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Go West

Cowboy-Boots hatten noch nie ein Problem mit schlechtem Timing. Sie tauchen zuverlässig dann wieder auf, wenn die Mode genug von Perfektion, Minimalismus und allzu vernünftigen Garderoben hat. Im Herbst 2026 ist es erneut so weit. Allerdings geht es diesmal weniger um Rodeo-Romantik als um eine präzisere Frage: Wie viel Western verträgt eine moderne Großstadtgarderobe, ohne nach Kostüm auszusehen? Veronica Beard beantwortet sie mit Leder, Denim, Cord und einer ziemlich guten Portion amerikanischer Selbstverständlichkeit. Der August Drop bildet den Übergang zwischen Spätsommer und Herbst und übersetzt vertraute Codes des amerikanischen Westens in eine Garderobe, die deutlich näher an Manhattan als an Montana liegt. Lederjacken treffen auf Denim, Patchwork auf Dreifachnähte, Indigo auf Rost- und Erdtöne. Paisley und Karo tauchen dazwischen auf, allerdings nicht als nostalgisches Zitat, sondern als grafische Störung in ansonsten unkomplizierten Looks.

Das Entscheidende ist die Dosierung. Western-Mode kippt schnell ins Theatralische, sobald zu viele ihrer Erkennungszeichen gleichzeitig auftreten. Veronica Beard verteilt sie deshalb über einzelne Details. Eine Naht genügt, ein Materialwechsel, eine Niete oder eine Tasche mit geprägter Oberfläche. Cowboy-Boots dürfen selbstverständlich bleiben – schließlich gibt es kaum einen Schuh, der ein Kleid, einen Rock oder eine Jeans schneller aus der modischen Komfortzone holt. Auch bei den Taschen wird die Sache etwas wilder. Geprägtes Leder und Snake-Print-Patchwork treffen auf Kalbs­haar und Veloursleder; unterschiedliche Oberflächen sorgen dafür, dass die Accessoires nicht bloß Ergänzung bleiben. Das passt zu einer Saison, in der Material wieder wichtiger wird. Nach Jahren glatter, beinahe steriler Oberflächen darf Mode offenbar wieder sichtbar altern, knittern und Gebrauchsspuren entwickeln.

Unter dem Titel „Trailblazers“ führt Veronica Beard diesen Gedanken in der Herbstkollektion 2026 weiter. Ausgangspunkt ist der Spirit des Reisens – allerdings nicht im touristischen Sinn. Gemeint sind Frauen, die sich Wege erschlossen haben, bevor diese bequem oder selbstverständlich waren: Designerinnen, Künstlerinnen, Kreative, Unternehmerinnen, Mütter und Töchter. Der Begriff der Pionierin wird dabei weniger historisch als gegenwärtig gelesen. Nicht die Prärie steht im Mittelpunkt, sondern die Freiheit, die eigene Richtung festzulegen. Entsprechend löst sich die Kollektion zunehmend vom klassischen Western-Vokabular. Wollanzüge und Lederjacken bilden die robustere Seite, während Chiffon, fließende Kleider und Röcke Bewegung hineinbringen. Brokatmotive, zurückhaltender Glanz und weiche Karos verhindern, dass daraus eine Parade rustikaler Americana-Klischees wird. Gerade die Gegensätze machen die Looks interessant: fest gegen fließend, funktional gegen dekorativ, robuste Oberfläche gegen feines Material.

Die Farbpalette erledigt einen weiteren Teil der Arbeit. Camel, Schokolade und Burgunder ersetzen die üblichen sommerlichen Neutralfarben, Amethyst setzt überraschend elegante Akzente. Tiefes Indigo hält die Verbindung zum Denim, während Rosttöne Wärme hineinbringen. Das Ergebnis ist herbstlich, ohne bereits nach November auszusehen – nicht unwichtig bei einer Kollektion, die genau für jene Wochen gedacht ist, in denen morgens Jacke und nachmittags Sonnenbrille richtig sein können. Praktisch gedacht ist deshalb auch die Outerwear. Utility-Jacken, leichte Merino- und Kaschmirteile sowie klar geschnittene Stepp-Inlays lassen sich schichten, statt eine komplette saisonale Garderobe vorauszusetzen. Cord kommt als weicher Gegenpol hinzu. Der Saisonwechsel wird damit nicht als modischer Neustart verstanden, sondern als langsames Weiterbauen an Dingen, die bereits vorhanden sind.

Dann wäre da noch der Schmuck. Broschen wandern auf Tops und Kleider, Cabochons und Charms auf Gürteln, Schmuckstücke und Knopf-Cover. Dazu kommen Zebraprint, Kunstfelltexturen und auffällige Beschläge. Solche Elemente könnten schnell zu viel werden, funktionieren hier jedoch als kleine Unruhestifter. Ein ansonsten klassischer Look bekommt dadurch genau jene minimale Irritation, die ihn interessant macht. Vielleicht erklärt das auch, warum der Westen die Mode so hartnäckig beschäftigt. Seine Kleidung wurde ursprünglich nicht entworfen, um vor einem Spiegel besonders interessant auszusehen. Denim, Boots, Leder und Utility-Jacken hatten Aufgaben zu erfüllen. Erst später wurden daraus Symbole für Freiheit, Abenteuer und Unabhängigkeit. Diese Geschichte lässt sich bis heute hervorragend weiterverwenden – vorausgesetzt, niemand versucht ernsthaft, wie ein Cowboy auszusehen.

Veronica Beard macht deshalb aus dem Herbst 2026 keine Reise zurück in irgendeine romantisierte Vergangenheit. Die Referenzen sind erkennbar, aber sie bleiben Mittel zum Zweck. Ein Boot hier, eine Dreifachnaht dort, dazu Chiffon, Kaschmir oder ein sauber geschnittener Wollanzug. Der Wilde Westen liegt schließlich weit genug zurück. Seine Garderobe darf längst weiterziehen.

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