Ein Hotel kann ziemlich vieles organisieren. Einen Helikopter sowieso, einen Tisch im Schloss vermutlich auch. Schwieriger wird es bei Dingen, die nicht auf einer Preisliste stehen: persönliche Kontakte, verschlossene Türen, Menschen, die normalerweise keine Führungen geben. Genau dort sucht die Luxushotellerie gerade nach ihrem nächsten Statussymbol. Denn wenn sich fast alles kaufen lässt, wird Zugang plötzlich interessanter als Besitz. Das Hotel Vier Jahreszeiten Kempinski München macht daraus ab sofort ein Geschäftsmodell. Mit den sogenannten E.R.A.s – Experience Real Access – soll das Haus nicht länger nur Ausgangspunkt für München sein, sondern eine Art persönlicher Schlüsselbund zur Stadt. Statt Sehenswürdigkeiten zu empfehlen, werden Begegnungen organisiert, die gewöhnlich nicht im Reiseführer stehen: mit Historikern des Hauses Wittelsbach über Königsschlösser fliegen, mit dem Hüter der BMW-Geschichte durch Werkstätten gehen, Porzellan in Nymphenburg bemalen oder morgens mit Lothar Matthäus durch den Englischen Garten laufen.

Das klingt zunächst nach der nächsten Eskalationsstufe des Erlebnisluxus. Tatsächlich steckt dahinter eine interessante Frage: Was kann ein Fünf-Sterne-Hotel seinen Gästen noch anbieten, wenn hervorragende Betten, Spa, Concierge und Champagner längst Grundausstattung der Kategorie geworden sind? Kempinskis Antwort lautet: München selbst. Die Idee ist durchaus konsequent. Internationale Luxushotellerie hat über Jahrzehnte enorme Energie darauf verwendet, Unterschiede zwischen Orten zu reduzieren. Wer in einer Suite in München aufwachte, sollte denselben Komfort erwarten dürfen wie in Bangkok, Istanbul oder Dubai. Verlässlichkeit war Teil des Versprechens. Nur führte diese Perfektion irgendwann zu einem kleinen Paradox: Je internationaler die Hotels wurden, desto weniger musste man wissen, in welcher Stadt man gerade aufgewacht war.
Barbara Muckermann, Group CEO von Kempinski, bringt diese Entwicklung auf eine prägnante Formel. Über Jahrzehnte hat Luxus denselben Zimmerservice in unterschiedlichen Postleitzahlgebieten bedeutet. Nun wird das Hotel „von innen nach außen“ gekehrt. Statt Gästen eine Tour zu buchen, wolle man ihnen die Schlüssel zur Stadt geben. Dafür hat Kempinski die etwas sperrige Bezeichnung E.R.A.s erfunden und stellt ihr die Frage „What E.R.A are you in?“ zur Seite. In München gibt es zunächst drei dieser Erlebniswelten: Royalty, Craftmanship und Regenerative. Hinter jeder steht ein Resident Curator, der mit sogenannten Local Insiders arbeitet. Entscheidend sollen nicht möglichst spektakuläre Programmpunkte sein, sondern persönliche Verbindungen zu Menschen, die einen Teil Münchens tatsächlich mitgestalten oder außergewöhnlich gut kennen.
Bei der Royalty Era darf es trotzdem ziemlich spektakulär werden. Gemeinsam mit Markus und Vanessa Richter, Historikern des Hauses Wittelsbach, können Gäste per Helikopter fünf bayerische Königsschlösser aus der Luft betrachten. Markus Richter kennt die königliche Welt nicht nur aus Archiven: Er lebte als Schlossverwalter jahrelang in Neuschwanstein. Vanessa Richter beschäftigt sich intensiv mit der Geschichte der bayerischen Könige. Wer lieber am Boden bleibt, kann Schloss Nymphenburg zum Schauplatz des Abends machen. Geplant sind Bankette im Hubertussaal oder in der Orangerie, inspiriert von der Tafel König Ludwigs II., begleitet von bayerischen Weinen und einem Streichquartett mit Musik Richard Wagners. Noch intimer wird ein Dinner in der königlichen Residenz mit einem Konzert der japanischen Pianistin, Klangkünstlerin und Komponistin Masako Ohta. München wird dabei nicht erklärt, sondern für ein paar Stunden privat aufgeführt.

Interessanter wird das Konzept dort, wo weniger große Gesten nötig sind. Die Craftmanship Era widmet sich Dingen, für die München und Bayern stehen, ohne sie in Folklore zu verwandeln. In der Porzellan Manufaktur Nymphenburg, in der seit 1747 von Hand gefertigt wird, führt CEO Anders Thomas Gäste zu den Kunsthandwerkern. Unter deren Anleitung entsteht ein selbst bemaltes Porzellan-Unikat. Statt Souvenirshop also Werkbank. Beim Bier wird ausgerechnet wissenschaftliche Gründlichkeit zum Luxusfaktor. Dr. Sauer, einer der wenigen zertifizierten Elite-Biersommeliers Münchens, schenkt im historischen Jagdzimmer des Hotels die sechs großen Münchner Biere nebeneinander aus. Eine Stadt, die mit Bier gelegentlich etwas sehr Selbstverständliches verbindet, bekommt ihr bekanntestes Getränk damit als vergleichende Verkostung zurück. Sechs Gläser München auf einmal – vermutlich die unterhaltsamste Form angewandter Heimatkunde.
