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Die Rückkehr des Paisleys

Manche Muster verschwinden nie wirklich. Sie ziehen sich zurück, wechseln die Generation, tauchen in einem anderen Stoff, einer anderen Farbe, einem anderen kulturellen Zusammenhang wieder auf. Paisley gehört zu diesen visuellen Überlebenskünstlern. Mal Bohème, mal aristokratisch, mal psychedelisch, mal beinahe folkloristisch – kaum ein Ornament hat so viele Identitäten angenommen. Für Herbst/Winter 2026/2027 holt Loro Piana das charakteristische Tropfenmotiv nun erneut ins Zentrum seiner Kollektion und behandelt es so, wie es zur Maison passt: leise, materialbewusst und frei von Nostalgie. Neu ist Paisley bei Loro Piana keineswegs. Bereits Ende der 1960er- und in den 1970er-Jahren tauchte das Muster in den Stoffkollektionen des Hauses auf. Seitdem kehrt es immer wieder auf bedruckten Schals, Accessoires und in Prêt-à-porter-Kollektionen zurück. Im historischen Archiv der Maison finden sich Bücher und textile Zeugnisse, die diese lange Beschäftigung dokumentieren. Paisley ist damit weniger ein saisonaler Trend als Teil eines gestalterischen Vokabulars, das über Jahrzehnte immer wieder neu gelesen wurde.

In der aktuellen Kollektion übernimmt das Muster dennoch eine ungewöhnlich dominante Rolle. Es erscheint auf fließenden Kleidern, weiten Röcken, Blusen, Hosen, Capes und Tüchern und wandert bis in Accessoires und Schuhe. Statt plakativem Revival entsteht ein vielschichtiges Bild, das auf Reisen, Erinnerungen und jene schwer greifbaren Eindrücke anspielt, die von fernen Orten zurückbleiben. Keine konkrete Destination, kein ethnografisches Zitat – eher die Vorstellung von Landschaft, Farbe und Atmosphäre, die sich im Gedächtnis miteinander vermischen. Das passt erstaunlich gut zu einem Muster, dessen Stärke schon immer in seiner Uneindeutigkeit lag. Paisley ist ornamental, ohne streng geometrisch zu sein, dekorativ, ohne zwangsläufig laut zu werden. Die tropfenförmigen Formen besitzen Bewegung, obwohl sie statisch sind. Bei Loro Piana werden sie nicht als dekorative Oberfläche behandelt, sondern beinahe wie eine zusätzliche Textur.

Entscheidend dafür ist die Farbgebung. Statt kräftiger Kontraste setzt die Maison auf tiefe Erdtöne, Sand, verwaschene Pastelle, Rostrot und gebrannte Nuancen. Die Farben wirken, als hätten sie bereits ein Leben hinter sich – sonnengebleicht, leicht gedämpft, nie vollständig eindeutig. Gerade dadurch verliert Paisley jene folkloristische Direktheit, die das Muster schnell bekommen kann. Es wird ruhiger, selbstverständlicher und vor allem tragbarer. Die Silhouetten unterstützen diesen Eindruck. Vieles ist weich, großzügig und körperfern gedacht: Stufenröcke, lange Kleider, Palazzo-Hosen, Rüschenblusen und umhüllende Capes. Ein schalartiges Kopftuch verstärkt die Idee des Reisens, ohne daraus ein Kostüm zu machen. Daneben stehen strukturiertere Stücke wie eine zweireihige Jacke mit kontrastierender Paspelierung oder eine dazugehörige Haremshose. Der Reiz entsteht gerade aus diesem Wechsel zwischen fließender Bewegung und klarer Konstruktion.

Material spielt dabei naturgemäß die Hauptrolle. Seide zieht sich als verbindendes Element durch die Kollektion und trifft auf Wolle, Kaschmir und Leinen. Die Kombination ist typisch für Loro Pianas Verständnis von Luxus: weniger über sichtbare Logos oder dramatische Formen als über Oberfläche, Gewicht und Griff. Zarte Stickereien setzen zusätzliche Akzente, ohne den Stoff zu überladen. Gerade Paisley verlangt in diesem Zusammenhang technische Präzision. Das Motiv lebt von seinen feinen Linien, seinen verschachtelten Binnenformen und der Genauigkeit des Drucks. Auf Seide ist das bereits anspruchsvoll, auf Kaschmir oder anderen besonders weichen, leichten Stoffen wird es komplizierter. Farbe muss klar erscheinen, ohne die Haptik zu beeinträchtigen. Für Loro Piana liegt genau darin ein wesentlicher Teil der Arbeit: komplexe Druckbilder und feine Farbabstufungen mit der Materialqualität in Einklang zu bringen.

Das klingt zunächst nach einer technischen Nebensache, ist aber für die Wirkung der Kollektion entscheidend. Ein Stoff kann noch so luxuriös sein – wenn ein ornamentales Motiv auf seiner Oberfläche schwer, starr oder zu perfekt wirkt, verliert es schnell seine Lebendigkeit. Hier hingegen scheint Paisley mit dem Material zu arbeiten. Seide lässt die Formen gleiten, Kaschmir macht sie weicher, Leinen nimmt ihnen etwas von ihrer formalen Perfektion. Auch die Accessoires führen diese Idee weiter. Paisley-Schals und -Tücher gehören ohnehin zu den naheliegendsten Übersetzungen des Musters. Daneben erscheint die Extra Clutch L29, während die Lou Tassel Walk Slipper mit Kaschmirfutter den Schwerpunkt der Saison auf Komfort und taktile Qualität übertragen. Nichts daran schreit nach Statement-Piece. Genau das ist vermutlich beabsichtigt.

Denn interessanter ist weniger, dass Paisley zurückkommt, als die Art, wie es zurückkommt. Muster feiern in der Mode regelmäßig ihre Wiederauferstehung. Meist dauert es nur wenige Saisons, bis etwas, das eben noch als hoffnungslos altmodisch galt, plötzlich wieder überall erscheint. Loro Piana umgeht diese Mechanik, indem Paisley gar nicht erst als Trend behandelt wird. Das Motiv ist schon lange Teil der eigenen Geschichte und muss deshalb nicht künstlich wiederentdeckt werden. Vielleicht wirkt die Kollektion gerade deshalb so zeitgemäß. Luxus hat sich in den vergangenen Jahren merklich von der Idee permanenter Neuheit entfernt. Interessanter wird zunehmend, was bereits vorhanden ist, sich weiterentwickeln lässt und genügend Substanz besitzt, um unterschiedliche Zeiten zu überstehen. Ein historisches Muster, gute Materialien und handwerkliche Präzision können dabei überraschend modern wirken.

Paisley ist dafür ein ideales Beispiel. Es trägt Vergangenheit in sich, ohne zwangsläufig vergangen auszusehen. In der Herbst-/Winter-Kollektion 2026/2027 von Loro Piana wird daraus kein nostalgisches Zitat und auch kein dekorativer Exzess. Das Ornament wird gedämpft, vergrößert, verfeinert, auf unterschiedliche Materialien übertragen und in eine Garderobe eingebettet, die vor allem eines vermitteln soll: Leichtigkeit. Vielleicht ist das die eigentliche Kunst dieser Kollektion. Ein Muster mit enormer Geschichte so selbstverständlich erscheinen zu lassen, als wäre es gerade erst erfunden worden.

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