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Licht. Stoff. Schatten.

Ein Schatten besitzt kein Material, kein Gewicht und eigentlich nicht einmal eine feste Form. Trotzdem lässt sich daraus offenbar eine ganze Kollektion bauen. IM MEN beschäftigt sich weniger mit dem Bambus selbst als mit dem, was von ihm übrig bleibt, wenn Licht darauf fällt: überlagerte Linien, verschwommene Konturen, Flächen, die auftauchen und wieder verschwinden. „In Praise of Bamboo Shadows“ heißt die Frühjahr Sommer 2027 Kollektion – und schon der Titel macht klar, dass hier nicht die Pflanze zum dekorativen Motiv degradiert werden soll. Interessanter ist ihre Flüchtigkeit. Präsentiert wurde sie in der Césure, einem Kulturort auf einem ehemaligen Universitätscampus im 5. Arrondissement von Paris. Auch die Inszenierung spielte mit Wahrnehmung. Schwarzer Bambus bildete eine imaginäre Landschaft, dahinter bewegten sich Körper wie Schemen. Figuren erschienen, verschwanden, wurden durch transparente Schichten undeutlich und im nächsten Moment wieder sichtbar. Statt eines Laufstegs mit eindeutigem Vorne und Hinten entstand ein Raum, der sich mit jeder Bewegung veränderte.

Der Ausgangspunkt dafür lag nur wenige Kilometer entfernt. Bei einem Besuch des Musée des Arts Décoratifs stieß das Team auf ostasiatische Kunst und Kunsthandwerk mit Bambusmotiven. Besonders japanische Tuschemalereien mit nebligen Bambuslandschaften und die Papierschablonen des Katazome, einer traditionellen Färbetechnik für Kimonostoffe, wurden zu Referenzen. Nicht als historische Zitate zum Abpausen, sondern als Material für eine Untersuchung: Was passiert, wenn Zweige, Blätter, Zwischenräume und Überlagerungen in Schnitt und Oberfläche übersetzt werden?

Diese Frage passt ziemlich gut zu IM MEN. Das Label innerhalb des Issey-Miyake-Kosmos versteht Kleidung nicht allein als Silhouette, sondern als Konstruktion. Stoff wird gefaltet, geschnitten, beschichtet, gefärbt oder so zusammengesetzt, dass aus einer zunächst einfachen Fläche Volumen entsteht. Der Körper kommt ins Spiel und verändert das Ergebnis durch Bewegung. Ein Kleidungsstück ist damit nicht abgeschlossen, sobald es den Bügel verlässt. Es beginnt dort erst richtig.

Bei BAMBOO SHADOWS wird dieser Gedanke besonders sichtbar. Grafikdesignerin Rikako Nagashima entwickelte Muster nach den Schattenformen von Bambus. Gedruckt werden sie mit der japanischen Färbetechnik Ironaki auf einem Gewebe aus Bambusfasern und Bio-Baumwolle. Ein Mantel besitzt eine doppelte Front und großzügige Dolmanärmel; die Kapuze geht nahtlos aus dem Revers hervor. Wird sie übergezogen, verschwindet der Körper beinahe vollständig unter dem Bambusmuster. Aus Print wird Raum.

BLOOM NYLON beschäftigt sich dagegen mit Farbe und Schichtung. Hochdichtes Nylon erhält eine fast papierartige Oberfläche und wird mit einer Dye-Flow-Technik gefärbt. Die Verläufe erinnern an Bambusblätter und Blütenblätter. Beim Kragen taucht eine überraschend höfische Referenz auf: Seine übereinanderliegenden Falten beziehen sich auf den Jūnihitoe, den vielschichtigen Kimono, den Prinzessin Kaguya in der japanischen Erzählung „The Tale of the Bamboo Cutter“ trägt. Eine der ältesten Geschichten Japans landet damit auf Hightech-Nylon. Modegeschichte kann ziemlich große Zeitsprünge vertragen.

Noch unmittelbarer wird das Material bei BAMBOO BLEACH bearbeitet. Denim wird von Hand mit einer Ätztechnik gefärbt, wobei entlang der Nähte Teile der ursprünglichen Farbe stehen bleiben. Die Abstufungen erinnern an Tuschezeichnungen, bei denen wenige unterschiedliche Töne ausreichen, um Tiefe und Atmosphäre entstehen zu lassen. Weil feinere Garne als bei klassischem Denim verwendet werden, wirkt der Stoff ungewöhnlich leicht. Die Jacke lässt sich zusätzlich in der Taille zusammenziehen und verändert damit ihre Silhouette.

Bei BASKET JACQUARD wird aus traditionellem Bambusflechten eine textile Konstruktion. Jacquardgewebe bildet die verschränkte Struktur der Gozame-Technik dreidimensional nach. Recyceltes Polyester wird mit Nylon und Polyurethan kombiniert, wodurch ein leichter und elastischer Stoff entsteht. Besonders interessant ist die Konstruktion des Blousons: Ausgangspunkt ist ein einziges rechteckiges Schnittteil, in das Öffnungen für Körper und Ärmel gesetzt werden. Die Einfassung der Kanten wiederum zitiert Techniken des Bambushandwerks. Tradition wird hier nicht aufgedruckt. Sie steckt im Aufbau des Kleidungsstücks.

