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Dinner mit einem Schönling

Ein perfekter Körper ist offenbar auch nur eine Immobilie. Als Restauratoren das Innere einer antiken Bronzestatue untersuchten, die vor der kroatischen Insel Lošinj aus der Adria geborgen worden war, fanden sie darin ein Mäusenest aus Gräsern, Zweigen und Blättern sowie Samen, Fruchtkerne und Insektenreste. Von der Maus selbst blieb dagegen nichts zurück. Das Tier hatte sich im hohlen Rumpf eines athletischen Jünglings eingerichtet – lange bevor dieser für fast zweitausend Jahre auf dem Meeresgrund verschwand. Selbst die griechische Antike war also nicht vor Untermietern sicher. Der kroatische Apoxyomenos zählt zu den am besten erhaltenen antiken Bronzefiguren weltweit. Die 1,92 Meter hohe Statue zeigt einen jungen Sportler nach einem Wettkampf. Mit einer Strigilis, einem gebogenen Schaber, entfernt er Öl, Schweiß und Sand von seiner Haut. Sein Name leitet sich vom altgriechischen Begriff für „der Sich-Schabende“ ab. Das klingt wenig heroisch, und genau darin liegt die Qualität der Figur. Kein Speerwurf, kein Siegerkranz, kein Kampf gegen überforderte Gegner. Der Athlet ist mit der Körperpflege beschäftigt. Die Szene wirkt erstaunlich modern. Leistung und Publikum liegen bereits hinter ihm, der Körper bleibt mit seinen Rückständen zurück. Seine Arme sind nach vorn geführt, das Gewicht leicht verlagert, der Blick konzentriert. Zu sehen ist nicht der Höhepunkt des Wettkampfs, sondern eine stille Tätigkeit danach. Die Antike hat den Mann nicht beim Triumph erwischt, sondern im Badezimmermoment.

Entdeckt wurde der Apoxyomenos 1996 von einem touristischen Taucher in rund 45 Metern Tiefe nahe der kleinen Insel Vele Orjule, südöstlich von Lošinj. Gemeldet wurde der Fund 1998, aus dem Meer geborgen wurde die Statue im April 1999. Sie lag zwischen zwei Felsen, teilweise mit Sand und Sediment gefüllt. Kalkablagerungen, Muscheln und andere Meeresorganismen bedeckten Teile der Oberfläche und trugen dazu bei, die Bronze über Jahrhunderte zu schützen. Lediglich der kleine Finger der linken Hand, der Schaber und die ursprünglich eingesetzten Augen fehlen heute. Die leeren Augenhöhlen machen den Athleten fast eindrucksvoller, als es ein rekonstruierter Blick könnte. Sie geben seinem Gesicht etwas Abwesendes und wurden zu einem grafischen Kennzeichen des Museums. Ein Verlust wird zum Logo – vermutlich eine der klügsten Formen kultureller Wiederverwertung.
Auch über den Weg der Statue ins Meer lässt sich nur spekulieren. Bei archäologischen Untersuchungen rund um den Fundort wurden zwar Teile des bronzenen Sockels, ein Ankerfragment und Reste von Amphoren entdeckt, aber kein eindeutiges Schiffswrack. Möglicherweise ging die Statue während eines Sturms über Bord oder wurde zur Rettung des Schiffes ins Meer geworfen. Vielleicht sollte sie eine römische Villa, einen öffentlichen Bau oder die Sammlung eines reichen Besitzers schmücken. Ihr geplanter Auftritt fiel buchstäblich ins Wasser.

Neun unterschiedlich inszenierte Stationen führen durch Fund, Bergung, Erforschung und Restaurierung. Farben, Licht, Materialien und Ton ersetzen den üblichen Parcours aus Vitrinen und Texttafeln. Der Apoxyomenos erscheint erst am Ende. Er steht in einem weißen, fast schattenfreien Raum aus transluzentem Textil, in dem Fotografieren nicht erlaubt ist. Nach den inszenierten Bereichen davor wirkt diese Leere beinahe radikal. Nichts lenkt ab, niemand kann sich mit einem schnellen Bild zufriedengeben. Für einige Minuten ist tatsächlich nur Schauen vorgesehen.

