrauch gleichzeitig sein Verschwinden bedeutet, ist eine schöne Irritation in einer Branche, die Wert noch immer gern mit Dauer verwechselt. HOUSE BY nennt das Stück nüchtern OBJECT 001. Die Nummerierung passt: Nicht der große Produktname soll Bedeutung erzeugen, sondern das Objekt selbst.

Hinter HOUSE BY steht die Idee eines unabhängigen Kollektivs, das Kreative aus unterschiedlichen Disziplinen mit Produzenten und Handwerkern zusammenbringt und daraus limitierte Editionen entwickelt. Statt eine komplette Lifestyle-Welt auf einmal zu entwerfen, soll das Sortiment über einzelne Drops wachsen. Der Rahmen ist bewusst offen: Möbel, Accessoires, Textilien, Fotografie, Keramik oder eben eine Kerze können Teil dieses Systems werden. Entscheidend sind die Handschrift der eingeladenen Kreativen und eine Produktion, die nicht nach Merchandising aussieht. Die Biografien der beiden Köpfe hinter dem Projekt erklären, weshalb das nicht ganz aus dem Nichts kommt. Gérard Mialet begann 1985 mit Philippe Starck bei XO und arbeitete später mit Namen wie Shiro Kuramata, Bob Wilson, Marcel Wanders oder Karim Rashid. Philippe Pérès gründete 1996 mit Bruno Domeau D&P, arbeitete unter anderem mit Marc Newson, Martin Szekely, Odile Decq und Pharrell Williams und entwickelte Projekte für Häuser wie Berluti, Hermès, Chanel und Dior. HOUSE BY positioniert sich damit weniger als klassische Designmarke denn als kuratierende Plattform, die vorhandene kreative Handschriften in eigenständige Objekte übersetzt. Geplant sind kleine Auflagen, nummerierte Editionen und eine Produktionslogik, bei der Materialwahl, Haltbarkeit und Verpackung Teil des Entwurfs bleiben. Auf dem Papier gehört dazu auch ein Nachhaltigkeitsversprechen, das über die Materialwahl hinausreichen soll: neue Editionen sollen möglichst flach und ressourcenschonend verpackt werden, Kooperationen mit Unternehmen sollen soziale Verantwortung in Produktion und Arbeitsumfeld berücksichtigen. Ob das trägt, werden erst die kommenden Drops zeigen. Bei einer Plattform, die ausgerechnet über Begehrlichkeit und limitierte Stückzahlen arbeitet, entscheidet sich Glaubwürdigkeit schließlich weniger am Vokabular als an Material, Herstellung und Lebensdauer. Das klingt zunächst nach dem inzwischen gut gefüllten Feld zwischen Collectible Design und Luxusaccessoire. Spannend wird es dort, wo das Modell nicht nur Exklusivität behauptet, sondern tatsächlich ungewöhnliche Autorenschaften zulässt.

Michele Lamy ist dafür ein ziemlich präziser Auftakt. In der Präsentation von HOUSE BY wird sie als Künstlerin, Designerin, Muse und Unternehmerin beschrieben; wichtiger für OBJECT 001 ist jedoch ihre Lust daran, Dinge nicht in saubere Kategorien zu sortieren. Gemeinsam mit Mialet und Pérès entwickelte sie die Kerze aus dem Motiv des versteinerten Holzes heraus. Die Form wurde anschließend handwerklich in ein steinfarbenes, teilweise pflanzenbasiertes Wachs übersetzt. Jedes Exemplar benötigt laut HOUSE BY mehr als drei Tage Herstellung, wird langsam ausgekühlt und von Hand nachbearbeitet. Ein speziell gefertigter Docht sorgt für eine gleichmäßige Flamme, die Brenndauer wird mit rund 200 Stunden angegeben. Dazu kommt ein massiver Sockel aus Messing mit bronzefarbener Oberfläche, dessen Ausschnitt exakt auf die unregelmäßige Kontur der Kerze reagiert. Zusammen wiegt das Objekt 4,8 Kilogramm; die Edition ist auf 700 signierte und nummerierte Exemplare begrenzt. Gerade die Kombination aus sorgfältig gefertigtem Sockel und einem darüberstehenden Körper, der sich beim Gebrauch unwiderruflich verändert, verhindert, dass OBJECT 001 nur wie ein weiterer dekorativer Designblock wirkt. Das Metall bleibt, das Wachs verschwindet. Der Besitzer entscheidet, ob er ein Sammlerstück konserviert oder dessen eigentliche Funktion akzeptiert. Bei einer Kerze klingt das banal. Bei einer limitierten Edition ist es fast schon eine kleine Provokation.

Diese Spannung trifft ziemlich genau den interessanteren Teil der aktuellen Collectible-Design-Welt. Objekte sollen heute gleichzeitig Kunst, Gebrauchsgegenstand, Gesprächsstoff und Identitätsmarker sein, möglichst mit nachweisbarer Autorenschaft und einer Geschichte, die länger ist als ein Produkttext. HOUSE BY baut sein Modell offen darauf auf: wenige Kreative, begrenzte Stückzahlen, ein klarer Drop-Mechanismus und Objekte, die nicht in einer einzigen Kategorie aufgehen müssen. Gleichzeitig versucht das Projekt, die übliche Distanz zwischen Sammlerstück und Alltag etwas zu verkürzen. OBJECT 001 funktioniert dafür erstaunlich gut, weil es sich dem Reflex widersetzt, etwas Limitiertes automatisch unangetastet zu lassen. Die Kerze ist schön genug, um als Skulptur stehen zu bleiben, aber erst das Abbrennen verändert ihre Oberfläche, ihre Proportionen und schließlich ihre Existenz. Damit wird Zeit zum Material des Entwurfs. Der Sockel entwickelt sich zum dauerhaften Rest, die Kerze selbst zum temporären Original. Für HOUSE BY ist das ein selbstbewusster Start: kein Stuhl, der sofort nach Designklassiker aussehen möchte, keine Vase als sichere Eintrittskarte in den Sammlermarkt, sondern ein Objekt, das seinen Wert ausgerechnet dadurch ernst nimmt, dass man es zerstören darf. Luxus muss schließlich nicht immer für die Ewigkeit gemacht sein.

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