regular

← Zur Übersicht

Der Sommer geht. Die Pflege kommt.

Es gibt diesen Moment im Jahr, in dem sich das Badezimmer wieder interessanter anfühlt als der Balkon. Die Abende werden kürzer, die Dusche länger und plötzlich stehen Cremetiegel nicht mehr dekorativ herum, sondern werden tatsächlich benutzt. Nach Monaten mit Sonne, Salzwasser, Chlor und Klimaanlage meldet sich die Haut zurück. Nicht dramatisch, aber ziemlich eindeutig. Der Herbst ist deshalb weniger die Saison für das nächste große Beauty-Versprechen als für etwas angenehm Bodenständiges: gute Körperpflege. Bei I WANT YOU NAKED aus München gehören dazu ein Milchbad, eine ziemlich üppige Body Butter und ein Aroma-Roll-on. Drei Produkte, die ausgerechnet jetzt ihren besten Auftritt haben. Gesichtspflege hat es geschafft, aus jedem Milliliter eine Wissenschaft zu machen. Seren werden geschichtet, Wirkstoffe kombiniert, Retinol-Abende geplant und Sonnenschutzfaktoren diskutiert. Der Rest des Körpers bekommt dagegen häufig das, was morgens noch an Zeit übrig ist. Ein bisschen Lotion auf die Schienbeine, fertig. Dabei hinterlassen die warmen Monate durchaus Spuren. Häufiges Duschen, Sonne, Meer- und Chlorwasser können die Haut austrocknen und rauer erscheinen lassen. Sinkende Temperaturen und später trockene Heizungsluft machen die Sache nicht unbedingt besser.

I WANT YOU NAKED, kurz IWYN, wurde 2015 von Aline und Jörg Werr gegründet. Entwickelt und produziert wird in der eigenen Manufaktur in München. Im Mittelpunkt stehen Pflanzenextrakte, kaltgepresste Öle und ausgewählte Aktivstoffe; synthetische Zusätze und Füllstoffe sollen nach Angaben der Marke draußen bleiben. Entscheidend ist aber eine zweite Ebene: Duft und Textur bekommen ebenso viel Aufmerksamkeit wie die Rezeptur. Naturkosmetik muss schließlich nicht aussehen und riechen, als wäre Genuss eine verdächtige Nebenwirkung. Das vegane Milchbad Coco Glow ist dafür ein ziemlich gutes Beispiel. Schon der Begriff Milchbad besitzt etwas herrlich Anachronistisches. Seit Jahrhunderten wird Kleopatra hineinerzählt, obwohl die historische Beweislage für ihre legendären Beauty-Bäder weniger luxuriös ausfällt als die Legende selbst. 2026 kommt die Sache jedenfalls ohne tierische Milch aus. Coco Glow ist vegan und basisch formuliert und besitzt einen zurückhaltenden Kokosduft. Das Pulver wird ins warme Badewasser gegeben und soll die Haut intensiv pflegen und mit Feuchtigkeit versorgen.

IWYN schreibt dem Milchbad darüber hinaus regenerierende Eigenschaften zu und verweist auf die Unterstützung von Kollagen und Elastin. Bei kosmetischen Wirkversprechen ist etwas Nüchternheit grundsätzlich keine schlechte Begleitung: Wie stark ein Produkt wahrnehmbar wirkt, hängt von Rezeptur, Anwendung und individuellem Hautzustand ab. Der unmittelbar interessante Effekt ist ohnehin viel einfacher. Ein Badezusatz sollte verhindern, dass sich die Haut anschließend anfühlt, als hätte sie eine halbe Stunde im falschen Wasser verbracht. Coco Glow zielt entsprechend auf ein weiches, gepflegtes Hautgefühl ab. 400 Gramm kosten 45 Euro. Fast interessanter ist allerdings, dass ein Milchbad heute überhaupt wieder zeitgemäß erscheint. Beauty wurde jahrelang auf Effizienz getrimmt. Masken wirken während eines Zoom-Calls, Seren ziehen in Sekunden ein, Treatments werden über Nacht erledigt und selbst Entspannung soll möglichst wenig Zeit kosten. Eine gefüllte Badewanne widersetzt sich dieser Logik ziemlich konsequent. Sie ist groß, verbraucht Zeit und lässt sich schlecht nebenbei erledigen. Vielleicht liegt ihr neuer Luxus genau darin.