Auch BMW wird nicht über eine gewöhnliche Museumstour abgehandelt. Helmut Käs, CEO von BMW Group Classic und Hüter der Unternehmensgeschichte, führt persönlich durch Werkstätten und Classic Showroom an jenem Ort, an dem die Geschichte des Unternehmens 1916 begann. Das Auto wird damit weniger Ausstellungsstück als Zugang zu Münchens Industriegeschichte.
Und dann wäre da noch die Regenerative Era, bei der die Vorstellung von Luxus endgültig den Bademantel ablegt. Gäste können sich von einem zertifizierten Wim-Hof-Guide auf ein Eisbad im Eisbachkanal vorbereiten lassen. Mario Ströhlein trainiert zunächst Atem und Nervensystem, begleitet anschließend ins kalte Wasser und danach zurück in die Hotelsauna. München dürfte eine der wenigen Städte sein, in denen ein Luxushotel seinen Gästen freiwillig anbietet, in einen eiskalten Kanal zu steigen. Wer Kälte für verzichtbar hält, kann stattdessen laufen. Und zwar mit Lothar Matthäus. Der Weltmeister-Kapitän von 1990, Ballon-d’Or-Gewinner und bislang einzige Deutsche, der zum FIFA-Weltfußballer des Jahres gewählt wurde, dreht morgens seine Runde durch den Englischen Garten. An ausgewählten Tagen können Hotelgäste mitlaufen. Die Qualität des Erlebnisses dürfte dabei erheblich davon abhängen, wie ernst Matthäus sein Training nimmt.
Hinter der neuen Berufsbezeichnung Resident Curator steckt übrigens eine historische Referenz. Kempinski sieht darin keine komplette Neuerfindung, sondern die Wiederaufnahme einer alten Aufgabe. 1926 ernannte das Unternehmen Leo Kronau zum ersten „Experience Designer“. Im Haus Vaterland in Berlin, damals einer der größten Vergnügungspaläste der Welt, sollte er den Aufenthalt der Gäste bis ins Detail gestalten. Ein Jahrhundert später bekommt diese Idee einen englischen Titel und ein deutlich größeres Spielfeld.
Das passt zur Geschichte des Unternehmens. Berthold und Helene Kempinski eröffneten 1872 in Berlin eine Weinhandlung mit angeschlossener Weinstube. Gastronomie, gesellschaftliches Leben und Inszenierung gehörten früh zusammen. Die neue Strategie versucht, daraus eine zeitgemäße Rolle abzuleiten: den „Curator of the Good Life“. Nicht gerade bescheiden, aber für eine Luxushotelgruppe vermutlich auch nicht der Moment für falsche Zurückhaltung. Spannend wird sein, wie exklusiv dieser Zugang in der Praxis tatsächlich bleibt. Denn das Wort „Experience“ hat in der Hotellerie inzwischen eine Karriere hinter sich, die beinahe so beeindruckend ist wie die von „Wellness“. Kaum ein Haus verkauft noch einfach eine Übernachtung; überall sollen Gäste entdecken, eintauchen, verbinden und erleben. Kempinski muss deshalb beweisen, dass Real Access tatsächlich mehr bedeutet als besonders aufwendig organisiertes Sightseeing.
Die Münchner Auswahl hat dafür einen entscheidenden Vorteil: Ihre stärksten Momente entstehen nicht durch Dinge, sondern durch Personen. Ein Historiker, der in Neuschwanstein gelebt hat, ein BMW-Classic-Chef in seinen Werkstätten, Kunsthandwerker in Nymphenburg oder ein Weltmeister auf seiner morgendlichen Laufrunde lassen sich schwer durch einen Voucher ersetzen. Genau hier wird aus Service etwas, das sich nicht einfach über den Preis definieren lässt. München dient dabei als Auftakt. E.R.A.s und Resident Curators sollen künftig im gesamten Kempinski-Portfolio eingeführt werden. Zu den nächsten Häusern gehört das Augustine Hotel Prague, die erste Akquisition der Gruppe seit mehr als fünfzig Jahren.
Für das Hotel Vier Jahreszeiten Kempinski München ist der Schritt besonders interessant. Das Haus an der Maximilianstraße gehört zu einer Stadt, die ihre besten Adressen gerne etwas diskreter behandelt als andere Metropolen. Hinter Fassaden, Werkstatttüren und persönlichen Netzwerken passiert häufig mehr als auf irgendeiner Top-Ten-Liste. Vielleicht besteht der zeitgemäßere Concierge-Service deshalb tatsächlich nicht darin, zu wissen, wo man reservieren kann. Sondern wen man anrufen muss, wenn Reservieren nicht reicht.

