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Klang, Licht und ein Stück Stadt

Zwischen den monumentalen Fassaden der Alten Pinakothek, dort, wo München im Frühjahr langsam wieder nach draußen drängt, entsteht während der diesjährigen Munich Creative Business Week ein Ort, der weniger wie eine klassische Installation wirkt als ein atmosphärischer Zwischenraum. Einer jener seltenen Orte, die nicht sofort erklären wollen, was sie sind, sondern erst durch Bewegung, Klang und Anwesenheit ihre Wirkung entfalten. Mit der „Cappella del Suono“ bespielt das Architekturkollektiv Studio Carraldo die Südwiese der Alten Pinakothek und schafft einen Pavillon, der Architektur nicht als starres Objekt versteht, sondern als offene, beinahe körperliche Erfahrung.

Schon von weitem wirkt die Konstruktion ungewöhnlich leicht. Keine massive Form, kein dominanter Baukörper, keine spektakuläre Geste. Stattdessen ein feines Gefüge aus unterschiedlich langen Klangstäben, die sich wie eine transparente Hülle in die Wiese einschreiben. Sonnenlicht fällt durch die Struktur, wirft wechselnde Schattenbilder auf den Boden und verändert mit jeder Bewegung die Wahrnehmung des Raumes. Erst beim Näherkommen wird deutlich, dass hier nicht nur mit Form gearbeitet wird, sondern mit Resonanz. Die Installation reagiert auf Menschen, auf Schritte, Berührungen, Bewegungen und Geräusche. Architektur wird plötzlich hörbar.

Gerade diese Verbindung aus Klang, Licht und räumlicher Offenheit macht die „Cappella del Suono“ zu einem der interessantesten Beiträge der mcbw 2026. Während viele Installationen im Kontext internationaler Designfestivals vor allem auf visuelle Überwältigung setzen, verfolgt Studio Carraldo einen deutlich subtileren Ansatz. Die Arbeit lebt nicht von Lautstärke oder spektakulären Effekten, sondern von Aufmerksamkeit. Wer durch den Pavillon geht, verändert ihn automatisch. Die Klangstäbe beginnen zu schwingen, Lichtbilder verschieben sich, Geräusche entstehen und verschwinden wieder. Der Raum bleibt niemals gleich. Jede Person wird unweigerlich Teil der Konstruktion.

Das Spannende daran ist weniger die technische Umsetzung als die Atmosphäre, die daraus entsteht. Die „Cappella del Suono“ besitzt etwas Meditatives, beinahe Entschleunigendes. Mitten im dichten Programm der Munich Creative Business Week, zwischen Talks, Ausstellungen, Markenpräsentationen und Networking-Terminen, wirkt die Installation wie ein stiller Gegenentwurf zur permanenten Reizüberflutung zeitgenössischer Events. Kein geschlossener Raum, kein klassischer Pavillon im Messeverständnis, sondern eine durchlässige Struktur, die Landschaft und Architektur bewusst ineinander übergehen lässt.

Vielleicht liegt gerade darin die Qualität des Projekts. Studio Carraldo denkt Architektur nicht als fertiges Statement, sondern als offene Situation. Der Pavillon bleibt bewusst unvollständig ohne die Menschen, die ihn betreten. Erst durch ihre Anwesenheit entsteht jene Dynamik, die Licht, Schatten und Klang miteinander verbindet. Architektur wird dadurch nicht zur Kulisse, sondern zur unmittelbaren Erfahrung. Fast beiläufig stellt die Installation dabei auch Fragen nach öffentlichem Raum, Wahrnehmung und Interaktion. Wie bewegen sich Menschen durch Räume? Wann wird Architektur emotional spürbar? Und wie verändert sich ein Ort, wenn Klang plötzlich Teil seiner Struktur wird?

Die Wahl des Standorts verstärkt diese Wirkung zusätzlich. Die Südwiese der Alten Pinakothek gehört zu jenen Orten in München, die zwischen Kulturinstitution und urbanem Freiraum vermitteln. Museumsbesucher, Spaziergänger, Studierende, Touristen und Menschen aus der Nachbarschaft kreuzen hier täglich ihre Wege. Genau in dieses offene Gefüge setzt Studio Carraldo seine Installation. Die „Cappella del Suono“ funktioniert dadurch nicht isoliert, sondern als Teil der Umgebung. Sie reagiert auf Wind, Wetter, Tageszeit und Publikum. Morgens wirkt sie ruhig und beinahe grafisch, am Nachmittag lebendig und voller Bewegung, abends fast filmisch, wenn das Licht flacher wird und die Schatten länger werden.

Auch formal verweigert sich die Arbeit einer eindeutigen Zuordnung. Die Installation bewegt sich irgendwo zwischen Architektur, Klangkunst und skulpturalem Experiment. Gerade das macht sie interessant. Sie versucht nicht, Disziplinen sauber voneinander zu trennen, sondern arbeitet genau in diesen Zwischenbereichen. Das entspricht auch dem Grundgedanken der mcbw, die längst mehr sein will als eine klassische Designwoche. Themen wie Interaktion, Öffentlichkeit, Nachhaltigkeit und gesellschaftliche Teilhabe spielen zunehmend eine Rolle. Die „Cappella del Suono“ übersetzt diese Ideen auf eine stille, aber sehr präzise Weise in den Stadtraum.

Dabei bleibt die Arbeit erstaunlich zugänglich. Es braucht kein Vorwissen, keine Erklärung und keine theoretische Einführung. Kinder laufen hindurch, Erwachsene bleiben stehen, Menschen setzen sich ins Gras und beobachten die Veränderungen im Raum. Die Installation funktioniert intuitiv. Vielleicht ist genau das ihre größte Stärke. Sie erzeugt Aufmerksamkeit, ohne sich aufzudrängen. Sie lädt zur Interaktion ein, ohne diese zu erzwingen. Und sie beweist, dass Architektur auch dann relevant sein kann, wenn sie nicht monumental oder spektakulär auftritt.

Bis zum 17. Mai bleibt die „Cappella del Suono“ auf der Südwiese der Alten Pinakothek zu sehen. In einer Zeit, in der viele urbane Räume zunehmend funktional, effizient und durchgeplant erscheinen, wirkt dieser temporäre Pavillon wie eine kleine Erinnerung daran, dass Städte auch Orte für Wahrnehmung, Zufall und sinnliche Erfahrungen sein können. Genau darin liegt die besondere Qualität dieser Installation: Sie schafft keinen Raum, den man einfach nur betrachtet, sondern einen, den man erlebt. Weitere Informationen unter mcbw Fotos © Jonas Zauels

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