Das im Frühjahr 2026 eingeführte und ab September erneut angebotene Dinnerformat verändert diesen Museumsbesuch noch einmal. Wenn das Haus für das reguläre Publikum schließt, öffnen sich seine Türen für Gäste der Lošinj Hotels & Villas zu einer privaten Führung. Kein Ben Stiller erwacht zwischen den Exponaten zum Leben, und auch der Apoxyomenos bleibt zuverlässig auf seinem Sockel. Trotzdem verändert sich der Ort, sobald Kasse, Besuchergruppen und Tagesbetrieb verschwunden sind. Der Luxus dieses Abends lässt sich nicht an der Zahl der Gänge messen. Er besteht zunächst aus Ruhe. Kein fremdes Gespräch dringt aus dem nächsten Raum, niemand schiebt sich für ein Foto vor die Statue, keine Schulklasse hat gerade dringende Fragen zur nächsten Toilette. Der Guide muss nicht gegen die Geräuschkulisse eines geöffneten Museums ansprechen. Der Athlet bekommt seine Bühne, ohne dass daraus eine Show wird.

Anschließend wartet auf dem Balkon des Kvarner-Palasts ein gedeckter Tisch. Unter ihm liegt Mali Lošinj, dahinter öffnet sich die Augusta-Bucht, über den Dächern beginnt der Himmel dunkel zu werden. Ein privater Koch serviert ein Drei-Gänge-Menü, das mit mediterranen Aromen die europäischen Stationen der Statue aufgreift. Erfreulicherweise verzichtet der Abend auf nachgespielte Antike. Keine Toga, kein falsches Gelage, kein Brotfladen nach angeblich zweitausend Jahre altem Rezept. Der bronzene Grieche ist bereits Attraktion genug.

Die Küche orientiert sich an der Kvarner-Region, die 2026 European Region of Gastronomy ist. Das Meer bleibt dadurch nicht bloß Aussicht, sondern wird Teil des Menüs. Entscheidend ist jedoch der Ortswechsel: Das Essen findet nicht in einem abgetrennten Private-Dining-Room statt, dessen wichtigste Eigenschaft eine geschlossene Tür wäre. Serviert wird in einem Museum, das vollständig auf die Begegnung mit einem einzigen Körper ausgerichtet ist. Erst die Führung, dann der Blick über den Hafen – Kulturprogramm und Abendessen lassen sich kaum enger miteinander verbinden. Die Verbindung zur Gegenwart funktioniert auch ohne kulinarisches Theater. Kvarner trägt 2026 den vom International Institute of Gastronomy, Culture, Arts and Tourism vergebenen Titel „European Region of Gastronomy“. Der Blick aufs Meer bleibt dadurch nicht bloß Dekoration. Mediterrane Küche, Inselgeschichte und Landschaft treffen an einem Ort zusammen, der normalerweise nicht für Abendessen vorgesehen ist. Entscheidend ist dabei der Ortswechsel: Serviert wird nicht in einem abgetrennten Private-Dining-Room, dessen wichtigste Eigenschaft eine geschlossene Tür wäre, sondern in einem Museum, das vollständig auf die Begegnung mit einem einzigen Körper ausgerichtet ist. Erst die Führung, dann der Blick über den Hafen – Kulturprogramm und Abendessen lassen sich kaum enger miteinander verbinden.

Buchbar ist das private Dinner ausschließlich für Gäste der Lošinj Hotels & Villas und nur auf Anfrage mit vorheriger Reservierung. Zur Gruppe gehören Hotels, Villen, Apartments und Restaurants auf der Insel. Zwei ihrer Häuser liegen in der Čikat-Bucht und bieten sich als Ausgangspunkt an: das Boutique Hotel Alhambra und das Hotel Bellevue. Sie werden bei diesem Erlebnis nicht zum eigentlichen Thema, übernehmen aber eine wichtige Aufgabe. Sie organisieren einen Abend außerhalb der regulären Öffnungszeiten und kümmern sich um die Führung, das Menü und den Ablauf an einem normalerweise verschlossenen Ort.

Das Boutique Hotel Alhambra passt besonders gut zu dieser Geschichte, weil es selbst nicht in einem beliebigen Neubau steckt. Das Haus verbindet die sorgfältig restaurierte Architektur einer historischen Villa mit einem überschaubaren, persönlichen Hotelbetrieb in der Čikat-Bucht. Nach dem Museumsdinner geht es nicht zurück in eine anonyme Lobby, sondern an einen Ort, der ebenfalls von der älteren Geschichte der Insel lebt. Der Unterschied: Im Alhambra darf auf dem Zimmer selbstverständlich fotografiert werden.

