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Form folgt Gefühl

Die Geschwindigkeit, mit der Trends heute entstehen und wieder verschwinden, hat eine bemerkenswerte Gegenbewegung ausgelöst. Immer mehr Designer interessieren sich nicht länger für das Spektakel des Neuen, sondern für die Qualitäten, die Mode dauerhaft relevant machen: Material, Handwerk und die Idee hinter einem Kleidungsstück. IM MEN gehört zu den spannendsten Vertretern dieser Entwicklung – und zeigt mit der Herbst/Winter-Kollektion 2026/27, dass Innovation manchmal genau dort beginnt, wo Gestaltung auf das Wesentliche reduziert wird. „Formless Form“ lautet der Titel der neuen Kollektion. Ein scheinbarer Widerspruch, der sich bei näherem Hinsehen als präzise Beschreibung eines gestalterischen Prinzips entpuppt. Denn IM MEN interessiert sich nicht für die perfekte Silhouette, sondern für den Moment davor – für das Stück Stoff, aus dem erst durch Bewegung, Konstruktion und den Körper selbst Kleidung entsteht. Form wird hier nicht entworfen, sondern entwickelt sich.

Präsentiert wurde die Kollektion im historischen Collège des Bernardins im Herzen von Paris. Die ehemalige Klosterschule aus dem 13. Jahrhundert bot den passenden Rahmen für eine Schau, die weniger auf Inszenierung als auf Konzentration setzte. Zwischen mittelalterlicher Architektur und klarer Lichtführung rückten das Wesentliche in den Mittelpunkt: Stoff, Schnitt und die stille Kraft intelligenter Gestaltung. Damit knüpft IM MEN konsequent an jene Designphilosophie an, die Issey Miyake über Jahrzehnte geprägt hat. Kleidung wird nicht als starres Objekt verstanden, sondern als lebendiges System, das sich erst im Zusammenspiel mit seinem Träger vollständig entfaltet. Genau diese Offenheit verleiht den Entwürfen ihre ungewöhnliche Modernität.

Besonders eindrucksvoll gelingt dies mit der Serie CLAY. Ausgangspunkt ist ein eigens entwickeltes Textil, das glatte Flächen mit einer hitzereaktiven Rippenstruktur kombiniert. Während sich einzelne Bereiche unter Wärmeeinwirkung zusammenziehen, entstehen plastische Volumen, die aus einem flachen Schnitt kaum vorhersehbar wären. Das Ergebnis erinnert an textile Skulpturen, bleibt jedoch überraschend beweglich. Der Stoff passt sich dem Körper an, folgt jeder Bewegung und verbindet architektonische Präsenz mit außergewöhnlichem Tragekomfort. Kleidung wirkt hier nicht konstruiert, sondern beinahe organisch gewachsen.

Eine ganz andere Form von Innovation zeigt DAWN. Inspiriert von den flüchtigen Farbstimmungen zwischen Sonnenaufgang und Abenddämmerung entstehen Stoffe mit aufwendig von Hand gefärbten Dreifach-Verläufen. Keine Bahn gleicht der anderen. Die Farbigkeit entwickelt Tiefe, ohne plakativ zu wirken, während großzügige Stoffbahnen an überdimensionierte Schals erinnern, die sich unterschiedlich drapieren lassen. Mäntel verändern ihre Wirkung je nach Trageweise und bewegen sich mühelos zwischen klassischer Schneiderkunst und skulpturalem Design.

Auch OVERLAP stellt gewohnte Vorstellungen von Outerwear infrage. Brustpatte und Regenschutz entstehen aus einem einzigen Stoffstück, Ärmel lassen sich öffnen, sodass der Mantel nahezu selbstverständlich zum Poncho wird. Schulterriegel verändern zusätzlich die Proportionen und eröffnen neue Silhouetten. Trotz dieser Wandelbarkeit wirkt nichts experimentell um seiner selbst willen. Jede konstruktive Entscheidung folgt einer klaren Funktion. Unterstützt wird dies von einem leichten Baumwoll-Nylon-Gewebe, dessen gewaschene Oberfläche dem Material eine lebendige, fast natürliche Struktur verleiht.