Nach dem Wasser kommt Fett – kosmetisch betrachtet eine ausgesprochen vernünftige Reihenfolge. Die Coco Glow Body Butter verzichtet vollständig auf Wasser und kombiniert Bio-Kokosöl, Sheabutter und Vitamin E. Dadurch fällt die Textur naturgemäß gehaltvoller aus als bei einer klassischen Bodylotion. Gleichzeitig ist das Produkt ergiebig: Eine kleine Menge genügt, besonders wenn sie nach der Dusche oder dem Bad auf die noch leicht feuchte Haut massiert wird. Das Prinzip dahinter ist erfreulich unspektakulär. Lipidreiche Pflege kann helfen, den Feuchtigkeitsverlust über die Haut zu reduzieren und ihre Oberfläche weich zu halten. Kokosöl fungiert dabei als reichhaltiges Emolliens, Sheabutter unterstützt ein geschmeidiges Hautgefühl, Vitamin E wird in kosmetischen Formulierungen unter anderem wegen seiner antioxidativen Eigenschaften eingesetzt. Vor allem trockene Hautpartien profitieren von einer solchen konzentrierten Textur. Ein bisschen Disziplin beim Dosieren schadet allerdings nicht: Wer eine wasserfreie Butter behandelt wie eine leichte Sommerlotion, glänzt anschließend womöglich stärker als ursprünglich geplant. 100 Milliliter kosten 19 Euro.

Das dritte Produkt kümmert sich nicht um Quadratmeter Haut, sondern um wenige Zentimeter Handgelenk. Der Inner Balance Roll-on kombiniert ätherische Öle aus Lavendel, Litsea und Ylang-Ylang mit Mandel- und Jojobaöl. Die Mischung wird punktuell aufgetragen und gehört damit eher in die Kategorie Aromapflege als zur klassischen Körperkosmetik. Lavendel liefert die vertraute krautig-florale Note, Ylang-Ylang steuert eine üppigere, exotischere Facette bei, Litsea bringt zitrische Frische in die Komposition. IWYN beschreibt den Roll-on als entspannend, balancierend und ausgleichend und empfiehlt ihn für Momente der Ruhe. Medizinische Erwartungen sollte ein Aromaöl selbstverständlich nicht erfüllen müssen. Interessanter ist die Macht des Geruchssinns selbst. Düfte sind eng mit Erinnerungen und Situationen verknüpft; ein vertrautes Aroma kann deshalb erstaunlich schnell signalisieren, dass der Arbeitstag vorbei ist oder der Kopf für einen Moment woanders hin darf.

Mit zehn Millilitern ist der Inner Balance Roll-on klein genug für Nachttisch, Schreibtisch oder Handtasche und kostet 29 Euro. Gerade dieses Format zeigt, wie weit sich der Begriff Körperpflege inzwischen geöffnet hat. Es geht nicht mehr ausschließlich darum, eine trockene Stelle einzucremen oder etwas sauber zu bekommen. Produkte werden zunehmend danach ausgewählt, wie sie sich anfühlen, riechen und in einen Tagesablauf einfügen. Das erklärt auch die Renaissance der Bodycare. Während Gesichtspflege über Jahre immer technischer und wirkstofforientierter wurde, holt der Körper gerade auf – allerdings mit einem entscheidenden Vorteil: Hier darf Pflege noch lustvoll sein. Niemand braucht für eine Body Butter einen komplizierten Wochenplan und für ein Milchbad keine Tabelle inkompatibler Wirkstoffe. Wasser einlassen, Pulver hinein, später eincremen. Beauty kann erstaunlich angenehm sein, wenn sie nicht ständig nach Optimierung klingt.

IWYN sitzt genau an dieser Schnittstelle zwischen Naturkosmetik und sinnlichem Produkt. Aline und Jörg Werr setzen nicht auf eine endlose Abfolge austauschbarer Tuben, sondern auf Formulierungen, bei denen Konsistenz und Geruch einen erkennbaren Teil des Produkterlebnisses ausmachen. Coco Glow riecht nach Kokos, weil ein Bad durchaus nach etwas riechen darf. Eine Body Butter darf sich nach Butter anfühlen. Und ein Roll-on muss keine Weltprobleme lösen, um einen Platz auf dem Nachttisch zu verdienen. Vielleicht braucht das sogenannte Home Spa deshalb gar nicht den Aufwand, den der Begriff suggeriert. Keine Hotelhandtücher, keine Kerzenbatterie, kein Bambustablett quer über der Wanne und bitte auch keine Playlist mit Meeresrauschen, während draußen der Münchner Berufsverkehr vorbeizieht. Manchmal sind warmes Wasser, eine gute Creme und zwanzig Minuten ohne Telefon bereits ziemlich luxuriös. Weizere Informationen unter IWYN

Kommentar schreiben

Gefällt Ihnen was Sie sehen? Dann abonnieren Sie unseren Newsletter!