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15 Millionen Jahre später

Im GRAU Store am Berliner Savignyplatz steht ein Objekt, das sich bei Tageslicht schon seltsam benimmt. Seine Oberfläche wirkt zerklüftet, beinahe roh, der Fuß aus poliertem Aluminium dagegen präzise und kühl. Sobald UV-Licht ins Spiel kommt, ist jede höfliche Zurückhaltung vorbei: Das Glas beginnt zu fluoreszieren. ALIEN heißt die auf 200 Exemplare limitierte Leuchte, die GRAU gemeinsam mit dem norwegisch-deutschen Künstler Yngve Holen entwickelt hat. Der Name ist ein wenig dramatisch. Das Objekt darf sich das leisten. Seine Geschichte begann rund 15 Millionen Jahre vor der Eröffnung des GRAU Stores. Damals schlug im Gebiet des heutigen Süddeutschlands ein Meteorit ein und hinterließ den Rieskrater. Die enorme Hitze schmolz irdisches Gestein und schleuderte es als flüssiges Material durch die Atmosphäre. Aus den erstarrten Tropfen entstanden Moldavite, grünliche natürliche Gläser mit Furchen, Vertiefungen und eigenwilligen Oberflächen. Die meisten Exemplare wurden später in Böhmen und Mähren gefunden.

Ganz außerirdisch sind diese Steine also nicht. Sie bestehen aus Material von der Erde, verdanken ihre Existenz jedoch einem Besucher aus dem All. Diese etwas kompliziertere Herkunft ist viel interessanter als das übliche Meteoritenpathos. Der Moldavit ist das Ergebnis einer gewaltigen Kollision, aber auch ein Gegenstand von erstaunlicher Feinheit. Manche Stücke sehen aus wie erstarrte Pflanzen, andere wie missglückte Schmucksteine oder Requisiten aus einem Science-Fiction-Film, für den das Budget kurz vor Drehbeginn gekürzt wurde. Yngve Holen nahm einen solchen Moldavit als Ausgangspunkt für ALIEN. Seine Oberfläche wurde hochauflösend in 3D gescannt, digital erfasst und für den Glaskörper der Leuchte übersetzt. Die Form wurde dabei nicht frei nach kosmischem Gefühl modelliert. Sie beruht auf einem realen Fundstück. Aus einem geologischen Zufall entstand ein Datensatz, aus dem Datensatz eine Produktionsform und daraus schließlich mundgeblasenes Glas. Das klingt beinahe nüchtern. Das Ergebnis tut es nicht.

Jeder Glaskörper wird von Hand gefertigt. Bei einer Edition von 200 Exemplaren ist damit zwar klar, wie viele ALIENS entstehen, aber nicht, dass zwei davon vollkommen gleich aussehen. Glas besitzt einen gewissen Eigensinn. Temperatur, Atem und Bewegung hinterlassen kleine Unterschiede, die sich auch mit größter handwerklicher Erfahrung nicht wegbügeln lassen. Der Sockel aus poliertem Aluminium übernimmt den kontrollierten Part. Oben die wilde Struktur, unten die saubere technische Lösung. Beide begegnen sich, ohne so zu tun, als gehörten sie schon immer zusammen. GRAU betritt mit ALIEN erstmals das Feld der Artist Edition. Eine neue Farbe, ein Künstlername und eine hübsche Signatur hätten dafür vermutlich auch gereicht. Zum Glück war das offenbar niemandem genug. Holen hat keine vorhandene Leuchte dekoriert, sondern ein eigenes Objekt entwickelt, das zwischen Kunst, Design und Gebrauchsgegenstand hängen bleibt. Es spendet tatsächlich Licht. Gleichzeitig zieht es so viel Aufmerksamkeit auf sich, dass der beleuchtete Raum vorübergehend zur Nebensache werden kann.

