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Die Dinge dazwischen

Ein Raum verrät sich selten nur am Sofa. Interessanter sind oft die Dinge, die zunächst nebensächlich erscheinen: das Glas auf dem Tisch, eine Leuchte in der Ecke, ein Tablett, das liegen bleiben darf, eine Vase auch ohne Blumen. Gerade diese kleineren Gegenstände erzählen viel darüber, wie selbstverständlich ein Interieur wirkt. Sie sind keine Architektur und müssen keinen ganzen Raum tragen. Dafür kommen sie dem Alltag erstaunlich nah. Man fasst sie an, bewegt sie, schaltet sie ein, stellt etwas darauf oder lässt sie einfach dort stehen. Gute Gestaltung beginnt manchmal genau an dieser unspektakulären Stelle. ESSENTIALS BY FREIFRAU macht daraus eine eigene Welt. Der Name führt zunächst ein wenig in die Irre, denn um Essentials im Sinne eines möglichst neutralen Grundbedarfs geht es gerade nicht. Die Linie versammelt Gegenstände mit sehr eigener Präsenz, entwickelt von unterschiedlichen Designerinnen und Designern und gefertigt aus Glas, Keramik, Holz, Wolle, Leinen, Metall oder Beton. Zusammengehalten werden sie weniger durch eine einheitliche Formensprache als durch die Aufmerksamkeit für Material und Herstellung. In den Unterlagen zur Kollektion wird dieser Gedanke ziemlich präzise formuliert: Gestaltung beginnt hier bei Material, Prozess und Manufaktur; Spuren der Herstellung sollen nicht verschwinden, sondern Teil des fertigen Stücks bleiben.

Das klingt zunächst nach einem der Sätze, die im Design gern etwas größer geraten als die Dinge selbst. Bei ESSENTIALS lässt er sich allerdings ziemlich konkret überprüfen. Glas darf Einschlüsse besitzen, Keramik zeigt Unterschiede in der Glasur, Holz seine Maserung und Textilien ihre Struktur. Perfektion bedeutet dabei nicht industrielle Gleichförmigkeit. Interessanter ist vielmehr die Frage, wie präzise etwas gefertigt sein kann, ohne seine Herkunft aus der Werkstatt völlig zu verleugnen.

Beim FUSE GLAS wird dieser Gedanke beinahe wörtlich sichtbar. Hanne Willmann und Milena Kling entwickeln das Glas aus ihrer langjährigen Freundschaft heraus. Ein klarer mundgeblasener Glaskörper trifft auf ein frei geformtes Glaselement, das außen angesetzt wird. Während der Herstellung entstehen beide zunächst separat: Der eigentliche Körper wird in eine Holzform geblasen, das zweite Element frei geformt. Im heißen Zustand werden sie miteinander verbunden, erneut erwärmt und in der Holzform gedreht. Position, Größe und Form des angesetzten Körpers verändern sich von Stück zu Stück. Das Ergebnis steht irgendwo zwischen Trinkgefäß und kleiner Skulptur – und macht ausgerechnet jene Stelle, an der zwei Teile zusammenfinden, zum entscheidenden Detail. Auch der Name FUSE funktioniert deshalb doppelt: technisch als Verschmelzung von Glas und zugleich als Verbindung zweier gestalterischer Handschriften.

Glas spielt in der Kollektion ohnehin eine wichtige Rolle. Bei Milena Klings SODA LIGHT wird es allerdings weniger geformt als beinahe provoziert. Ausgangspunkt sind Luftblasen im massiven Glas, die durch Experimente mit heißem Glas und Soda entstehen. Unterschiedliche Mischungen führten zu sehr verschiedenen Reaktionen: zu feinen Schichten kleiner Blasen ebenso wie zu erheblich wilderen Formationen, die aufschäumen und wieder mit dem Material verschmelzen. Im weiteren Prozess werden diese Strukturen durch zusätzliche Glasschichten eingeschlossen. Keine Konstellation gleicht exakt der anderen. Sobald Licht durch den Körper fällt, werden aus den eingeschlossenen Blasen kleine Landschaften im Inneren der Leuchte. Bemerkenswert daran ist weniger der Effekt als die Umkehrung eines üblichen Qualitätsbegriffs: Was bei industriell produziertem Glas vermutlich als Fehler aussortiert würde, wird hier zum eigentlichen Grund des Entwurfs.

