Die Glühbirne hat einen erstaunlichen Kollateralschaden hinterlassen. Seit sie technisch immer effizienter wurde, sollte ihre Umgebung möglichst verschwinden. Spots wanderten in Decken, LEDs in Fugen, Lichtleisten hinter Möbeln und Leuchten wurden zu hauchdünnen Linien. Hauptsache, niemand sah, wo das Licht eigentlich herkam. Ein Raum durfte leuchten, die Lampe musste sich dafür möglichst entschuldigen. Nun kommt sie zurück. Nicht als nostalgischer Lampenschirm mit Troddeln, sondern als sichtbares Objekt aus Glas, Metall, Farbe und Volumen. Bei Nuura lässt sich diese Entwicklung gerade besonders gut beobachten. Die dänische Leuchtenmarke präsentierte während 3daysofdesign in Kopenhagen neue Entwürfe, bei denen das Licht fast nur die Hälfte der Geschichte erzählt. Christian Flindts neue Leuchte Lubia verteilt Helligkeit über einen skulpturalen Metallschirm im Raum. Sofie Refer gibt ihrer bekannten Liila-Leuchte mundgeblasene Glasschirme in Rose und Honey. Selbst ausgeschaltet sollen diese Dinge etwas können. Das klingt selbstverständlich, war es aber lange nicht.





Die technische Revolution der LED hat Lichtplanung radikal verändert. Kleine Lichtquellen ermöglichten Formen, die mit klassischen Leuchtmitteln kaum denkbar gewesen wären. Gleichzeitig entstand eine eigentümliche Begeisterung für Unsichtbarkeit. Licht wurde zur Architekturleistung: präzise, steuerbar, dimmbar und gerne so integriert, dass seine Quelle kaum noch zu erkennen war. Hervorragend für Museen, Büros und Küchenarbeitsplatten. Im Wohnzimmer konnte die Perfektion irgendwann ein wenig nach Flughafenlounge aussehen. Nuura beschäftigt sich seit seiner Gründung dagegen mit einem ziemlich altmodischen Gegenstand: dem Kronleuchter. Nicht zwingend mit Kristall und Kerzenarmen, sondern mit seiner ursprünglichen Funktion als Zentrum eines Raumes. Ein Kronleuchter beleuchtet schließlich nicht nur. Er markiert einen Ort. Menschen sitzen darunter, versammeln sich, essen, reden. Schon die Position sagt: Hier passiert etwas.
Von diesem Gedanken aus entwickelt das Unternehmen seine Kollektionen und übersetzt traditionelle Typologien in eine nordisch reduzierte Formensprache. Organische Formen, Glas und Metall spielen dabei eine zentrale Rolle. Das Dekorative wird nicht als verdächtiger Zusatz behandelt, sondern darf wieder eine Aufgabe übernehmen. Bei Lubia, entworfen von Christian Flindt, wird diese Idee besonders deutlich. Ausgangspunkt war ein praktisches Problem: Wie lässt sich genügend Licht für größere Räume erzeugen, ohne daraus eine rein technische Leuchte zu machen? Flindt löst die Aufgabe zweistufig. Im Zentrum sitzt ein Diffusor, der das primäre Licht erzeugt. Darum legt sich ein skulpturaler Metallschirm, der einen Teil davon reflektiert und weiter in den Raum sowie auf die umgebende Architektur verteilt. Die Leuchte arbeitet damit nicht nur nach unten. Wände und Decke werden Teil der Lichtwirkung, Helligkeit bekommt räumliche Tiefe. Das ist ein kleiner, aber wichtiger Unterschied. Eine Lampe kann einen Tisch beleuchten. Sie kann aber ebenso bestimmen, wie groß, warm oder intim derselbe Raum wahrgenommen wird. Dafür braucht es nicht unbedingt mehr Licht. Oft muss es nur an der richtigen Stelle landen.



Sofie Refer beschäftigt sich bei Liila mit einer anderen Eigenschaft: Farbe. Die Leuchte existiert bereits, neu sind zwei Varianten des mundgeblasenen Glasschirms. Rose und Honey heißen sie, und ihre Herkunft liegt nicht in einem Farbtrendbericht, sondern in Rørvig, nördlich von Kopenhagen. Dort besitzt Refer ein Sommerhaus. Heideflächen, spätsommerliches Licht und die wechselnden Farbtöne der Landschaft lieferten die Palette. Rose nimmt das gedämpfte Rosa blühender Heide auf, Honey jene goldenen Töne, die entstehen, wenn tiefes Tageslicht über die Landschaft fällt. Das könnte schnell romantisch werden. Interessanter ist jedoch, was mit Farbe passiert, sobald Licht durch sie hindurchtritt.