Für Yngve Holen ist dieser Schwebezustand vertrautes Gelände. Der 1982 in Braunschweig geborene Bildhauer studierte Architektur in Wien und später an der Städelschule in Frankfurt. Er lebt und arbeitet in Oslo und Berlin und wird von Galerie Neu in Berlin sowie Modern Art in London vertreten. In seinen Arbeiten beschäftigt er sich mit industrieller Fertigung, Konsum, Technologie und der Frage, was Produkte mit menschlichen Körpern machen. Häufig entfernt er vertraute Gegenstände aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang, bearbeitet oder zerlegt sie. Danach sehen sie plötzlich aus, als hätten sie etwas zu verbergen. Diese Verschiebung funktioniert auch bei ALIEN. Eine Leuchte gehört zu den gutmütigsten Dingen im Haushalt. Sie steht herum, macht Licht und wird gewöhnlich erst bemerkt, wenn sie nicht mehr funktioniert. Holens Objekt verweigert sich dieser Nebenrolle. Der skulpturale Glaskörper verlangt Aufmerksamkeit, bevor der Schalter überhaupt berührt wird. Unter UV-Licht verändert sich seine Präsenz noch einmal. Die Leuchte erhellt nicht nur ihre Umgebung, sondern führt das eigene Material vor.

Das passt zu GRAU, einem Familienunternehmen in zweiter Generation, das seit 1985 Leuchten entwickelt und in den vergangenen Jahren vor allem mit atmosphärischem Licht und klaren, oft mobilen Formen bekannt wurde. Die Zusammenarbeit mit Holen verlässt dieses vertraute Terrain ein gutes Stück. ALIEN ist weniger gefällig als viele klassische Wohnobjekte und sperriger in seiner Wirkung. Gerade deshalb ergibt die Edition Sinn. Sie zeigt, was passieren kann, wenn eine Marke einen Künstler nicht bloß für kulturellen Glanz engagiert, sondern ihm erlaubt, das Produkt selbst infrage zu stellen. Vorgestellt wurde ALIEN im Rahmen von CURRENTS.Design. Das Berliner Format verband Showrooms, Galerien, Marken, Werkstätten und weitere Orte zu einem Programm, das zeitgenössisches Design über die Stadt verteilte. Der GRAU Store befindet sich im Stadtbahnbogen 589 direkt am Savignyplatz. Zwischen Zügen, Passanten, Cafés und dem täglichen Charlottenburger Durcheinander wirkte die Geschichte eines 15 Millionen Jahre alten Einschlags erfreulich wenig museal.

Die Präsentation zeigte deshalb nicht allein das fertige Lichtobjekt. Recherchematerial, Produktionsformen und bislang unveröffentlichte Einblicke führten zu seiner Entstehung. Vom Moldaviten über den Scan bis zur Arbeit in der Glasmanufaktur ließ sich nachvollziehen, wie viele Schritte zwischen Fundstück und Edition liegen. Das nahm ALIEN ein wenig von seinem Geheimnis, ohne den Zauber zu beschädigen. Im Gegenteil: Zu sehen, wie aufwendig eine scheinbar spontane Form hergestellt wird, macht sie erst richtig interessant. Auch der oft bemühte Gegensatz von traditionellem Handwerk und neuer Technologie erledigt sich hier recht schnell. Beides wird gebraucht. Ohne 3D-Scan ließe sich die Oberfläche des Moldaviten kaum so genau übertragen. Ohne die Erfahrung der Glasbläser bliebe der Datensatz eine sterile Abbildung. Der digitale Prozess liefert Präzision, die Handarbeit sorgt für jene kleinen Abweichungen, durch die jedes Exemplar tatsächlich anders ausfällt. Das eine ersetzt das andere nicht. Es führt nur zu einem Ergebnis, das vor einigen Jahren in dieser Form kaum herstellbar gewesen wäre.

Am Ende steht eine Leuchte, deren Herkunft ziemlich weit zurückverfolgt werden kann. Andere Designobjekte berufen sich auf Bauhaus, Mid-Century oder italienische Eleganz. ALIEN beginnt bei einem Meteoriteneinschlag. Von dort führt der Weg über irdisches Glas, jahrmillionenlange Verwitterung, einen hochauflösenden Scan und eine Glasmanufaktur bis in einen Berliner Stadtbahnbogen. Eine ungewöhnlich lange Produktionsgeschichte. Und vermutlich die einzige, bei der niemand genau sagen kann, wer vor 15 Millionen Jahren eigentlich den ersten Entwurf geliefert hat.

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