Schiffe werden hier schon lange nicht mehr gebaut. Dafür ziehen im September Galeristen, Sammler, Künstler und jene Menschen ein, die sehr überzeugend fünfzehn Minuten vor einem weißen Rechteck stehen können. Tersane Istanbul am Goldenen Horn vollzieht gerade eine der bemerkenswerteren Metamorphosen der Stadt: Aus dem historischen Werftareal wird ein neues Viertel für Hotels, Restaurants, Shops und Kultur. Vom 22. bis 27. September 2026 kommt nun die Contemporary Istanbul zurück – und verwandelt die alten Hallen für einige Tage in einen ziemlich großen internationalen Kunstbetrieb. Es ist die 21. Ausgabe der wichtigsten Messe für zeitgenössische Kunst in der Türkei. Mehr als 70 Galerien aus 24 Ländern werden erwartet. Dazu kommen Künstler, Kuratoren, Sammler und Vertreter internationaler Institutionen. Nach der Ausgabe 2025, die Amerika in den Mittelpunkt stellte, dreht Contemporary Istanbul den Globus diesmal weiter: „Focus: Asia“ lautet das Thema 2026.


Das ist mehr als ein geografischer Wechsel. Während der europäische und amerikanische Kunstmarkt mit schwächeren Auktionsergebnissen, vorsichtigeren Käufern und der Frage beschäftigt ist, wie viele Messen eigentlich noch in einen Kalender passen, haben sich Teile Asiens zu entscheidenden Schauplätzen des internationalen Kunstgeschäfts entwickelt. Seoul besitzt mit Frieze Seoul längst einen festen Termin im globalen Messekalender, Hongkong bleibt ein bedeutender Handelsplatz, und von Singapur bis Shenzhen entstehen neue Institutionen, Sammlungen und Netzwerke. Istanbul sitzt dabei nicht am Rand dieser Entwicklung. Die Stadt war über Jahrhunderte Teil jener Handelswege, über die Waren, Bilder, Techniken und Ideen zwischen Europa, dem Nahen Osten und Asien zirkulierten. Für eine Kunstmesse, die sich stärker mit Asien beschäftigen will, muss diese Verbindung deshalb nicht erst erfunden werden.
Interessanter ist, was daraus heute entsteht. Contemporary Istanbul will asiatische Künstler und Galerien nicht als exotischen Sonderbereich behandeln, sondern unterschiedliche Szenen miteinander ins Gespräch bringen. Präsentationen, Galeriekooperationen, Talks und Kunst im öffentlichen Raum sollen sich über das Gelände von Tersane verteilen. Die Dimensionen der ehemaligen Werft helfen dabei. Kunst muss hier nicht zwangsläufig in einer weißen Messekoje enden; Höfe und Außenflächen können selbst Teil der Ausstellung werden. Das dürfte Tersane guttun. Denn kaum etwas ist für neu entwickelte Stadtquartiere gefährlicher als Perfektion. Frisch restaurierte Fassaden, Luxusgeschäfte, Restaurants, Hotels, Marina – und plötzlich sieht ein Stadtviertel aus, als sei es bereits fertig gewesen, bevor der erste Mensch dort angekommen war. Kunst kann diese Ordnung zumindest vorübergehend stören.
Genau darin liegt der Reiz der Verbindung zwischen Contemporary Istanbul und dem Gelände. Tersane besitzt eine Geschichte, die sich nicht wegdesignen lässt. Über Jahrhunderte gehörten die Werften am Goldenen Horn zu den bedeutenden Produktionsorten des Osmanischen Reiches. Heute wird das Areal schrittweise für eine vollkommen andere Form urbanen Lebens geöffnet. Mehr als 300 Concept Stores, Restaurants, Rooftop-Bars, Veranstaltungsflächen und eine Marina sind vorgesehen beziehungsweise bereits Teil der Entwicklung; weitere kulturelle Einrichtungen sollen folgen. Die Kunstmesse wird damit gleichzeitig Gast und Beschleuniger dieser Transformation.
Inhaltlich bekommt „Focus: Asia“ mit den CIF Dialogues zusätzliche Tiefe. Unter dem Titel „The Long and Winding Road“ geht es an zwei Tagen um Mäzenatentum, Architektur und Kunstsammeln in Asien und darüber hinaus. Zu den angekündigten Teilnehmern gehören Tim Schneider, Gründer von The Gray Market und Art Business Editor bei Artnet News, die Galeristin Pearl Lam, die türkische Architektin Melike Altınışık und der südkoreanische Sammler Marc Choi. Gerade Altınışık macht die geografischen Verbindungen des Programms greifbar. Die Istanbuler Architektin verantwortet unter anderem das Robot & AI Museum in Seoul. Architektur, Technologie und kultureller Austausch werden damit nicht abstrakt diskutiert, sondern anhand von Projekten, die längst zwischen verschiedenen Kontinenten operieren.
Parallel verlängert die Contemporary Istanbul Foundation die Gespräche ins Digitale. „CIF Bridges“ bringt im Zweiwochenrhythmus Gespräche über die asiatische Kunstszene auf Instagram. Zu den bisherigen Gästen gehören Nick Buckley Wood von Sotheby’s Asia und Felix Kwok von Shenzhen Design Bay. Die Messe beginnt damit nicht erst, wenn sich die Türen in Tersane öffnen. Sie versucht, das Netzwerk bereits vorher sichtbar zu machen. Für Sammler dürfte allerdings eine andere Sektion besonders interessant sein. „New Grounds“ konzentriert sich auf jüngere Galerien und eine neue Generation von Künstlern. Solche Bereiche gehören inzwischen beinahe zum Pflichtprogramm internationaler Kunstmessen, sind aber häufig interessanter als die großen Namen ein paar Hallen weiter. Dort, wo Marktwerte noch nicht vollständig festgeschrieben sind, kann eine Messe tatsächlich wieder das sein, was sie gern von sich behauptet: ein Ort der Entdeckung.
Der Kalender folgt trotzdem den vertrauten Ritualen des Kunstbetriebs. Am 22. September beginnt „At First Sight“ ausschließlich auf Einladung, am 23. September folgt die VIP-Preview, vom 24. bis 27. September öffnet die Messe für das allgemeine Publikum. Erst schauen also jene, die möglicherweise kaufen. Danach jene, die möglicherweise schauen, was die anderen gekauft haben.
Wer währenddessen im Aliée Istanbul wohnt, kann sich den üblichen Transfer zwischen Kunstmesse und Hotel sparen. Das im Juni 2025 eröffnete Haus liegt direkt in Tersane und hat Kunst zu einem wesentlichen Teil seines Konzepts gemacht. 122 Zimmer und Suiten verteilen sich auf vier Gebäude. Das in Los Angeles ansässige Powerstrip Studio kombinierte freigelegte Steinwände und hohe Decken mit handgewebten Seidenteppichen, maßgefertigten Basrelief-Kopfteilen und eigens entworfenen Möbeln. Entscheidender als die Ausstattung ist während der Contemporary Istanbul jedoch die Lage. Das Aliée besitzt eine eigene Kunstsammlung, die Courtyard Art Gallery und ein Artist-in-Residence-Programm und kooperiert mit der Messe. Die übliche Grenze zwischen Kunstreise und Hotelaufenthalt wird dadurch angenehm unscharf. Morgens Ausstellung, nachmittags Gespräch, abends Bar – theoretisch kann man das Gelände tagelang nicht verlassen.