Auch VALE LIGHT von Birgit Hoffmann und Christoph Kahleyss lebt von Dingen, die bei perfekter Serienware häufig verschwinden sollen. Ein hochglänzender Keramikfuß trägt einen großzügigen Schirm aus mattiertem Opalglas. Der Glasschirm wird mundgeblasen; kleine Lufteinschlüsse können dabei sichtbar bleiben. Eine innenliegende Opalschicht sorgt für eine gleichmäßige Lichtverteilung, anschließend wird die Oberfläche durch ein Ätzverfahren mattiert. Die technische Raffinesse bleibt also weitgehend unsichtbar und zeigt sich vor allem darin, was die Leuchte nicht tut: Sie blendet nicht, ihr Licht verteilt sich weich im Raum und lässt sich stufenlos dimmen. Die Form wirkt beinahe selbstverständlich – erst bei näherem Hinsehen zeigt sich, wie viele unterschiedliche Arbeitsschritte in dieser Ruhe stecken.

Hanne Willmann geht bei LACE LIGHT in die entgegengesetzte Richtung. Statt Licht hinter einer homogenen Oberfläche verschwinden zu lassen, macht sie die Konstruktion sichtbar. Ein glänzender Keramiksockel bildet das Fundament, darüber sitzt eine farbige Glaskugel als Lichtkörper, umgeben von einem großzügigen Schirm aus transparentem Mesh. Dieser wird aus zwei Lagen feinen Metallgewebes von Hand geformt. Weil sich die Schichten überlagern, verändert sich die Erscheinung je nach Perspektive; das Gewebe gibt der Leuchte Volumen, ohne sie optisch schwer werden zu lassen. Besonders gut funktioniert dabei, dass die Lichtquelle nicht versteckt wird. Die Glaskugel sitzt offen im Zentrum – fast wie ein technisches Detail, das keine Lust hat, sich als solches zu tarnen.

Christian Haas wiederum baut seine LINEN LIGHT aus einem ausgesprochen einfachen Gegensatz auf: unten Masse, oben Leichtigkeit. Ein Sockel aus durchgefärbtem Beton trägt einen Schirm aus Leinenstoff. Inspiriert wurde dessen Form von einem zusammengerollten Blatt Papier – einer beiläufigen Bewegung, die in eine präzise geometrische Konstruktion übersetzt wird. Der Betonfuß entsteht bei einem Berliner Produzenten, der textile Schirm wird von Hand über ein filigranes Metallgerüst gespannt und verklebt; gefertigt wird die Leuchte lokal in Deutschland. Gerade weil Haas auf dekorative Kunststücke verzichtet, treten Material und Proportion stärker hervor. Beton darf Beton sein und Leinen Leinen. Das Licht übernimmt den Rest.

Nach so viel Licht wird es körperlicher. Federica Biasis KERO TABLE nimmt ausgerechnet einen Stahlträger als formale Referenz und übersetzt dessen konstruktive Logik in Keramik. Die Silhouette besitzt etwas Architektonisches, doch weiche Radien und glasierte Oberflächen nehmen ihr die industrielle Strenge. Gefertigt wird KERO im Schlickerguss aus mehreren Formteilen: Flüssiger Ton kommt in Gipsformen, die einzelnen Komponenten werden nach dem Trocknen von Hand bearbeitet, zunächst gebrannt, anschließend glasiert und ein zweites Mal gebrannt. Angeboten wird der Tisch in zwei Größen sowie in Burgundy und Creme. Das Interessante daran ist der Materialtausch. Eine Form, die Stabilität und technische Rationalität suggeriert, landet ausgerechnet in einem Material, das während seiner Herstellung äußerst empfindlich ist. Aus Konstruktion wird Keramik, aus dem vermeintlichen Träger ein kleiner Tisch.

Beim PILO TABLE von Hanne Willmann wird Geometrie noch unmittelbarer. Ein dreieckiger Korpus trägt eine quadratische Platte, deren abgerundete Ecken die Strenge der Grundformen abfangen. Auch dieser Tisch entsteht aus Keramik im Schlickergussverfahren. Nach dem Entformen wird der Rohling von Hand nachbearbeitet, gebrannt, glasiert und erneut gebrannt. Die glänzende Oberfläche lässt die kompakte Form beinahe monolithisch erscheinen. Vier monochrome Farben stehen zur Verfügung. PILO wirkt dadurch nicht wie ein verkleinertes Möbel, sondern eher wie eine architektonische Miniatur, die zufällig auch als Tisch funktioniert. Ein ziemlich sympathischer Unterschied.