Wie zeitgemäß klassische Eleganz interpretiert werden kann, zeigt GRADATION WOOL. Jede Stoffbahn wird einzeln von Hand eingefärbt und entwickelt dadurch individuelle Farbverläufe, die jedes Kleidungsstück zum Unikat machen. Cropped Jackets und Jumpsuits lassen sich über seitliche Reißverschlüsse miteinander verbinden und erzeugen eine neue Form formeller Kleidung. Breite Taillenbänder erinnern an traditionelle Kummerbunde, ohne historisierend zu wirken. Statt Strenge entsteht eine fließende Eleganz, die klassische Dresscodes neu interpretiert.

Besonders tief verwurzelt in der japanischen Textilkultur ist die Serie KASURI. Die traditionelle Ikat-Webtechnik arbeitet mit teilweise vorgefärbten Garnen, deren leichte Verschiebungen während des Webens lebendige Muster entstehen lassen. IM MEN verbindet vier unterschiedliche Garnqualitäten miteinander und erzeugt so eine Oberfläche, deren subtile Unregelmäßigkeiten bewusst sichtbar bleiben. Gerade diese kleinen Abweichungen verleihen dem Stoff seine besondere Lebendigkeit. Jacken und asymmetrische Hosen entstehen aus einem einzigen rechteckigen Stoffstück und entwickeln erst am Körper ihre weichen, fließenden Drapierungen.

Auch FRONT BACK zeigt, wie konsequent Material zum Gestaltungselement wird. Mattes Wollgewebe trifft auf glänzenden Satin, der beim Umschlagen von Kragen oder Ärmeln sichtbar wird. Durch eine durchgehende Schnittführung zwischen Rumpf und Ärmeln entstehen Kleidungsstücke, die sich immer wieder neu tragen lassen. Jacken verwandeln sich in lange Westen, Ärmel werden zu Schals oder Kapuzen. Die Grenzen zwischen Funktion und Gestaltung verschwimmen nahezu vollständig.

Mit SELVEDGE WOOL richtet IM MEN den Blick schließlich auf die japanische Textilregion Bishu, deren Wollproduktion seit Jahrzehnten internationale Maßstäbe setzt. Sämtliche Produktionsschritte entstehen dort aus einer Hand – vom Spinnen bis zur Veredelung. Die weichen Stoffe tragen den eingewebten IM MEN-Schriftzug entlang der Webkante und entfalten ihre eigentliche Form erst in Bewegung. Ausgangspunkt bleibt erneut ein nahezu quadratischer Zuschnitt, aus dem sich scheinbar mühelos fließende Silhouetten entwickeln.

Selbst die Accessoires folgen konsequent dieser gestalterischen Haltung. Die Taschenserie LEATHER PLEATS überträgt die charakteristischen Faltungen der Kleidung auf hochwertiges Naturleder und verbindet klare Schnitte mit weichen Linien. Fast spielerisch wirkt dagegen TO GO – Taschen, deren Form an den klassischen Coffee-to-go-Becher erinnert. Gewöhnliche Alltagsobjekte werden in Leder übersetzt und erhalten dadurch eine vollkommen neue Wertigkeit. Es ist genau diese Verbindung aus Funktion, Humor und Materialbewusstsein, die IM MEN so unverwechselbar macht.

Was „Formless Form“ letztlich auszeichnet, ist nicht allein die technische Raffinesse der Stoffentwicklungen oder die Präzision der Schnitte. Die Kollektion formuliert eine Haltung, die weit über Mode hinausreicht. Sie fordert dazu auf, genauer hinzusehen, Materialien wieder bewusst wahrzunehmen und Gestaltung nicht ausschließlich über spektakuläre Bilder zu definieren. Gerade in einer Branche, die immer schneller nach Neuem sucht, wirkt diese Konzentration auf das Wesentliche fast radikal.

Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Stärke von IM MEN. Die Kollektion versucht nicht, Trends zu schaffen. Sie erinnert vielmehr daran, dass gute Gestaltung immer mit einer Idee beginnt – und manchmal genügt dafür tatsächlich nichts weiter als ein einziges Stück Stoff. Weitere Informatiionen unter IM MEN

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