Ein rosa Glas ist nicht einfach ein rosa Gegenstand. Eingeschaltet verändert sich seine Intensität, die Oberfläche beginnt zu leuchten, Reflexionen entstehen, die Umgebung nimmt einen Teil des Farbtons auf. Honey reagiert entsprechend wärmer. Nuura kombiniert beide Varianten mit einer Rückplatte in Nordic Gold. Die Leuchte bekommt dadurch auch im Ausgeschalteten eine sichtbare Präsenz an der Wand oder der Decke. Und genau darin steckt möglicherweise der interessantere Wandel. Eine gute Leuchte muss heute nicht mehr nur im eingeschalteten Zustand überzeugen. Die restlichen Stunden des Tages hängt oder steht sie schließlich genauso im Raum. Warum sollte sie dann aussehen wie technische Infrastruktur?


Liila behandelt Glas deshalb beinahe wie ein Materialobjekt. Mundblasen sorgt dafür, dass die Oberfläche nicht vollkommen industriell wirkt; leichte Unterschiede gehören zum Herstellungsprozess. Die Farbe kommt hinzu, ohne die relativ einfache Grundform zu überdecken. Ab September 2026 sollen die Varianten Rose und Honey erhältlich sein. Dass Sofie Refer ihre Inspiration aus einer Landschaft bezieht, passt zu ihrer Arbeit. Die dänische Designerin beschäftigt sich seit Jahren mit der besonderen Qualität nordischen Lichts. Im Norden Europas ist Licht kein konstanter Zustand. Im Sommer scheint es beinahe nicht verschwinden zu wollen, im Winter wird es zum knappen Gut. Dazwischen verändern tiefe Sonnenstände Farben und Räume teilweise innerhalb weniger Minuten.
Vielleicht erklärt das auch, weshalb skandinavisches Design beim Thema Beleuchtung selten ausschließlich technisch gedacht wurde. Poul Henningsen untersuchte bereits vor rund hundert Jahren, wie Licht reflektiert und Blendung verhindert werden kann. Andere Entwürfe machten aus Leuchten geometrische Körper, schwebende Objekte oder leuchtende Skulpturen. Funktion und Atmosphäre waren dabei nie zwingend Gegensätze.


Nuura setzt diese Beschäftigung fort, ohne historische Modelle zu kopieren. Auffällig ist vielmehr, wie selbstverständlich Schönheit wieder ausgesprochen werden darf. Eine Leuchte kann effizient funktionieren und trotzdem dekorativ sein. Sie darf Aufmerksamkeit verlangen. Sie darf sogar ein wenig opulent werden.
Während 3daysofdesign wurde dieser Gedanke in den historischen Räumen an der Frederiksgade noch weitergeführt. Unter dem Titel Nuura Momentum entstand eine Ausstellung über Licht, Zeit und Wahrnehmung. Im Mittelpunkt stand nicht allein die Produktpräsentation, sondern die Frage, wie Licht einen Moment überhaupt verändert. Dazu gehörte eine ortsspezifische Arbeit der Künstlerin Lill-Marlen Elnegaard. Ausgangspunkt war eine Szene in Rio de Janeiro: Menschen aus verschiedenen Ländern stehen auf einer Klippe und warten gemeinsam darauf, dass die Sonne im Meer verschwindet. Als sie untergeht, applaudiert die Gruppe spontan. Eigentlich absurd. Die Sonne benötigt keinen Applaus.
Gerade deshalb bleibt die Szene hängen. Niemand hatte das Ereignis organisiert, niemand musste erklären, was zu tun war. Für wenige Minuten richteten Menschen ihre Aufmerksamkeit auf dasselbe Licht. Elnegaard übersetzte diese Erinnerung in das Wandbild „Momentum“, das während der Ausstellung bei Nuura zu sehen war. Damit bekam die Präsentation eine Ebene, die über neue Modelle hinausging. Denn bei aller Lichttechnik bleibt etwas erstaunlich Analoges bestehen: Menschen reagieren auf Helligkeit, Dunkelheit und Farbe, lange bevor sie darüber nachdenken, welche Kelvinzahl gerade eingestellt ist. Vielleicht erklärt das auch die neue Lust an sichtbaren Leuchten. Nach Jahren intelligenter Steuerungen, unsichtbarer LEDs und perfekter Lichtplanung wächst offenbar wieder das Interesse am Gegenstand selbst. Glas darf Farbe haben. Metall darf glänzen. Eine Lampe darf Mittelpunkt sein, statt sich in einer Schattenfuge zu verstecken.
Lubia macht aus Licht Raum. Liila macht aus Licht Farbe. Und manchmal ist die schönste technische Funktion einer Lampe schlicht, dass man sie auch dann noch ansehen möchte, wenn sie aus ist. Weitere Informationen unter Nuura