Was bei acht gastronomischen Konzepten und einem 4.000 Quadratmeter großen Spa vermutlich keine besondere Härte bedeutet. Das Well+ Longevity & Spa verbindet Hammam-Traditionen mit zeitgenössischen Wellnessangeboten; hinzu kommt unter anderem das Dinner-Show-Restaurant Mondaine de Pariso. Ein klassisches Kunstmesseproblem – zu wenige Orte für den Drink nach der Vernissage – dürfte hier eher nicht auftreten. Die Aliée Art Collection macht zeitgenössische Kunst zu einem festen Bestandteil des Hauses und versammelt Positionen von Karen Arakel, Aras Seddigh, Eda Soylu, Erol Eskici, Flavio, İrem Günaydın, Mevlana Lipp, Onur Mansız und Saliha Yılmaz – von Malerei und Zeichnung über Skulptur bis zu experimentellen Arbeiten.









Direkt nebenan besetzt das bereits im September 2024 eröffnete Rixos Tersane Istanbul eine andere Position. Das Haus versteht sich stärker als Urban Resort. Industrial-Elemente und maritime Referenzen erinnern an die Vergangenheit des Geländes, während Restaurants und gesellschaftliche Räume den Resortgedanken mitten in die Stadt übertragen. Zum gastronomischen Angebot gehören der Velena Food Market, ein Wine Cellar, der Gowden Club und das Fine-Dining-Restaurant Josephine Istanbul. Dass gleich mehrere Hotels, Gastronomiekonzepte, Retailflächen und eine internationale Kunstmesse auf demselben ehemaligen Industrieareal zusammentreffen, erzählt allerdings eine größere Geschichte über Istanbul. Lange konzentrierte sich die internationale Wahrnehmung der Stadt auf einige vertraute Koordinaten: Bosporus, Sultanahmet, Beyoğlu, Galata, Nişantaşı. Das Goldene Horn verändert diese Karte.
Tersane versucht dabei nicht, Geschichte unter einer neuen Oberfläche verschwinden zu lassen. Gerade die Dimensionen der ehemaligen Werft, ihre industrielle Architektur und die Lage am Wasser liefern etwas, das sich mit keinem Neubau herstellen lässt: Vergangenheit, die räumlich noch spürbar ist. 2026 soll das Viertel weiter wachsen, unter anderem mit einem zusätzlichen Lifestyle-Hotel und dem neuen Istanbul Maritime Museum. Damit könnte sich entscheiden, ob Tersane dauerhaft zu einem kulturellen Stadtquartier wird oder lediglich eine sehr elegante Ansammlung von Adressen bleibt. Veranstaltungen wie Contemporary Istanbul sind dafür wichtiger als der nächste Concept Store. Ein Viertel entsteht schließlich nicht durch Quadratmeter, sondern dadurch, dass Menschen einen Grund haben, wiederzukommen. Im September gibt es davon mindestens 70. So viele Galerien braucht es offenbar, um eine alte Werft endgültig auf andere Gedanken zu bringen.