Keramik kann allerdings noch wesentlich weniger kontrolliert aussehen. Die YAFA VASE von Moïo Studio geht auf ein von Maia Beyrouti handgefertigtes Original zurück. Auf dessen Oberfläche blieben die Spuren ihrer Finger sichtbar. Für die Produktion wurde davon eine Gipsform erstellt, in die flüssiger Ton gegossen wird. Nach dem Trocknen und dem ersten Brand erhält jede Vase zunächst eine Grundglasur und anschließend weitere, von Hand aufgetragene Glasuren, die Beyrouti selbst entwickelt hat. Sie fließen über die Oberfläche, sammeln sich in Vertiefungen und erzeugen unterschiedliche Farbverläufe und Texturen. Keine zwei Vasen sehen deshalb exakt gleich aus. Schön ist vor allem, dass der Weg von einem einzelnen handmodellierten Original zur reproduzierbaren Edition nicht versucht, die ursprüngliche Handarbeit wegzurationalisieren. Im Gegenteil: Die Fingerabdrücke werden Teil der Form und damit vervielfältigt.

Fabian Freytag bringt mit HER PILLOWS ein Material in die Kollektion, das zwangsläufig näher an den Körper rückt. Die Kissen sind aus Wolle gefertigt und verbinden gewebte Flächen mit aufliegenden textilen Linien. Muster und Farben werden nicht nachträglich aufgedruckt, sondern als Jacquard direkt in die textile Struktur eingearbeitet. Produziert wird in Belgien und Portugal. Freytags Entwürfe bewegen sich zwischen Grafik und Relief: Linien werden körperlich, Flächen bekommen Tiefe, aus einem zweidimensionalen Muster entsteht etwas, das erst durch seine Haptik vollständig wird. Dass ein Kissen dabei durchaus dekorativ sein darf, ist fast erleichternd. Nicht jedes Stück Design muss so tun, als hätte es gerade ein theoretisches Problem gelöst.

Am unscheinbarsten könnte schließlich das VEIN TRAY von Ilja Huber sein – zumindest solange nichts darauf steht. Das Tablett wird aus mehrschichtiger Eiche verleimt und als massiver Rohling weiterverarbeitet. Seine Form entsteht zunächst präzise per CNC-Fräse, anschließend werden Kanten und Übergänge von Hand geschliffen. Die Füße scheinen weich aus der Fläche herauszuwachsen und heben das Tablett leicht vom Untergrund ab. Sichtbar bleibt die Maserung des Holzes, wodurch sich jedes Exemplar unterscheidet. Am Ende wird die Oberfläche lackiert und für den täglichen Gebrauch geschützt. Gerade dieses Nebeneinander von computergesteuerter Bearbeitung und Handarbeit ist interessanter als jede romantische Vorstellung von Manufaktur. Präzision muss heute nicht bedeuten, Maschinen möglichst weit aus der Werkstatt fernzuhalten. Entscheidend ist, an welcher Stelle welches Werkzeug sinnvoll wird.

Die Kollektion versucht nicht, ihre unterschiedlichen Designerinnen und Designer in eine einzige ästhetische Sprache zu zwingen. Hanne Willmann darf anders denken als Christian Haas, Milena Kling anders als Federica Biasi oder Ilja Huber. Auch die Materialien bleiben eigensinnig: Beton besitzt Gewicht, Mesh Transparenz, Wolle Wärme, Eiche Maserung, Glas Unberechenbarkeit und Keramik jene minimale Unregelmäßigkeit, die eine perfekte Oberfläche erst interessant machen kann.

So entsteht eine Linie, die weniger über einen Look funktioniert als über Nähe zu den Dingen. Das Besondere steckt nicht zwingend in großen Gesten. Manchmal genügt eine Luftblase im Glas, eine Finger­spur im Ton oder eine Kante, die nach dem Fräsen noch einmal von Hand geschliffen wurde. Vielleicht sind das am Ende tatsächlich Essentials – nicht weil man ohne sie nicht leben könnte, sondern weil Räume ohne solche Dinge ziemlich schnell austauschbar werden. Alle Produkte sind ab Mitte November erhältlich.

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