Zum Haus gehört das Restaurant Alfred Keller, dessen Küche mit hochwertigen Produkten aus Kroatien und der Umgebung Lošinjs arbeitet. Damit bleibt der kulinarische Teil des Aufenthalts auch jenseits des Museums eng an die Insel gebunden. Das klingt selbstverständlich, ist es in der internationalen Hotellerie aber keineswegs. Noch immer lässt sich in manchen Küstenhotels leichter ein importiertes Edelstück vom Rind bestellen als der Fisch, der wenige Stunden zuvor vor der Tür aus dem Wasser gezogen wurde

Das Hotel Bellevue zeigt die modernere Seite der Gruppe. Das helle, minimalistisch gestaltete Gebäude öffnet sich im Inneren zu einem großen Atrium und liegt ebenfalls in der von Pinien geprägten Čikat-Bucht. Sein Restaurant Matsunoki kombiniert japanische Küchentechniken mit mediterranen Zutaten. Nach einem Abend beim griechischen Athleten ist das eine überraschend kosmopolitische Fortsetzung: antike Bronze, kroatische Insel, japanisch inspirierte Küche. Lošinj scheint wenig Interesse daran zu haben, sich auf ein einziges touristisches Bild reduzieren zu lassen.

Auch die Spa-Angebote der beiden Hotels wirken im Zusammenhang mit dem Apoxyomenos fast unfreiwillig passend. Der Mann aus dem Meer ist schließlich bei einer Form antiker Körperpflege dargestellt. Öl, Sand und Schweiß wurden damals mit einem Schaber entfernt; heute erledigen Wasser, Behandlungen und sehr viel weichere Handtücher den Job. Zweitausend Jahre Wellnessgeschichte trennen den bronzenen Athleten von den Hotelgästen – der Wunsch, den eigenen Körper nach Anstrengung wieder gesellschaftsfähig zu machen, ist geblieben. Der Museumsabend zeigt, wie ein Hotelangebot aussehen kann, das nicht einfach das bekannte Programm um einen weiteren Menüpunkt verlängert. Die Lošinj Hotels & Villas holen den Gast nicht zu einer inszenierten Attraktion ins Haus, sondern schicken ihn hinaus. Weg vom Zimmer, aus der Bucht und hinein in die Stadt. Das Museum bleibt dabei Museum. Es wird weder zur Eventfläche umdekoriert noch mit zusätzlicher Unterhaltung überladen. Die Küche tritt erst auf den Balkon, nachdem die Begegnung mit der Statue beendet ist.

Gerade außerhalb der Hochsaison ergibt das Sinn. Das Dinner wurde im Frühjahr angeboten und kehrt ab September zurück, wenn die Insel leiser wird und der Strom der Tagesbesucher abnimmt. Dann gewinnt ein privater Abend im Kvarner-Palast zusätzlich an Intensität. Das Erlebnis ist nur auf Anfrage und mit Vorreservierung buchbar. Spontan zwischen spätem Frühstück und Spa-Termin lässt es sich also nicht einschieben. Ein Museum, ein persönlicher Guide und ein individuell organisierter Abend dürfen ein wenig Planung verlangen. Wer dem Apoxyomenos anschließend noch näher an seinen Fundort folgen möchte, kann in der Čikat-Bucht den Historischen Unterwasserpark von Lošinj besuchen. In fünf bis fünfzehn Metern Tiefe liegen elf Stationen mit Nachbildungen historischer Objekte, darunter Kanonen, Amphoren, Anker und eine lebensgroße Replik des Athleten. Lizenzierte Taucher können den rund 300 Meter langen Parcours selbstständig erkunden. Anfänger gelangen im Rahmen eines begleiteten „Discovery Dive“ mit einem Tauchlehrer hinab. Das kostbare Original bleibt selbstverständlich im kontrollierten Klima des Museums. Sein Doppelgänger steht wieder zwischen Strömung, Lichtreflexen und Meeresboden.
So entsteht aus einem Hotelaufenthalt keine abgepackte Kulturlektion, sondern eine ziemlich gute Nacht: erst allein mit einem 1,92 Meter großen Schönling, dann drei Gänge über den Dächern von Mali Lošinj und schließlich zurück an die Čikat-Bucht. Der Apoxyomenos spricht nicht, sieht nichts und trägt zum Dinner noch nicht einmal einen Schaber. Als Gastgeber funktioniert er trotzdem erstaunlich gut.

Fotos @ Günter Standl

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