Was Menschen aufbewahren, verrät manchmal mehr über sie, als man auf den ersten Blick sieht. In Schubladen, Kisten, Regalen und improvisierten Ablagen sammeln sich Dinge, die längst mehr geworden sind als bloße Gegenstände. Ein Werkzeug, das seit Jahren benutzt wird. Eine Dose mit Materialproben. Ein Behälter, dessen ursprüngliche Funktion fast vergessen ist. Dinge, die vielleicht keinen besonderen materiellen Wert besitzen, aber so eng mit Arbeitsabläufen und Erinnerungen verbunden sind, dass ein anderer Gegenstand sie kaum ersetzen könnte. Genau an diesem Punkt setzte die Ausstellung (BEHÄLTER) während CURRENTS Berlin an. Der unabhängige Projektraum oxid in Berlin-Schöneberg wurde dafür zu einem temporären Archiv der Berliner Gestaltungskultur. Das von Martina Dimitrova entwickelte Konzept versammelte Behälter aus der persönlichen Praxis von Designer:innen, Architekt:innen, Künstler:innen und Handwerker:innen – und das, was sich darin befindet. Den räumlichen Rahmen bildete eine Installation mit dem Container DS von MAGAZIN, der dabei selbst Teil der Inszenierung wurde.



Die Ausgangsfrage war denkbar einfach: Welcher Behälter begleitet dich und warum gerade dieser? Aufbewahren gehört zu den ältesten und selbstverständlichsten Tätigkeiten des Menschen. Etwas soll behalten, geschützt, sortiert oder für später bereitgelegt werden – und irgendwann braucht dieses Bedürfnis eine Form. Eine Schachtel, eine Tasche, ein Glas, einen Kasten, ein Regal. Gestaltung beginnt hier nicht mit einer ästhetischen Idee, sondern mit einer Notwendigkeit.
(BEHÄLTER) machte daraus keine theoretische Abhandlung. Die ausgewählten Objekte erzählten von konkreten Arbeitswelten. Was wird aufgehoben? Was wandert von Atelier zu Atelier mit? Welche Dinge bleiben jahrelang in Gebrauch, obwohl längst perfektere oder technisch raffiniertere Alternativen existieren?
Gerade darin lag der Reiz der Ausstellung. Keine perfekt arrangierten Neuheiten, keine isolierten Solitäre, die allein über Material, Proportion und Oberfläche sprechen sollen. Stattdessen entstand ein Blick auf die Infrastruktur hinter kreativer Arbeit und auf jene kleinen Systeme, die Menschen für sich selbst entwickeln. Ordnung ist schließlich selten vollkommen rational. Manche Dinge liegen genau dort, wo sie seit Jahren liegen, weil jeder andere Platz falsch erscheinen würde. Ein Behälter gehört zudem zu jenen Objekten, die besonders gut funktionieren, wenn sie sich nicht permanent in den Vordergrund spielen. Er definiert einen Raum im Raum, trennt, schützt und strukturiert. Gleichzeitig kann sein Inhalt seine Bedeutung vollständig verändern. Eine einfache Box wird zum Archiv, ein Glas zur Materialsammlung, eine Tasche zum mobilen Atelier.
Martina Dimitrova setzte diesen Gedanken auch räumlich fort. Die Beiträge wurden auf einer Installation aus den neuen Containern DS von MAGAZIN präsentiert. Damit wurde das Display selbst Teil des Themas. Persönliche Ordnungssysteme trafen auf ein industriell entwickeltes System zum Aufbewahren. Das Möbel erklärte die Ausstellung nicht, sondern verlängerte deren Fragestellung in den Raum. MAGAZIN ist dafür ein naheliegender Partner. Seit mehr als fünf Jahrzehnten beschäftigt sich das Unternehmen mit Möbeln und Alltagsobjekten, bei denen Funktion, Dauerhaftigkeit und gestalterische Klarheit eng miteinander verbunden sind. Regale, Container, Werkstattmöbel und Ordnungssysteme gehören seit Langem zum Sortiment. Aufbewahren erscheint hier nicht als dekoratives Nebenthema des Wohnens, sondern als eigenständige Objektkategorie. Auch oxid passte zu diesem Gedanken. Der von Greta Billstein und Martina Dimitrova gegründete Projektraum in Berlin-Schöneberg bewegt sich zwischen Design, Kunst, Handwerk und angewandter Gestaltung. Statt Objekte lediglich auszustellen, entstehen dort Formate, die deren Kontext zum Teil der Betrachtung machen.

Dimitrovas eigener Hintergrund erklärt diese Perspektive. Als Künstlerin und Szenenbildnerin arbeitet sie zwischen Film, Raumgestaltung, Interior und Handwerk. Szenenbild beschäftigt sich zwangsläufig damit, was Räume und Dinge erzählen können, bevor überhaupt jemand ein Wort gesagt hat. Ein Raum verrät etwas über seine Bewohner, eine Ablage über deren Gewohnheiten. Bei (BEHÄLTER) wurden solche Details selbst zur Erzählung. Die Ausstellung war Teil von CURRENTS Berlin, dem neuen Designfestival, das an unterschiedlichen Orten der Stadt stattfand. Etablierte Marken, junge Studios, Designhochschulen und unabhängige Projekträume bildeten für drei Tage ein dezentrales Programm aus Ausstellungen, Installationen, Workshops und Veranstaltungen. (BEHÄLTER) gehörte dabei zu jenen Projekten, die weniger auf Spektakel als auf einen präzisen Blick auf den Alltag setzten.




Letztlich ging es deshalb nicht allein ums Aufbewahren, sondern auch um Dauer. In einer Warenwelt, die Neuheit gern mit Verbesserung gleichsetzt, wirkten die mitgebrachten Behälter beinahe störrisch. Sie waren nicht interessant, weil sie neu, selten oder besonders kostbar waren, sondern weil sie geblieben waren. Ein Gegenstand kann schließlich auch dadurch Qualität beweisen, dass niemand einen Grund sieht, ihn auszutauschen. Dass ausgerechnet die Container DS von MAGAZIN dafür den räumlichen Rahmen bildeten, passte deshalb ziemlich genau zum Gedanken der Ausstellung. Vielleicht lag genau darin die Stärke von (BEHÄLTER): Eine Kiste, eine Tasche oder ein Glas wurden zu sehr persönlichen Zeugen einer Arbeitsweise. Und manchmal erzählt eine unscheinbare Kiste tatsächlich mehr über die Person, der sie gehört, als manches sorgfältig inszenierte Designobjekt. Fotos © Julian Wiesemes

