Es gibt Veranstaltungen, die wie Pflichttermine funktionieren. Man erscheint, probiert sich durch, tauscht Visitenkarten aus und verschwindet wieder. Und dann gibt es Formate wie die WEINKULT(O)UR, bei denen man relativ schnell vergisst, dass man sich eigentlich auf einem Branchenevent befindet. Genau das machte die fünfte Ausgabe der Veranstaltungsreihe in Hamburg, Eltville und München so interessant. Zwischen offenen Weinbars, Gourmet-BBQs, Sommeliers, Importeuren, Spitzenhotellerie und langen Gesprächen entstand eine Atmosphäre, die deutlich näher an italienischer Genusskultur lag als an klassischer Fachmesse. Dass die WEINKULT(O)UR inzwischen mehr als 400 Gäste anzieht, überrascht deshalb kaum. Die Veranstaltung hat sich in erstaunlich kurzer Zeit von einer spezialisierten Roadshow zu einer festen Größe innerhalb der deutschsprachigen Wein- und Genussbranche entwickelt. Händler, Gastronomen, Hoteliers, Sommeliers und Medienvertreter trafen hier nicht auf sterile Präsentationsstände oder standardisierte Messeästhetik, sondern auf ein Format, das bewusst emotionaler funktioniert. Wein wurde nicht nur verkostet, sondern inszeniert – allerdings ohne jene kalkulierte Überhöhung, die viele Luxus-Events inzwischen fast austauschbar wirken lässt.



Verantwortlich dafür sind die Schwesterunternehmen GES Sorrentino, Brand Compendium und Buon Gusto, die längst nicht mehr ausschließlich wie klassische Importeure auftreten. Vielmehr wirken sie wie Kuratoren einer sehr spezifischen italienischen Genusswelt. Über 600 Positionen standen zur Verkostung bereit, mit starkem Fokus auf Italien, ergänzt durch ausgewählte Weine aus Frankreich und Deutschland. Trotz dieser Größe blieb die Veranstaltung erstaunlich zugänglich. Statt anonymer Massenverkostung entstand eher das Gefühl eines modernen Grand Tastings mit persönlicher Note. Besonders spannend war die Mischung aus ikonischen Namen und kleineren Entdeckungen. Große Brunellos standen neben charakterstarken sizilianischen Weinen, Champagnerhäuser neben handwerklich arbeitenden Familienbetrieben. Genau diese Balance verlieh der WEINKULT(O)UR eine Dynamik, die vielen Fachveranstaltungen fehlt. Hier ging es nicht ausschließlich um Prestige oder Bewertungen, sondern um Geschichten, Herkunft und Stil.
Das zeigte sich auch bei den präsentierten Weingütern. Namen wie Poggio di Sotto, Banfi, Grattamacco oder Val di Suga gehören längst zu den großen Referenzen italienischer Weinkultur. Gleichzeitig rückten Produzenten wie Lunae, Nino Negri oder Castello Monaci Regionen und Stilistiken in den Fokus, die oft weniger laut kommuniziert werden, aber gerade deshalb besonders interessant wirken. Statt reiner Markeninszenierung entstand der Eindruck eines sehr bewusst kuratierten Portfolios mit klarer Handschrift. Gerade darin unterscheidet sich die WEINKULT(O)UR von vielen anderen Branchenevents. Während zahlreiche Formate heute zunehmend auf Geschwindigkeit, Reichweite und Sichtbarkeit setzen, bleibt hier Raum für Gespräche, spontane Begegnungen und echtes Networking. Man traf Sommeliers, die plötzlich ausführlich über vulkanische Böden diskutierten, Händler, die ihre Lieblingsjahrgänge verglichen, oder Gastronomen, die eher wie alte Freunde zusammenstanden als wie Geschäftspartner. Vielleicht erklärt genau das die enorme Resonanz innerhalb der Branche. Persönliche Beziehungen wirken in der Weinwelt heute fast wertvoller als jede Hochglanzkampagne.


Auch kulinarisch setzte die WEINKULT(O)UR bewusst auf Atmosphäre statt auf reine Perfektion. Handwerklich produzierte Spezialitäten von Buon Gusto begleiteten die Verkostungen und machten deutlich, dass italienische Genusskultur nie isoliert funktioniert. Wein, Essen, Gespräche und Gastfreundschaft gehören hier untrennbar zusammen. Statt standardisiertem Event-Catering entstanden kleine Momente, die eher an lange Abende in Norditalien erinnerten als an ein klassisches Business-Format. Besondere Aufmerksamkeit erhielt dabei die neu kommunizierte Zusammenarbeit mit der traditionsreichen Feinbäckerei Flamigni. Beim Finale in München wurde ein rund zehn Kilogramm schwerer Panettone angeschnitten – ein fast absurd opulentes Bild, gleichzeitig aber auch ein erstaunlich präziser Ausdruck italienischer Genusskultur. Handwerk, Qualität, Familiengeschichte und eine gewisse Form emotionaler Großzügigkeit verdichteten sich plötzlich in einem einzigen Moment.


Interessant ist außerdem, wie sehr sich die WEINKULT(O)UR mittlerweile als Plattform für ein neues Verständnis von Luxus positioniert. Nicht Lautstärke oder maximale Exklusivität stehen im Mittelpunkt, sondern Herkunft, Authentizität und Charakter. Viele der präsentierten Weine erzählen von Regionen, Familienbetrieben und jahrzehntelanger Handarbeit. Genau dadurch entsteht eine andere Form von Wertigkeit – ruhiger, glaubwürdiger und deutlich näher an zeitgenössischer Genusskultur. Auch die Gestaltung der Veranstaltungen folgte dieser Idee. Offene Weinbars, großzügige Verkostungsflächen und aufwendig inszenierte Gourmet-BBQ-Abende sorgten dafür, dass sich die Events eher wie ein gesellschaftlicher Treffpunkt anfühlten als eine reine Fachveranstaltung. Gerade diese Mischung aus Professionalität und entspannter Atmosphäre machte die WEINKULT(O)UR 2026 so bemerkenswert.
Vielleicht liegt genau darin ihre eigentliche Stärke. Die Veranstaltungsreihe versucht nicht krampfhaft, moderner oder spektakulärer zu sein als andere Formate. Stattdessen konzentriert sie sich auf etwas, das heute fast selten geworden ist: Qualität, Persönlichkeit und echte Gastfreundschaft. Und genau deshalb blieb von der WEINKULT(O)UR am Ende weniger das Gefühl einer Messe zurück als die Erinnerung an einen sehr langen, sehr guten italienischen Abend.