Überhaupt scheint Bambus in dieser Kollektion weniger Pflanze als Konstruktionslehrer zu sein. Seine Knoten geben den Rhythmus für NODE PLEATS vor, eine Serie handplissierter Kleidungsstücke mit matter Oberfläche. BAMBOO PLEATS überträgt die Wiederholung nebeneinanderstehender Bambusrohre in regelmäßige Talfalten und Wellen. Beschichteter Polyester besitzt genügend Stand, damit die dreidimensionalen Formen erhalten bleiben. Natur wird nicht imitiert, sondern auf ihre geometrischen Prinzipien untersucht.

BAMBOO SHEATH schaut auf den jungen Trieb. Handgemalte Pinselstriche bilden Fasern, Glanz und die übereinanderliegenden Schichten der Bambushülle ab. Bei den Hosen wird daraus eine drapierte Konstruktion, die wirkt, als sei ein Stück Stoff um den Körper gewickelt worden. Das Bild einer Pflanze verwandelt sich erneut in Volumen.

Einen interessanten Gegenpol liefert VOID COTTON. Hier entsteht Form nicht durch Hinzufügen, sondern durch Wegnehmen. Taschen werden entfernt und hinterlassen Öffnungen, durch die Körper oder darunterliegende Kleidung sichtbar werden. Der vermeintliche Mangel wird zum Gestaltungsmittel. Stoff und Leerstelle, Vordergrund und Hintergrund beginnen sich zu vermischen – genau jene Verschiebung, die bereits die Bambusschatten der Kollektion bestimmt.

Selbst ein Accessoire darf die Sache mit etwas Humor betrachten. Die CHIMAKI LEATHER BAG erinnert an Chimaki, jene in Bambusblätter gewickelten Klebreispäckchen, die gedämpft werden. Gefertigt ist die Tasche aus ölreichem Naturleder, das mit der Benutzung weicher wird, Glanz entwickelt und altert. Die Länge des Schulterriemens lässt sich verändern, indem sein Knoten versetzt wird. Aus einer kulinarischen Form wird ein Gebrauchsgegenstand, ohne dass daraus ein folkloristisches Souvenir entsteht.

Und dann sind da die Schuhe. Für ISSEY MIYAKE FOOT arbeitet MIYAKE DESIGN STUDIO mit ASICS zusammen. SORTIE VEILED folgt einer Idee, die fast widersprüchlich klingt: Was normalerweise außen sichtbar ist, soll verschwinden. Verstärkungen, die bei Sportschuhen üblicherweise zugeschnitten, vernäht und demonstrativ als technische Elemente gezeigt werden, liegen unter einer durchgehenden Stoffschicht. Ein Schleier verbirgt die Konstruktion und lässt sie gleichzeitig darunter erahnen.

Als Grundlage dient die Silhouette der SORTIE-Marathonschuhe, mit denen ASICS bereits in den Achtzigerjahren arbeitete. Die neue Interpretation bleibt monochrom und bewahrt Beweglichkeit und Komfort eines Sneakers, entfernt sich optisch jedoch vom klassischen Running-Kontext. Auch hier taucht das zentrale Spiel der Kollektion auf: Etwas ist vorhanden, ohne vollständig sichtbar zu sein.

„In Praise of Bamboo Shadows“ ist deshalb am stärksten, wenn man die Kollektion nicht einfach als weitere Liebeserklärung an japanisches Handwerk liest. Das wäre zu kurz gegriffen. Bambus liefert zwar den Ausgangspunkt, entscheidend sind jedoch die Prinzipien dahinter: Wiederholung, Zwischenraum, Flexibilität, Überlagerung, Licht und Schatten. IM MEN überführt sie in Nylon, Denim, Jacquard, Leder und Plissee und lässt traditionelle Techniken neben moderner Textilentwicklung stehen, ohne Vergangenheit und Zukunft gegeneinander auszuspielen.

Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Raffinesse. Bambus ist überall und muss trotzdem nicht ständig als Bambus erkennbar sein. Mal steckt er in einer Faltung, mal in einer Gewebestruktur, einer Aussparung oder einem Farbverlauf. Die Referenz wird zerlegt, bis nur noch ihre Logik übrig bleibt. Am Ende bleibt ausgerechnet das Flüchtigste am längsten hängen: der Schatten. Er verändert sich mit jedem Schritt, lässt Konturen verschwimmen und taucht an anderer Stelle wieder auf. Genau das tut auch diese Kleidung. Sie will ihre endgültige Form nicht auf dem Bügel verraten. Erst wenn sich jemand darin bewegt, wird sie vollständig sichtbar. Weitere Informationen unter ISSEY MIYAKE

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